Die Weltwirtschaft trifft sich erneut in Sankt Petersburg

TASS
Experten erwarten vom diesjährigen Wirtschaftsforum einen Dialog über die Lockerung der Sanktionen sowie den gemeinsamen Launch des größten Werks zur Produktion von Flüssigerdgas im Nordwesten Russlands durch die Konzerne Gasprom und Shell.

Renommierte Wirtschaftsexperten treffen sich derzeit in Sankt Petersburg, um die Zukunft der Weltwirtschaft zu diskutieren: Auf dem 20. Internationalen Wirtschaftsforum, das am heutigen Donnerstag eröffnet wurde, nehmen unter anderem auch der russische Präsident Wladimir Putin, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker teil.

Wie bereits zuvor Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow mitgeteilt hatte, wird Russlands Präsident im Rahmen der offiziellen Treffen die Zukunft des Projekts „Nord Stream 2“, einer von Russland nach Europa auf dem Grund der Ostsee führenden Gaspipeline, diskutieren. Auch die gegenseitigen Sanktionen zwischen Russland und der Europäischen Union, die 2014 wegen der Ukraine-Krise eingeführt wurden, sollen erörtert werden.

Gespräche mit westlichen Spitzenpolitikern

Selbst wenn auf dem Wirtschaftsforum keine Lockerung der Sanktionen bekannt gegeben werden sollte, so können sich der Meinung von Experten zufolge dank persönlicher Gespräche zwischen Putin und Juncker die Beziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union doch deutlich verbessern. Schließlich haben seit Beginn der Ukraine-Krise 2014 keine so hochgestellten Vertreter der EU mehr am Wirtschaftsforum teilgenommen. „Ich erwarte zwar keinen Durchbruch, aber die Gespräche am Rande des Forums könnten langfristig doch zu einer gewissen Verbesserung der Situation führen“, sagt Timur Nigmatullin, Finanzanalyst der Investmentholding Finam.

Man sollte keine Lockerung der Sanktionen im laufenden Jahr erwarten, stimmt Georgij Wastschenko, bei der Investmentgesellschaft Freedom Finance zuständig für das Operationsmanagement auf dem russischen Fondsmarkt, zu. Die Tatsache, dass solch hohe Gäste zum Wirtschaftsforum kommen, bedeute jedoch, dass die westlichen Spitzenpolitiker sich keineswegs einig seien und ein Teil von ihnen dem Dialog mit Russland offen gegenüberstehe. So wird beispielsweise die italienische Delegation von dem Ministerpräsidenten des Landes Matteo Renzi angeführt.

Gasprom- und Shell-Projektlaunch mit Spannung erwartet

Im Rahmen des Wirtschaftsforums werden traditionell viele große Investitionsabkommen unterzeichnet, auch mit der internationalen Geschäftswelt. Georgij Wastschenko rechnet im Rahmen des diesjährigen Forums vor allem mit Abkommen im Bereich der Energiewirtschaft, darunter unter Beteiligung des Gasmonopolisten Gasprom und des größten Erdölkonzerns im Land, des Staatsunternehmens Rosneft. Das Volumen aller zu unterzeichnenden Abkommen könnte vier Milliarden US-Dollar übersteigen, schätzt Wastschenko.

Eines der größten Projekte ist dabei der Bau eines Terminals zur Produktion und dem Transport von Flüssigerdgas zwischen Gasprom und Royal Dutch Shell im Nordwesten des Landes. Für Timur Nigmatullin könnte die Unterzeichnung dieses Abkommens zum wichtigsten Ereignis des Wirtschaftsforums werden. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist bekannt, dass die Gesamtkapazität der beiden Linien des Werks in der ersten Phase zehn Millionen Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr betragen wird und die Option einer Erweiterung bietet“, sagt er. Die Inbetriebnahme des Werks ist für Ende 2021 vorgesehen.

Italien ist in diesem Jahr offizielles Gastland des Wirtschaftsforums. Deshalb nehmen am Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum 22 führende Unternehmen des Landes teil, darunter die Bank Intesa Sanpaolo, der Reifenhersteller LLC Pirelli Tyre Russia, das Energieunternehmen Enel und der Anlagenbauer für die metallurgische Industrie Danieli.

Auch Venezuela ist mit einer Delegation vertreten, die vom Erdölminister Eulogio del Pino angeführt wird. Pino soll sich mit dem russischen Energieminister Alexander Nowak und Rosneft-Chef Igor Setschin treffen.

Darüber hinaus soll es Verhandlungen zum Projekt „Neue Seidenstraße“ geben. Die Verwaltung des südwestlich von Moskau gelegenen Gebiets Kaluga, das durch sein Automobil-Cluster berühmt ist, will dazu mit den Russischen Eisenbahnen und dem südkoreanischen Konzern Samsung sprechen. Das Gebiet Moskau hofft indes auf konkrete Abschlüsse in den Bereichen Industrie, Landwirtschaft und Infrastrukturbau.

Nach Angaben der Investmentholding Finam steigt die Zahl der auf dem Wirtschaftsforum unterzeichneten Abkommen übrigens mit jedem Jahr, wenngleich ihr Volumen stetig abnimmt. 2013 wurden im Ergebnis des Wirtschaftsforums 102 Abkommen mit einem Gesamtvolumen von 9,6 Billionen Rubel (146 Milliarden US-Dollar) unterzeichnet, 2014 waren es 175 Abkommen mit einem Gesamtvolumen von 401,4 Milliarden Rubel (6,1 Milliarden US-Dollar) und 2015 schließlich 205 Abkommen mit einem Gesamtvolumen von 293,4 Milliarden Rubel (4,5 Milliarden US-Dollar).

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