Karriereschmiede Russland: Ein Paradies für Expats?

Russland bietet Ausländern die besten Chancen, sich beruflich weiterzuentwickeln. Zu diesem Ergebnis kommt die Londoner Großbank HSBC in einer Umfrage. RBTH hat internationale Führungskräfte zu ihren Erfahrungen auf dem russischen Arbeitsmarkt befragt.

„Welches Land bietet internationalen Fachkräften die größte Erfüllung im Job?“, fragte die britische Großbank HSBC Expats in aller Welt im vergangenen Jahr. 62 Prozent der Befragten antworteten darauf mit Russland. Für die große Mehrheit der Fach- und Führungskräfte sei das Land der perfekte Ort, um sich neue Kompetenzen anzueignen.   

Nur China erfuhr eine vergleichbare Wertschätzung. 55 Prozent internationaler Spitzenkräfte schätzten ihre Chancen auf dem chinesischen Arbeitsmarkt und ihre Aussichten auf berufliche Weiterentwicklung als gut ein. 

Mindestens 100 internationale Fach- und Führungskräfte in jedem Land nahmen an der Onlineumfrage teil. Eine konkrete Beschreibung ihrer im Ausland erworbenen Kompetenzen sah die Befragung jedoch nicht vor.

RBTH hat sich vor Ort umgehört und Expats im Land befragt, wie sie im Hinblick auf die Entwicklung ihrer beruflichen Kompetenzen von ihrem Aufenthalt profitiert haben.

Sprungbrett für Berufseinsteiger

Alex de Valukhoff. Foto: PressebildAlex de Valukhoff: „Russland fördert die Fähigkeit, augenblicklich auf Veränderungen zu reagieren, und fordert flexibles Denken." Foto: Pressebild.

„Die Möglichkeit, mit 26 Jahren Finanzdirektor zu werden, gab es nur hier“, sagt Alex de Valukhoff. Der Franzose leitet mittlerweile die russische Niederlassung des Energieausrüsters Aggreko. Im Jahr 1992 begann der damals Mittzwanziger seine Karriere in Russland – bei einem russisch-französischen Möbelhersteller. „Sie konnten niemanden finden, der bereit war, in Russland zu leben und zudem häufig zu reisen. Diese Chance habe ich genutzt“, erklärt er. In den letzten 23 Jahren habe er an der Spitze zahlreicher Tochterfirmen internationaler Unternehmen in Russland gestanden.

Sieben Jahre lang leitete er die russische Filiale des weltgrößten Zementherstellers Lafarge. „Bei Lafarge habe ich mich zum Berater für die Adaption an russische Bedingungen entwickelt“, sagt de Valukhoff. Das Unternehmen habe sogar entsprechende Kurse für ausländische Fachkräfte angeboten. Beim Herangehen an die Lösung von Aufgaben gebe es schließlich erhebliche Mentalitätsunterschiede. „Russland fördert die Fähigkeit, augenblicklich auf Veränderungen zu reagieren, und fordert flexibles Denken. Hier ist häufig eine ganz andere Energie gefragt, weil manchmal eine ganze Lawine an Problemen auf einen einstürzt“, erklärt de Valukhoff. Zudem verlange Russland Emotionalität: „Staubtrockene Mitteilungen und Analysen funktionieren hier nicht. Wenn du ein nachhaltiges Ergebnis willst, musst du aufmerksam zuhören und auf die Menschen eingehen.“ 

Am schwierigsten sei die Anpassung an russische Realitäten für deutsche Fachkräfte, glaubt de Valukhoff. „Sie sind daran gewöhnt, dass das System wie ein Uhrwerk funktioniert. Doch das gibt es hier nicht“, betont er.

Praxisschock für Theoretiker

Ramnik Singh Kohli. Foto: PressebildRamnik Singh Kohli: "Zwei russische Herausforderungen mussten überwunden werden: der Papierkrieg und die Notwendigkeit, die gesamte Logistikkette zu überwachen." Foto: Pressebild.

