Jelissejew-Läden: Luxus-Shopping im Russischen Reich

Im Inneren der Petersburger Filiale auf dem Newskij-Prospekt. Foto: Pressebild

Im Inneren der Petersburger Filiale auf dem Newskij-Prospekt. Foto: Pressebild

Geschäfte in Russland zu führen war noch nie einfach. Die Jelissejew-Brüder haben es dennoch zu großem Reichtum geschafft. Ihr Name ist bis heute vielen Russen ein Begriff.

Im Inneren der Petersburger Filiale auf dem Newskij-Prospekt. Foto: PressebildIm Inneren der Petersburger Filiale auf dem Newskij-Prospekt. Foto: Pressebild

Winter 1812. Graf Scheremetjew hat auf seinem Besitz zu einem Festessen geladen. Die Gäste werden mit frischen Erdbeeren bewirtet, die sein leibeigener Gärtner Pjotr in einer Orangerie gezüchtet hat. Erdbeeren im Winter überraschen die Gäste doch derart, dass sie darum bitten, den Gärtner in den Bankettsaal einzuladen. Als dieser eintritt, fragt Scheremetjew, wie er ihm danken könne, und der Leibeigene antwortet: „Schenkt mir die Freiheit.“ Da erteilt Scheremetjew Pjotr den Freibrief und gibt ihm zum Abschied noch einen „Gründerzuschuss“ mit.

Woher die Jelissejews ihr Start
kapital tatsächlich hatten, ist in 
Wirklichkeit bis heute ungeklärt. Die Erdbeer-Geschichte ist eine gern erzählte, wenn auch nicht dokumentierte Legende. Geklärt ist aber, dass die Jelissejews aus dem heutigen Gebiet Jaroslawl stammen und Pjotr, der später den Namen Jelissejew annahm, tatsächlich ein Leibeigener war.

Der Geist der Jelissejews

Auch heute gehören die sogenannten Jelissejew-Geschäfte auf dem Newskij- Prospekt in Sankt Petersburg und der Twerskaja-Straße in Moskau zu den bekanntesten Adressen in Russland, wenn man ein gehobenes Sortiment oder Luxuswaren sucht. Dabei beeindruckt nicht einmal so sehr die Auswahl der Waren, die von schwarzem Kaviar über edlen Kau0308se bis hin zu teurem Sekt reicht. Außergewöhnlich ist vielmehr das Ambiente, wie es sonst in den prunkvollsten Adelspalästen vorzufinden ist. Betrieben werden die Läden von Unternehmern, die nichts mehr mit der ursprünglichen Jelissejew-Dynastie zu tun haben.
1813 zog Pjotr zusammen mit seiner Familie nach Sankt Petersburg und eröffnete dort ein Handelskontor. Einige Jahrzehnte später wird der Familienname für eine der erfolgreichsten Kaufmannsdynas
tien in Russlands damaliger pompöser Hauptstadt stehen. Bei der Eröffnung seines ersten Ladens halfen Pjotr dagegen noch seine guten Verbindungen zu seiner Landsmannschaft. So gehörten 
Zugereisten aus Jaroslawl zum 
Beispiel 323 der 415 Petersburger Gemüsehandlungen. Die Jelissejews hatten bei der Auswahl des Standorts für ihren Laden ein gutes Gespür bewiesen. Sankt Petersburg war das Tor des Russischen Kaiserreichs zum Meer und erlebte nach dem Sieg über Napoleon einen grandiosen Wirtschaftsaufschwung. Die zweite gute Entscheidung der Jelissejews war, mit qualitativ hochwertigen Luxusgütern zu handeln.

Das Sortiment könnte sich auch heute sehen lassen. „Im Geschäft Nr. 6 werden dieser Tage aus der Krim eingetroffene frische Birnen und diverse Kiewer Konfitüren 
verkauft. Es gibt Parmesan der höchsten Qualität für sieben Rubel das Pfund sowie die besten Käsesorten aus Holland, England und der Schweiz“, verheißt ein Werbeinserat der Jelissejews im „Sankt Petersburger Anzeiger“ aus dem Jahr 1814. Bei Weitem nicht alles, was im Geschäft verkauft wurde, stammte aus dem Ausland. Der Schwerpunkt jedoch lag auf den Importwaren. Die Nähe des Petersburger Hafens hatte einen wesentlichen Anteil an dieser Ausrichtung. Nach Pjotrs Tod 1825 übernahm dessen Witwe Marja Gawrilowna die Führung des Familienbetriebs. Doch es waren seine Söhne Pjotr, Grigorij und Stepan, die die Entwicklung des Unternehmens stark prägten und dem Familiennamen zum Durchbruch verhalfen.

