Russlands Wirtschaft: Die vier großen Probleme

Im Kampf gegen die Rezession warten schwere Aufgaben auf Russland.

Im Kampf gegen die Rezession warten schwere Aufgaben auf Russland.

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Konsumflaute, Inflation, alternde Produktionsanlagen und enttäuschte Erwartungen – RBTH bringt die vier aktuellen Kernprobleme der russischen Wirtschaft auf den Punkt.

In der aktuellen Rezession verarmt die russische Bevölkerung deutlich schneller als während vergangener Wirtschaftskrisen. Im vergangenen Jahr ging der Konsum im Land um zehn Prozent zurück. Selbst während des schwersten Konjunktureinbruchs der neuesten russischen Geschichte im Jahr 1998 waren es nur fünf Prozent gewesen – nach der Weltfinanzkrise im Jahr 2009 sank der Konsum um vier Prozent.

1. Mangelnde Mitbestimmung, sinkende Einkommen

Kein Wunder: Um die eigenen Gewinne hochzufahren, kürzen russische Unternehmen die Löhne ihrer Belegschaft. Im vergangenen Jahr stiegen die Nominallöhne um 4,6 Prozent. Dem steht ein Anstieg der Unternehmensgewinne um satte 49 Prozent gegenüber – ein Ausdruck für das Fehlen effektiver Gewerkschaften, die im Stande wären, Arbeitnehmerrechte in Russland durchzusetzen.

2. Galoppierende Inflation, horrende Zinsen

Seit 2014 wird der Rubelkurs nicht mehr von der Russischen Zentralbank gesteuert – den Wert der russischen Landeswährung bestimmt seitdem der Markt. An Dollar und Euro gemessen verlor der Rubel nach der Freigabe 60 Prozent seines Wertes, dem Ölpreis folgend. Bis zu 20 Prozent betragen die Kursschwankungen der russischen Währungseinheit im Monatsmittel. Diese werden bei neuen Vertragsabschlüssen in Russland inzwischen miteingerechnet.

Die Instabilität des Rubels verursache, so Ökonomen, in diesem Jahr eine Inflation von sieben Prozent – im vergangenen Jahr stiegen die Preise um 15,5 Prozent. Das treibt die Finanzierungskosten – etwa für Ausrüstung – nach oben: Unter 15 bis 20 Prozent Jahreszins ist bei den Banken kein Kredit zu bekommen. Den Unternehmen fehlt dadurch schlicht das Kapital für Investitionen in neues Equipment oder den Ausbau der Kapazitäten: ein Problem für sich.

3. Fehlende Investitionen, alternde Substanz  

Im Vergleich zu den Krisenjahren 2008 und 2009 ging Russlands Wirtschaftsleistung letztes Jahr verhaltener zurück. Das Bruttoinlandsprodukt etwa sank um 3,7 Prozent – damals waren es 7,9 Prozent. Um sieben statt um 16 Prozentpunkte schrumpfte der Bausektor. In der Schienenlogistik blieb das Transportvolumen sogar unverändert.

Wirtschaftsexperten zeigen sich wenig erfreut: schlecht sei, dass jene Indikatoren sänken, die das Wirtschaftswachstum auf lange Sicht bestimmen. Insbesondere betrifft das den Investitionsumfang. So investierten Unternehmen acht Prozent weniger in den Kapitalstock. Importe von Maschinen und Technik aus dem Ausland sanken gar um 38 Prozent. Inzwischen sind die Industrieanlagen in Russland rund 14 Jahre im Einsatz – bei durchschnittlichen sieben Jahren im Westen. Rund 20 Prozent aller Maschinen fahren inzwischen auf Verschleiß und sollten ersetzt werden.

Selbst die reichsten Kunden im Land – die Öl- und Gasproduzenten – kürzen ihre Investitionsprogramme zusammen. Der Wirtschaftsweise Abel Aganbegjan errechnete, dass Ölunternehmen ihre Investitionsmittel bei einem Preis von 35 Dollar pro Barrel um 20 Prozent reduzieren. Und der Gasmonopolist Gazprom könnte seine Investitionen in die Pipeline „Sila Sibiri“ (zu Deutsch: Kraft Sibiriens) von Russland nach China verlagern – in die Zukunft sozusagen.

4. Enttäuschendes China, verheißendes Europa

Ganz recht: Investitionen aus China sind trotz allen politischen Willensbekundungen ausgeblieben. Einige Kapitalgeber aus dem Reich der Mitte haben gar angefangen, ihre Mittel aus Russland abzuziehen. Am Donnerstag der vergangenen Woche etwa kündigte der chinesische Vermögensverwalter Chengdong Investment an, seine Anteile an der Moskauer Börse abzustoßen. Nun könnten anstelle der Chinesen die Inder aktiv werden: Die Sowjetunion hatte einst zahlreiche Investitionsprojekte mit Indien realisiert.

Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch der Kapitalzufluss aus dem Westen. In einigen europäischen Ländern gilt ein Negativzins: Auf dortigen Kapitalmärkten ist Geld nichts mehr wert und Investoren sind gezwungen, nach Anlagen im Ausland Ausschau zu halten. Es ist also kein Zufall, dass das russische Finanzministerium am vergangenen Sonntag bei 25 ausländischen Banken eine mögliche Emission von Eurobonds in diesem Jahr angekündigt hat. Vor drei Jahren beschaffte sich Russland letztmals Kapital auf internationalen Märkten – mit Staatsanleihen im Wert von 6 Milliarden Dollar.

In den Artikel sind Einschätzungen der Teilnehmer des diesjährigen Foreigner´s Life-Forums in Moskau eingegangen. Es äußerten sich der Wirtschaftsweise Abel Aganbegjan, der ehemalige stellvertretende Vorsitzende der Zentralbank Konstantin Korischtschenko und der Chef-Makroökonom der VTB – einer Schlüsselinstitution in der Wirtschaftsentwicklung Russlands – Oleg Sasow.

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