Ramnik Singh Kohli kam ebenfalls in den 1990er-Jahren nach Russland und übernahm die Geschäftsleitung der Russland- und GUS-Vertretung der indischen Firma Micromax. Trotz seines Marketingstudiums musste er bei der Markteinführung neuer Produkte in Russland absolutes Neuland betreten. Theorie und Realität klafften weit auseinander: „Russland ist ein Land der Kontraste. Die Konsumenten können hier extrem unterschiedlich sein. Deswegen habe ich gelernt, alle existierenden Faktoren genauestens einzuschätzen und meine Geschäftsstrategie jedweden Schwankungen anzupassen“, so Kohli.

Zwei weitere russische Herausforderungen mussten überwunden werden: der Papierkrieg und die Notwendigkeit, die gesamte Logistikkette zu überwachen.

Kein Spaß bei der Arbeit?

Carlos Tamaoki. Foto: PressebildCarlos Tamaoki: "An eine Sache kann ich mich bis heute nicht gewöhnen. Bei der Arbeit wird in Russland kaum geflirtet." Foto: Pressebild.

„Wenn es Ihnen gelingt, Ihr Geschäft in Russland hochzuziehen - trotz Bürokratie und Korruption – dann schaffen Sie das mit Sicherheit auch in anderen Ländern“, meint Carlos Tamaoki, IT-Spezialist bei einem Immobilienverwalter. Vor 13 Jahren zog der Brasilianer aus Sao Paulo nach Russland. Zwei Besonderheit der russischen Arbeitswelt machen dem jungen Mann bis heute zu schaffen: der Amtsschimmel und die gewohnheitsmäßige Suche nach Sündenböcken. „Anstatt das Problem zu lösen, verwenden die Russen ihre ganze Kraft darauf, den Verantwortlichen zu suchen. Die Ansicht, selbst unschuldig zu sein und die Verantwortung auf andere abzuwälzen, ist bei den Russen tief verwurzelt“, so seine Erfahrung.

Letztendlich habe auch er unnachgiebiger und härter im Umgang werden müssen, räumt er ein. Und noch etwas war dem Brasilianer völlig neu: „An eine Sache kann ich mich bis heute nicht gewöhnen. Bei der Arbeit wird kaum gelacht oder geflirtet. In Brasilien ist das anders und ich vermisse das.“

Deutscher Headhunter in Moskau: "In Russland sollte stets mit allem gerechnet werden"

 

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Der Human-Resources-Experte Christian Tegethoff, Geschäftsführer von CT Executive Search, erklärt im Interview, was deutsche Expats in Russland erwartet. Herausforderungen und Chancen gibt es gleichermaßen.

RBTH: Welche Kompetenzen erwerben die deutschen Expats in Russland?

Wer in Russland erfolgreich arbeiten will, muss vor allem flexibel sein. Die Planungshorizonte von Geschäftspartnern sind kürzer, Entscheidungen werden in Russland schnell getroffen und dann wird von allen Seiten rasches Handeln erwartet.

Russische Mitarbeiter erwarten oft einen anderen Führungsstil, als ihn Europäer gewohnt sind. Erwartet werden klarere Ansagen, Rückmeldungen an Vorgesetzte werden nur spärlich gegeben und müssen aktiv eingeholt werden. Ein Aufenthalt in Russland kann somit dazu beitragen, das Repertoire der Führungsinstrumente zu erweitern.

Wie kann man Ihrer Meinung nach die „besondere russische Realität“ in der Geschäftswelt beschreiben? Wodurch unterscheidet sie sich von der in Deutschland?

In Russland sollte stets mit allem gerechnet werden – die Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Tätigkeit sind ständig im Fluss. Der Rubelkurs ist unbeständig, Sanktionen können über Nacht eingeführt oder abgeschafft werden, die Kapitalkosten schwanken ständig. Hier ist es wichtig, Ereignisse frühzeitig zu antizipieren und die eigenen Aktivitäten darauf einzustellen.

Behörden können die Geschäftstätigkeit nach wie vor behindern und trotz aller Fortschritte ist die Bürokratie ein Hemmschuh für viele Unternehmen geblieben. Die Geschäftsmentalität ändert sich zwar auch in Russland fortlaufend, wer an einer langfristigen Zusammenarbeit zum beiderseitigen Vorteil interessiert ist, sollte sich seine Geschäftspartner aber sorgfältig aussuchen. Dies gilt naturgemäß insbesondere bei der Anbahnung von Joint Ventures, also Gemeinschaftsunternehmen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

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