"Europa kann nicht ohne russisches Gas auskommen"

Mario Mehren: Der Preisverfall beim Öl hat alle überrascht. Der Markt steht vor fundamentalen Veränderungen.

Mario Mehren: Der Preisverfall beim Öl hat alle überrascht. Der Markt steht vor fundamentalen Veränderungen.

Pressebild
Der Vorstandschef der Wintershall über Geschäfte mit Gazprom, Sanktionen und Energiesicherheit.

Vor fast einem Jahr stoppte Gazprom den Bau der South-Stream-
Pipeline. Kurz danach wurde der Tausch von Unternehmensanteilen auf Eis gelegt. Jetzt wird das Geschäft doch besiegelt - ein Zeichen der Normalisierung zwischen Russland und Deutschland?

Für uns als Unternehmen waren die Beziehungen zu unseren russischen Geschäftspartnern auch in den letzten Monaten normal. Wir arbeiten erfolgreich in unseren gemeinsamen Projekten und bauen mit dem jetzt vollzogenen Tauschgeschäft unsere Aktivitäten direkt an der Quelle in Russland weiter aus. Zudem beteiligen wir uns mit weiteren europäischen Unternehmen am Ausbau der Ostseepipeline Nord Stream.

Dennoch: Die politische Großwetterlage hat, das lässt sich nicht leugnen, zu mehr Unsicherheit im russisch-europäischen Geschäftsumfeld geführt. Wir als Unternehmen haben immer betont, dass Sanktionen und Gegensanktionen nicht das Mittel der Wahl zur Konfliktlösung sind. Gerade in politisch schwierigen Zeiten müssen wir Brücken bauen. Wir hoffen daher, dass von unseren kürzlich getroffenen Entscheidungen ein positives Signal auch an andere Investoren ausgeht. 

Was bedeutet das Tauschgeschäft für die Versorgungssicherheit in Deutschland?

Der Asset-Tausch ist ein deutliches Zeichen der Kontinuität. Klar ist: Eine sichere Energieversorgung Deutschlands und Europas ist ohne Russland nicht vorstellbar. Russland liefert seit Jahrzehnten verlässlich Erdgas nach Europa, die Transportinfrastruktur ist sehr gut ausgebaut und das Land verfügt über die zweitgrößten nachgewiesenen Erdgasreserven weltweit – und das in Pipelinedistanz zu Europa. 

Einige Beobachter sehen in dem Anteilstausch einen wachsenden Einfluss von Gazprom in Deutschland und eine steigende Abhängigkeit von russischer Energie. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Dieser Vorwurf ist absurd! Denn wir haben es hier ja keineswegs mit einer asymmetrischen Abhängigkeit zu tun. Russland hat Gas, das ist Fakt. Und wir brauchen Gas, das ist genauso Fakt. Russland braucht Europa als Absatzmarkt für Gas und Europa braucht einen zuverlässigen, wettbewerbsfähigen Energielieferanten. 

Gleichzeitig wird in der EU über eine Diversifizierung der Gasversorgung diskutiert. Kann Europa ohne russisches Gas auskommen?

Meine klare Antwort: Nein. Denn die heimische Förderung in Europa ist seit Jahren rückläufig, gleichzeitig aber steigt der künftige Bedarf. Schon 2030 werden der EU voraussichtlich 146 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr fehlen. Eine sichere und zuverlässige Energieversorgung kann daher nur durch zusätzliche Importe gewährleistet werden. Hier setzen wir ja gerade mit dem Nord-Stream- 2-Projekt an, das die Transportkapazitäten nach Europa noch einmal deutlich erhöhen wird.

Die im Zuge der Ukraine-Krise von der EU eingeführten Sanktionen betreffen auch die Öl- und Erdgasbranche. Sind sie als Unternehmen, beispielweise bei ihrem Projekt Achimgaz, davon betroffen?

Momentan sind wir als Unternehmen nicht von den Sanktionen betroffen, all unsere Projekte in Russland laufen planmäßig und reibungslos. Dennoch tragen die Sanktionen nicht zu einem sicheren Investitionsklima bei, das dringend erforderlich ist. Einige ausländische Firmen haben sich ja bereits aus Projekten in Russland zurückgezogen. Gerade im Bereich der schwer zu erschließenden Rohstoffvorkommen ist der Einsatz modernster Technologie unverzichtbar. Hier brauchen beide Seiten stabile Rahmenbedingungen. Die europäische Politik muss aufpassen, dass sie am Ende nicht dem Standort Europa im globalen Wettbewerb schadet. Sie darf die europäische Energieversorgung nicht gefährden. Das würde nicht nur uns als Investor, sondern vor allem die europäischen Verbraucher treffen.

Der gesunkene Ölpreis ist ein wichtiger Faktor der russischen Krise. Sind die goldenen Zeiten der Öl- und Gasindustrie vorüber?

Der Preisverfall beim Öl hat alle überrascht. Der Markt steht vor fundamentalen Veränderungen. Wir sollten jedenfalls in den nächsten Jahren nicht mit Ölpreisen jenseits der 100-Dollar-Marke träumen. Wir rechnen derzeit mit einem Ölpreis, der zwischen 60 bis 70 US-Dollar pro Barrel liegt. Die massiven Preisschwankungen haben viele Marktteilnehmer verunsichert. Auch, weil sich die Analysten in der Vergangenheit mit viel zu hohen Prognosen offensichtlich geirrt haben. Unsere Branche muss sich daher an die neuen Realitäten anpassen, um auch bei niedrigen Preisen effizient und profitabel zu arbeiten. Wir sind in der guten Situation, schon in der Vergangenheit zu den kosteneffizientesten Produzenten gehört zu haben. Das hilft uns jetzt, weiterhin profitabel zu arbeiten.

Wenn Sie auf die vergangenen zwei Jahrzehnte der Zusammenarbeit mit Russland zurückblicken: Welches Fazit ziehen Sie?

Die vergangenen 25 Jahre der Zusammenarbeit mit unseren russischen Partnern waren äußerst erfolgreich. Wir haben mit Gazprom das Gasmonopol in Deutschland durchbrochen. Wir haben gemeinsam den größten Gasspeicher des Landes errichtet. Und wir waren Pioniere bei wichtigen Leitungsprojekten wie der Ostseepipeline Nord Stream. Deren gerade vereinbarte Erweiterung stellt einen weiteren Meilenstein unserer Kooperation dar.

Wir haben aber auch gemeinsam Versorgungssicherheit an der Quelle, also mit Investitionen direkt in Russland, geschaffen. So konnten wir bei unserem Joint Venture Achimgaz in Sibirien die Erdgasproduktion in 2014 um 40 Prozent steigern. Der vereinbarte Asset-Tausch wird während der Plateauproduktion eine Förderung von weiteren acht Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich hinzufügen. In Juschno-Russkoje fördern wir seit 2009 jährlich 25 Milliarden Kubikmeter. Dementsprechend werden wir wie geplant unsere Investitionen in die beiden Projekte umsetzen. Bis 2018 sind dies mehrere hundert Millionen Euro.

Gazprom setzt auf Gasversteigerungen

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland