Konkurrenz für die Milch: Palmöl in der Kritik

Reuters
Russlands Käseproduzenten verwenden immer häufiger Palmöl anstelle von Milchfetten. Darunter leidet die Qualität. Um die Verbraucher zu schützen, will die russische Regierung die Preise für den bislang günstigen Rohstoff durch höhere Steuern anheben.

Ab Sommer plant die russische Regierung einen höheren Steuersatz auf Palmöl. 30 Prozent, das entspricht umgerechnet etwa 180 Euro, pro Tonne hält das russische Finanzministerium für angemessen. Zusätzliche Verbrauchssteuern sollen außerdem auf stark zuckerhaltige Getränke erhoben werden. Sojusmoloko, der Verband russischer Milchproduzenten, unterstützt die Regierungsinitiative.

Ein großer Palmölkonsument ist Russland mit einem Verbrauch von nur zwei Prozent im weltweiten Vergleich nicht unbedingt. 90 Prozent des Palmöls werden in Russland für die Herstellung von Speisefetten und den Ersatz von Milchfetten verwendet. Die restlichen zehn Prozent kommen in der Seifenherstellung zum Einsatz.

 
Dem Index Mundi zufolge nimmt Russland weltweit den neunten Platz beim Palmölverbrauch ein. Spitzenreiter sind Indien, die Europäische Union und China.

Russlands Lebensmittelaufsichtsbehörde Rosselchosnadsor zufolge enthalten 78,3 Prozent der russischen Milchprodukte pflanzliche Fette – meist eben Palmöl, weil es am günstigsten ist. Damit handele es sich bei der Ware aber nicht mehr um reine Milchprodukte. Der Anteil dieser Produkte ist nach der Einführung des russischen Embargos auf Käse und Milcherzeugnisse aus Europa im August 2014 sprunghaft angestiegen.

„Je mehr Palmöl in Russland eingesetzt wird, desto mehr leidet die gesamte Milchbranche. Es werden keine neuen Produktionsmethoden entwickelt, die Ernährungswissenschaft tritt auf der Stelle“, sagt Jurij Morosow, Geschäftsführer des Verbands russischer Milch- und Speisefetthersteller. 2012 sei das unverzichtbare Höchstmaß an Palmöl für die Hersteller in Russland ermittelt worden – 450 000 Tonnen jährlich. Inzwischen würden aber 76 Prozent mehr verwendet.

Alles, nur nicht Palmöl

Wäre die Verbrauchssteuer im vergangenen Jahr bereits erhoben worden, hätte die Staatskasse rund 137 Millionen Euro mehr eingenommen.

Alternativen zu Palmöl gebe es durchaus, bemerkt Morosow und meint damit tierische Fette, Sonnenblumenöl und andere Pflanzenfette: „Russland hat ein enormes Potenzial bei der Herstellung neuer Arten von Pflanzenfetten auf Grundlage von Kreuzblütlern. Momentan aber wird die Hälfte aller in Russland hergestellten Öle exportiert. Mehr als 2,3 Millionen Tonnen sind das“, erklärt er.

Marktkenner bezweifeln jedoch, dass die Produzenten wegen der höheren Besteuerung zukünftig auf Palmöl verzichten werden. „Die Hersteller haben kaum Alternativen“, kommentiert die Branchenexpertin Marina Petrowa.   

Jelena Krasnowa, Verbrauchermarkt-Expertin bei der russischen Industrie- und Handelskammer, stimmt zu: „Ein Verzicht auf Palmöl ist zwar wahrscheinlich, wenn es teurer als andere Fette wird. Bei der Herstellung ist es aber weiter einfacher zu handhaben. Es ist zudem hitzebeständiger als andere Fette – ein weiterer Vorteil für die Produzenten.“ Die Verbrauchssteuer auf den Rohstoff werde lediglich die Endpreise in die Höhe treiben – kein positiver Effekt, gerade in der Krise, gibt Krasnowa zu bedenken. Marina Petrowa sieht das jedoch anders: „Selbst bei höherer Besteuerung bleiben palmölhaltige Produkte günstig. Die Verbraucher werden sich weiterhin dafür entscheiden“, ist sie überzeugt.

RBTH in Zahlen und Fakten

Der Kampf gegen Palmöl ist ein globaler Trend. Dem Beispiel der Europäischen Union folgend will das russische Landwirtschaftsministerium die Hersteller stärker in die Pflicht nehmen: Bei Verletzungen der Kennzeichnungspflicht drohen Strafen in Höhe von mehr als einer Million Rubel (rund 12 000 Euro).

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