Karriere in der Krise: Kleinunternehmer auf dem Vormarsch

Das Café-Geschäft sei eines der preiswertesten für den Einstieg.

Das Café-Geschäft sei eines der preiswertesten für den Einstieg.

Nikolai Korolew
Rückläufige Einkünfte und drohende Arbeitslosigkeit spornen kleine und mittelständische Unternehmen in Russland zur Kreativität an. Einen Boom erleben dabei die Gastronomie sowie Onlineprojekte.

Es ist schwer, ohne Kaffee zu leben

„Es lohnt sich mehr, wenn ich 200 Becher für je 40 Cent verkaufe als zehn Becher für je drei Euro“, sagt Philip Leytes, Barista und Champion beim World of Coffee von 2011. Leytes verwaltet die Franchisekette „Pravda Coffee“, von der es in Moskau vier eigene Cafés und zwei Franchising-Läden gibt.

Der Barista, der sein Geschäft mit dem Verkauf von selbstgebrannten Kaffeebohnen startete, profitiert von einem neuen Trend – mitten in der russischen Wirtschaftskrise boomt die Café-Industrie. Laut Angaben des kartografischen Dienstes 2GIS stieg die Zahl von Cafés in Moskau 2015 um 28,7 Prozent, in Sankt Petersburg um 25,3 Prozent.

Bei Selbstkosten des Kaffees von 22 Rubel (30 Cent) liegen die Preise der Kette „Pravda Coffee“ zwischen 50 (65 Cent) und 150 Rubeln (zwei Euro). Eine Straße weiter entfernt liegt ein Starbucks, wo der Kaffee das Zwei- bis Vierfache kostet, je nach Tassengröße.

„Unsere ersten Geschäftspartner eröffneten das erste Café im Herbst 2015 im Rahmen eines Franchisevertrags. Bereits zwei Monate nach Eröffnung machten sie einen Umsatz von 600 000 Rubel (7 850 Euro)“, erzählt Artjom Kopajew, den Leytes für den Aufbau der Kette ins Team geholt hatte.

Kopajew meint, das Café-Geschäft sei eines der preiswertesten für den Einstieg, da man dafür lediglich ein Mindestkapital von 300 000 Rubel (rund 3 900 Euro) benötige. Doch auf dem Markt zu bestehen ist eine ganz andere Sache. „Das erste positive Ergebnis erreicht man frühestens nach drei Monaten. Nicht alle sind bereit, so lange zu warten“, erklärt Kopajew.

Ein weiteres Problem ist die Gewährleistung einer konstant stabilen Qualität. Infolge der Rubelentwertung sind die Kaffeepreise gestiegen. „Wenn wir unsere Kosten senken wollen, müssen wir die rohen Kaffeebohnen direkt aus Brasilien besorgen. Hauptsache, wir rösten den Kaffee hier selbst“, sagt Leytes.

Hilfe für Touristen 

Viele Geschäftsideen für kleine und mittelständische Unternehmer findet man im Internet. Im August vergangenen Jahres wurde bei Facebook eine Gruppe mit dem Titel „Need Something“ („Brauche etwas“) gegründet. Menschen, die demnächst verreisen wollen, können Anfragen posten, wem sie etwas mitbringen sollen – Souvenirs etwa oder Lebensmittel wie beispielsweise französischen Käse oder Serrano-Schinken, deren Verkauf in Russland wegen des Lebensmittel-Embargos verboten ist. Auch Russen, die nicht verreisen, aber dringend ein bestimmtes Produkt aus dem Ausland benötigen, können in der Gruppe posten. Die Facebook-Gruppe hat bereits mehr als 6 000 Mitglieder.

Michail Wolkow, Gründer der Gruppe, wollte diese bislang nicht als ein Geschäftsprojekt betrachten. Einkünfte aus dem Projekt wären lediglich in der Zukunft denkbar, sagt Wokow. Einzelne Anzeigen sind allerdings bereits kostenpflichtig.

Verkauf von Emotionen

Seit anderthalb Jahren sind die früheren Marktforscherinnen Tatjana und Anna mit ihrem künstlerischen Start-up am Markt. Im Herbst 2014 starteten sie die Webseite „MyLittleRembrandt“. Dort bieten sie an, Kinderzeichnungen auf Gegenstände eingravieren zu lassen – das perfekte Geschenk für die Familie. Als Materialgrundlage bearbeiten sie sowohl Portemonnaies als auch Handyhüllen oder Manschettenknöpfe.

Foto: Pressebild

„In den ersten zwei Monaten übernahmen wir zu Werbezwecken kostenlose Aufträge“, erzählt Tatjana. Danach kamen die ersten Kunden. „Verkaufserfolge erlebten wir schließlich im Dezember 2014, als wir zum ersten Mal die monatlichen Produktionskosten decken konnten“, berichtet die Inhaberin. Sie stellt fest, dass sich eine Stückproduktion mit einem Aufpreis von 40 bis 50 Prozent in der Krise auszahlt.

Zwischenzeitlich erreichte das Geschäft an die 150 bis 200 Aufträge pro Monat bei einem durchschnittlichen Auftragspreis von 5 000 bis 6 000 Rubel (etwa 65 bis 78 Euro). Seit Beginn der Krise stiegen die Preise um 30 Prozent. „Dabei blieben uns unsere Kunden treu. Das liegt wohl daran, dass es sich um einen hauptsächlich emotionalen Kauf handelt und viele Kunden mit neuen Aufträgen zurückkehren“, erzählt Tatjana.

Im Laufe von 18 Monaten wuchs das Team auf acht Personen an. Der monatliche Umsatz beträgt etwa eine Million Rubel (13 075 Euro). Rund 70 Prozent dieses Betrages werden reinvestiert. So konnte im vergangenen Jahr eine neue Produktlinie mit handgemachtem Schmuck starten.

Den Rubelverfall betrachtet Tatjana als Chance, den ost- und westeuropäischen Markt zu erobern. Sie hat bereits einige russischsprachige Kundinnen aus Deutschland. „Rechnet man unsere Preise in Euro um, so sind unsere Angebote mehr als wettbewerbsfähig“, weiß die Co-Gründerin des Unternehmens.

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