Wirtschaft: Weibliche Führungskräfte sind eine Ausnahme

Russische Frauen bekleiden selten Führungspositionen.

Russische Frauen bekleiden selten Führungspositionen.

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Frauen in Führungspositionen sind in Russland noch selten anzutreffen. Nur 25 der Top 500 der russischen Unternehmen werden von einer Frau geleitet. Regierungsarbeit ist eine Männerdomäne. Dennoch fühlen sich russische Frauen nicht diskriminiert.

Die russische Zeitung „RBC“ hat ein Ranking russischer Geschäftsfrauen für das Jahr 2014 veröffentlicht. Dabei zeigte sich, dass lediglich 25 von 500 russischen Topunternehmen in weiblicher Hand sind. Die überwiegende Mehrheit der Frauen ist dabei in Privatunternehmen tätig. An der Spitze von Staatbetrieben stehen nur zwei Frauen. Die russische Regierung ist von Männern dominiert. Im dreißigköpfigen Ministerkabinett findet sich mit Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa nur eine Frau, den Posten der Vizeministerpräsidentin hat Olga Golodez inne. 

Laut Natalja Korostyljowa, Professorin am Lehrstuhl für staatliche Verwaltung und Personalpolitik der Russischen Akademie der Volkswirtschaft, entspricht das Ranking durchaus der Realität: In Russland gebe es tatsächlich deutlich weniger Frauen als Männer im Topmanagement. „In Europa drängen Frauen seit den 1950er-Jahren in Führungspositionen. In Russland begann dieser Prozess erst Mitte der 1990er-Jahre“, so die Professorin. „Russische Frauen sind öfter in kleinen Unternehmen tätig, in Branchen mit niedriger Bezahlung, vor allem im sozialen Bereich, im Dienstleistungssektor, im Eventmanagement und im kreativen Bereich. In mittelständischen und großen Unternehmen trifft man viel seltener auf Frauen. Dort bleibt die Führungsetage das Terrain der Männer“, fasst sie zusammen.  

Geringe Risikobereitschaft

Korostyljowa zufolge gründeten Frauen seltener ein Unternehmen, weil es an ausreichend Startkapital fehle. „Meistens eröffnen sie ein Geschäft mit dem Geld ihrer Ehemänner oder haben Sponsoren. Bankdarlehen nehmen sie nicht sehr oft auf“, stellt sie fest.

Jelena Kantil, Leiterin der Moskauer Schule für Improvisationskunst, berichtet, dass sie ihre Selbständigkeit bereits im Sinn hatte, als sie ihren Abschluss in Regie an der Theaterhochschule in der Tasche hatte.  „Zunächst war ich als Schauspiellehrerin tätig. Später wurde mir bewusst, dass ich mehr Freiheit brauchte, und daher beschloss ich, meine eigene Theaterschule zu eröffnen“, so Kantil. Diskriminiert gefühlt habe sie sich in ihrer zehnjährigen Karriere nie, sagt sie. „Mich hat nie etwas daran gehindert, als Frau berufstätig zu sein.“ Ihren Schülern sei das ohnehin gleichgültig: „Die Schüler kommen in meine Meisterklasse, um ihren Beruf zu erlernen. Dabei ist ihnen gleichgültig, ob sie von einem Mann oder einer Frau unterrichtet werden.“  

Konkurrenz für die Männer

Albina Malzewa, Leiterin einer Agentur für Landhausimmobilien, betrachtet das Geschlecht ebenfalls nicht als ausschlaggebend für beruflichen Erfolg. Gutes Aussehen und ein vertrauenerweckende  Erscheinung können jedoch hilfreich sein. „Wichtig ist, wie du angezogen bist, mit welchem Auto du zum Treffen kommst, wie du dich gibst und wie motiviert du bist. Davon hängt alles ab. Gewinnst Du das Vertrauen des Kunden nicht, kommt auch kein Vertrag zustande und dein Geschäft bricht ein. Vertrauen wird von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, das Geschlecht ist dabei nicht ausschlaggebend“, so die Erfahrungen Malzewas.

Leonti Byzow leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für komplexe Sozialforschung an  der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärt, warum es einerseits wenig Frauen im russischen Top-Management gibt, und warum die Frauen, die dort vertreten sind, sich dennoch keinesfalls diskriminiert fühlen. „Im Geschäftsleben fühlen sich die Frauen wohl, die über einen ausgeprägten Willen verfügen, die niemals nachgeben, die bereit sind sich hundertprozentig ihrer Arbeit zu widmen. Diese Frauen bieten den Männern eine starke Konkurrenz“, glaubt er.

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