Jelissejews Filiale in Kiew, damals Teil des Russischen Kaiserreiches und heute Hauptstadt der Ukraine. Foto: PressebildJelissejews Filiale in Kiew, damals Teil des Russischen Kaiserreiches und heute Hauptstadt der Ukraine. Foto: Pressebild

Edelwein aus Sankt Petersburger Kellern

In den Dreißiger- und Vierzigerjahren begannen die Jelissejews zunächst mit dem Weinhandel und erwarben in Holland zwei Segelschiffe. Sie beschlossen, keinen Wein, sondern Weintrauben aus den besten Anbaugebieten Frankreichs, Spaniens und Portugal einzukaufen. Zur Verarbeitung der Trauben vor Ort kauften sie Keltereianlagen und errichteten die notwendige Infrastruktur in Bordeaux, Jerez und auf Madeira. Mit Schiffen wurde das Material dann zu den Weinkellern der Jelissejews in Sankt Petersburg transportiert. Dank der neusten Anlagen verloren der Madeira und der Jerez nichts von ihrer Qualität und zählten zu den wertvollsten Weinen. Die Jelissejews hatten die gesamte Fertigungskette unter ihrer Kontrolle – von der Lese bis zur Abfüllung. Dadurch konnten sie die hohe Qualität des Weins sicherstellen. Besonderes Prestige verlieh der Marke der Status des Hoflieferanten, den die Jelissejews ab 1840 für den Zarenhof innehatten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann das Handelshaus Gebrüder Jelissejew gegründet.

Das angehäufte Kapital wollte angelegt werden. Die Jelissejews investierten in die aufkommenden Privatbanken und bauten ihre Han
delsgeschäfte weiter aus. Dank der Bankengründung gingen den Läden nie die Umlaufmittel aus.

Die eigene Flotte stießen die Jelissejews mit der Zeit wieder ab. Für das große Handelsvolumen wurde eine große Flotte benötigt, die vorhandenen Reedereien konnten die Fracht allerdings viel effizienter befördern. Laut dem Departement für Handel und Manufakturen betrug der Handelsumsatz der Gebrüder Jelissejew auf dem Binnenmarkt und im Ausland etwa vier Millionen Rubel – nach heutigen Maßstäben rund 50 Millionen Euro.

Ende aus Liebe

1896 wurde Pjotrs Enkel Grigorij Jelissejew zum Alleineigentümer des Handelshauses. Sein älterer Bruder Alexander kümmerte sich derweil um das Bankgeschäft. Ende des 19. Jahrhunderts verfügte Grigorij Jelissejew über mehrere Filialen in den größten Städten des Riesenreiches Sankt Petersburg, Moskau und Kiew. Diese Läden richteten sich an einen exklusiven Kundenkreis. Grigorij erkannte, dass die wachsende Oberschicht in den Großstädten nach einem neuen Konsumerlebnis verlangte: Die Läden mussten aus der Masse herausstechen.

So verwandelte Jelissejew den Bau eines Geschäfts in der Moskauer Twerskaja-Straße in eine riesige Werbeaktion. Der ehemalige Palast der Grafen Wolkonskij, in dem man das Ladengeschäft einrichtete, wurde rundherum mit Bretterwänden verkleidet und man bewahrte eisernes Schweigen darüber, was hier gebaut wurde. Zur Eröffnung gab es eine pompöse Feier, zu der die ranghöchsten 
Moskauer Beamten und Geistlichen geladen wurden.

Der nächste Jelissejew-Laden wurde in Sankt Petersburg auf dem Newskij-Prospekt eröffnet. Das dreigeschossige Jugendstil-Gebäude passte so gar nicht zu den aristokratischen Bauten dieser Prachtstraße. Das Gebäude galt lange Zeit als architektonische Missgeburt. Das wirkte sich jedoch kaum auf die Popularität des Geschäfts aus. Zu seinem Erfolg trug auch bei, dass es das Modell heutiger Verkaufs- und Vergnügungszentren vorwegnahm: Im Erdgeschoss wurden Lebensmittel verkauft, eine Etage höher war ein Theater untergebracht und im zweiten Obergeschoss gab es ein Restaurant.

Das umstrittene Jelissejew-Gebäude in Sankt Petersburg. Foto: PressebildDas umstrittene Jelissejew-Gebäude in Sankt Petersburg. Foto: Pressebild

Ungeachtet seines Erfolgs und des großen Unternehmenswerts steuerte das Jelissejew-Imperium seinem baldigen Untergang entgegen. Grund dafür waren nicht etwa strategische Fehler, sondern – die Liebe. Der fünfzigjährige Grigorij verliebte sich in die Frau eines Petersburgers Kaufmanns und bat bald seine Frau Maria um Scheidung. Ein Entschluss, den diese nicht verkraftete: Im Oktober 1914 nahm sie sich das Leben. Nur drei Wochen nach den Trauerfeierlichkeiten heiratete 
Jelissejew seine Auserwählte, löste die Gesellschaft auf und zog nach Paris, nachdem er sein gesamtes Vermögen dorthin überführt hatte. Nach diesen Ereignissen wollte keines von Grigorijs Kindern die Familientradition fortführen. Dieser selbst betätigte sich nie wieder unternehmerisch. Doch selbst heute – einhundert Jahre nach ihrer Schließung – sind die Jelissejew-Läden noch im ganzen Land bekannt.

Die ungekürzte Fassung des Textes erschien zuerst im Online-Magazin „Sekret Firmy“.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland