Komissarow: „Russlands Wirtschaft kann sich nicht losgelöst entwickeln“

Noch als Student gründete Komissarow 1993 sein eigenes Unternehmen.

Noch als Student gründete Komissarow 1993 sein eigenes Unternehmen.

Pressebild
Der Chef des staatlichen Fonds für Industrieentwicklung Alexej Komissarow 
im Gespräch mit RBTH über Isolation, Kredite und erste Ergebnisse.

Auf dem Investitionsforum in Sotschi Anfang Oktober wurden im Wesentlichen russische Player vor-gestellt. Kann man von einer Isolation Russlands sprechen? Und welche Gefahren birgt das in tech-
nologischer Hinsicht?

Das Sotschi-Forum war schon immer, trotz ausländischer Teilnehmer, doch stets nach innen orientiert. Ich bin sicher, dass die Zusammenarbeit mit anderen Ländern für Russland wichtig und notwendig ist – die russische Wirtschaft kann sich nicht von allem losgelöst entwickeln, insbesondere nicht in puncto Innovationen. Die von der Regierung angekündigte Importsubstitution bedeutet keinen Ersatz aller ausländischen durch russische Waren und erst recht nicht eine Abschottung des Marktes. Man kann natürlich versuchen, russische Industrieprojekte wiederzubeleben, aber man sollte nicht alles ersetzen wollen.

Unser Fonds realisiert verschiedene Projekte, unter anderem auch internationale Kooperationen. So fertigt das Kostromaer Autokomponentenwerk zusammen mit einer deutschen Engineeringfirma Zylinderkolben, die von internationalen Konzernen in Russland nachgefragt werden, darunter VW, Renault oder Ford.

Am besten und schnellsten lässt die Wirtschaft sich weiterentwickeln, wenn weltweit erfolgreiche Unternehmen gewonnen werden können. Was Start-ups betrifft, besteht kein Zweifel: Innovationen können nur global sein.

Der von Ihnen geleitete Fonds finanziert lediglich Projekte im Frühstadium?

Nicht ganz, der Fonds wurde gegründet, um die Finanzierung in verschiedenen Stadien zu sichern, aber wir kümmern uns nicht um das Startkapital oder die Vorbereitungsphase. Wir nehmen uns nur Projekte mit verständlicher Vertriebs- und Kundenstruktur an, deren Preis klar und deren Risiko minimal ist.

Sinn des Fonds ist es, aussichtsreichen Unternehmen zu helfen, eine Finanzierung zu finden, solange die Banken noch keinen Kredit vergeben. Unser Fonds bietet ihnen Kredite bis zu 700 Millionen Rubel (etwa zehn Millionen Euro) mit fünf Prozent per anno über fünf bis sieben Jahre. Die inoffizielle Mission des Fonds ist die Unterstützung von Projekten, die ohne solche Mittel nicht realisiert werden können.

Haben Sie bestimmte Branchen, die Sie bevorzugen?

Nein, wir beschränken uns prinzipiell nicht auf konkrete Branchen. Aber wir konzentrieren uns auf mittelständische Unternehmen. Kleine Firmen produzieren selten selbst und Großunternehmen finden andere Finanzierungs-
quellen. 

Mit Stand Anfang Oktober laufen bei uns bereits 47 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 16,5 Milliarden Rubel (rund 240 Millionen Euro), in den Branchen Pharmazie, Elektronik, Maschinenbau, Chemie und Biotechnologie über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren.

Verlangen Sie Sicherheiten?

Wir beteiligen uns nicht an den Unternehmen, wir geben nur das Geld. Wir sind gegen unentgeltliche Finanzierungen, wie beispielsweise Fördermittel. 

Die sind in der Anfangsphase nötig, aber auf der Ebene, auf der wir arbeiten, muss man sie vermeiden. Wir arbeiten prinzipiell nur mit finanziell stabilen Unternehmen und verlangen deshalb eine hundertprozentige Absicherung, als Bankgarantie oder in Form von Immobilien, Produktionsmitteln oder ähnlichem. Wie jeder Geldgeber haben wir ein
Interesse daran, unsere Mittel wiederzubekommen.

Wie wählen Sie die Projekte aus?

Im ersten Schritt prüfen wir den Antrag auf formale Erfüllung der Anforderungen und antworten innerhalb von maximal fünf Tagen. Dann kommen das Produktionstechnik-, Finanz- und Rechtsgutachten. Am Ende entscheidet der Expertenrat, der aus Vertretern von Banken und Unternehmern besteht.

Er stützt sich dabei auf klare Regeln, so analysiert er beispielsweise das Exportpotenzial eines Produktes. Es gibt drei Hauptvoraussetzungen: Erstens dürfen wir das Wettbewerbsumfeld nicht zerstören, es darf also in Russland kein vergleichbares Produkt geben. Zweitens muss das Projekt realisierbar sein und drittens müssen die Mittel zurückbezahltwerden.

Sie finanzieren also nur Projekte, die es nur ein Mal in Russland gibt. Haben Sie weitere Beispiele für eine internationale Zusammenarbeit?

Ja, auf dem russischen Markt muss das Projekt einmalig sein, zum Beispiel werden die Zylinderkolben in Russland nur von einem einzigen Unternehmen gefertigt. Was weitere internationale Kooperationen betrifft, so haben wir unter anderem ein Projekt zur Produktion von Antituberkulosepräparaten auf Basis der Entwicklung eines US-Unternehmens, oder ein Projekt zur Herstellung sich selbst auflösender Bioröhrchen für die Bodenberieselung – eine Technologie, die in vielen Ländern eingesetzt wird, aber in Russland zu 100 Prozent importiert wird.

Oder das Leder-Projekt: Der Gesellschafter kam vor 20 Jahren aus Italien nach Russland und hat hier seine Produktion aufgebaut. Jetzt will er 50 Prozent des Ausstoßes nach Italien exportieren.

Wir haben viele Projekte, die global betrachtet keine Innovationen sind, aber für den russischen Markt äußerst fortschrittlich sind. Allerdings finanzieren wir auch den ersten bei uns entwickelten Prozessor, der bereits nach Deutschland exportiert wird. 

Biografie

Alter: 46

Position: Geschäftsführer

Alexej Komissarow wurde am 20. Oktober 1969 in Moskau geboren. 1994 beendete er sein Studium am Moskauer Institut für Automobil- und Straßenbau. Seinen MBA machte er später an der Universität von Kingston in London. Noch als Student gründete Komissarow 1993 sein eigenes Unternehmen. Seit 2015 ist er Präsident des Fonds für Industrieentwicklung.

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