Ausländische Firmen ziehen sich vom russischen Markt zurück

Spürbar ist der Weggang von Unternehmen im Einzelhandelsbereich, vor allem für das mittlere Preissegment.

Spürbar ist der Weggang von Unternehmen im Einzelhandelsbereich, vor allem für das mittlere Preissegment.

AP
Die Kaufkraft lässt nach, die Mittelschicht Russlands wird dünner. Das hat Folgen: Erste Modeketten verlassen das Land, der russische Einzelhandel und Gastronomiebereich orientieren sich neu. Von den Umwälzungen noch unberührt bleibt das Luxussegment.

Das britische Consulting-Unternehmen Global Counsel veröffentlichte Ende vergangenen Jahres einen Bericht, in dem es heißt, dass 2016 viele global agierende Unternehmen Russland verlassen werden. Dieser Schluss basiert auf den Finanzberichten von 46 in Russland vertretenen Unternehmen, darunter BP, Shell, Deutsche Bank, Siemens und Lafarge. Nach Meinung von Global Counsel werden die meisten von ihnen ihre Geschäftstätigkeit in Russland fürs Erste einstellen. Diese Prognose bezieht sich vor allem auf Unternehmen aus der Finanz- und Energiebranche, bemerken die Analysten. Pharmaunternehmen hingegen sollen davon unberührt bleiben.

Die ersten Anzeichen in den erwähnten krisensensiblen Bereichen Energie- und Finanzwirtschaft waren bereits im vergangenen Jahr zu erkennen. Es machten Gerüchte die Runde, dass das erste ausländische Unternehmen den Markt verlassen werde – die Raiffeisenbank. Es hat sich dann jedoch herausgestellt, dass das Unternehmen lediglich beabsichtigt, die Vergabe von Kraftfahrzeugkrediten einzustellen und sich aus dem Fernen Osten zurückzieht. Doch dann ging das erste westliche Erdölunternehmen weg. Nachdem es seine Anteile am Projekt „Poljarnoje sijanije“ („Polarlicht“) verkauft hatte, verließ im Dezember das amerikanische Unternehmen ConocoPhillips Russland nach 25-jähriger Präsenz.

Eintrübungen im Einzelhandel

Großkonzerne können so manche Durststrecke überstehen, aber die kleineren Unternehmen müssen schneller und tiefgreifender handeln. Spürbar ist der Weggang von Unternehmen im Einzelhandelsbereich, vor allem für das mittlere Preissegment. Im ersten Halbjahr 2015 verzeichnete die Statistik mit einem Minus von 7,9 Prozent den größten Umsatzrückgang im Einzelhandel seit 1991. Die Realeinkommen in Russland sanken zum Sommer 2015 um zehn Prozentpunkte. In Russland wurden im vergangenen Jahr laut Angaben der Consultingfirma Magasin magasinow 991 Verkaufsstellen neu eröffnet, während 1 024 Läden schließen mussten. Im Vergleich dazu wurden das Jahr zuvor noch 1 234 Verkaufsstellen eröffnet, wobei lediglich 314 schließen mussten.

Bekannte Modemarken haben das Land bereits verlassen. Nach Angaben der Fashion Consulting Group schrumpfte der Bekleidungs- und Schuhmarkt in Russland 2014 um acht Prozent auf 31 Milliarden Euro, 2015 brach der Markt dann um ein Fünftel auf einen Umsatz von 25 Milliarden Euro ein. Das Unternehmen Moneks Trading, das in Russland die Marke „American Eagle“ auf den Markt brachte, schloss im vergangenen Jahr alle drei Läden dieser Marke in Moskau, da es die weitere Entwicklung als aussichtslos erachtet.

Bereits zuvor hatte die Markenfirma River Island die Segel gestrichen. Aus dem gleichen Grund stellte Maratex in Russland den Verkauf der amerikanischen Marke „Esprit“ und des italienischen Brands „OVS“ ein. Da sie die Gebühren für das Franchising in Russland nicht mehr zahlen konnten, mussten die Läden der Markenfirma New Look schließen, die seit 2009 im Land tätig waren.

Dagegen verspürt das Luxussegment von diesem Sturm bislang nichts. Zwar gibt es kein Wachstum, aber auch keine Rezession. Einige Markenfirmen bauen ihre Präsenz sogar noch aus, wie das französische Familienunternehmen Hermes, das seine Verkaufsfläche im Edelkaufhaus GUM verdoppelt hat. Der Modedesigner Michael Kors eröffnete in Moskau die erste Herren-Boutique der Welt, Dolce & Gabbana das größte Ladengeschäft auf dem Tretjakow Projesd.

Imbiss statt Mittagsmenü

In der Gastronomie ist hingegen ein Wachstum zu verzeichnen. Das wird besonders auf dem Fastfood-Markt deutlich: Die meisten Fastfood-Restaurants gehörten im vergangenen Jahr zu den Ketten Kentucky Fried Chicken, Burger King und McDonald’s. Nach Angaben von Magasin magasinow orientieren sich 80 Prozent der im vergangenen Jahr eröffneten Verkaufsstellen auf mittlere und untere Einkommen. Neun von zehn der bankrotten Läden bedienten das mittlere Preissegment.

Das Wachstum im Niedrigpreissegment kommt dadurch zustande, da die neuen Kunden in den vergangenen Jahren in vornehmeren Restaurants zu Mittag gegessen haben und sich teure Kleidung gönnten. Das Schrumpfen, um nicht zu sagen das Hinwegspülen der Mittelschicht, war der Trend des vergangenen Jahres. In diesem Jahr wird die Schere sehr wahrscheinlich noch weiter auseinandergehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kommersant

Deutsche Pharmakonzerne schlagen Wurzeln in Russland

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