Dumpingpreise? EU verhängt Strafzölle auf russischen Stahl

Stahlkocher aus Russland wollen sich wehren.

Stahlkocher aus Russland wollen sich wehren.

Reuters
Die Europäische Union hat Antidumpingzölle auf kaltgewalzten Flachstahl aus Russland und China eingeführt. Russische Stahlproduzenten sind entschlossen, bei der Welthandelsorganisation (WHO) gegen die Entscheidung vorzugehen.

Die Europäische Union hat Antidumpingzölle auf kaltgewalzten Flachstahl aus Russland und China eingeführt. Die verhängten Einfuhrzölle betreffen die größten Stahlkocher Russlands, wie die EU in ihrem Amtsblatt vom 4. August dieses Jahres (L210) bekanntgab. Die Aufschläge für Stahl des MMK-Konzerns aus Magnitogorsk betragen 18,7 Prozent, für Severstal 34 und für NLMK aus Lipezk 36,1 Prozent. Die Strafzölle gelten für eine Dauer von fünf Jahren und treten rückwirkend für die Exporte russischer Stahlproduzenten in die EU seit Dezember 2015 in Kraft. Die russischen Konzerne werten die verhängten Zölle als Handelsschranken und kündigten an, gegen die EU-Entscheidung vorzugehen.

Der Unternehmenssprecher der NMLK-Group Sergei Babitschenko warf der EU-Kommission gegenüber RBTH eine Bestrafung wegen „nichtexistentem Dumping auf Grundlage falscher Schlüsse“ vor. „Wir beabsichtigen, die verhängten Zölle vor EU-Gerichten und im Rahmen der WHO anzufechten“, erklärte er. Auch der MMK-Konzern werde Einspruch gegen die EU-Entscheidung erheben, sagte Unternehmenssprecher Dmitri Kutschumow.

Wem nützen die Handelsbarrieren?

Die EU-Kommission nahm die Antidumping-Untersuchung gegen russische und chinesische Stahlproduzenten nach einer Beschwerde des Europäischen Stahlindustrieverbands Eurofer im Mai 2015 auf. Die europäischen Stahlkocher bezichtigten ihre Konkurrenten aus Russland und China, Kaltwalzstahl unter Herstellungskosten zu verkaufen. Die Dumpingpreise hätten laut Eurofer zu finanziellen Verlusten bei europäischen Stahlproduzenten geführt.

Der Anteil russischen Stahls am europäischen Markt ist zwischen 2011 und 2014 um das 1,7-Fache von 5,9 auf 10,1 Prozent gestiegen. Die Liefermenge erhöhte sich um 50 Prozent – von 466 000 auf 724,7 000 Tonnen. Der Durchschnittspreis sank dabei um 21 Prozent von 630 auf 499 Euro je Tonne.

Die Unternehmen aus Russland sind überzeugt, dass die Untersuchung der EU-Kommission fehlerhaft sei und internationales Recht verletze. „Die Russische Föderation und die Volksrepublik China können die Maßnahmen der EU bei der WHO anfechten, wenn sie der Ansicht sind, dass die Europäische Union die Regeln der Welthandelsorganisation in ihrer Antidumping-Untersuchung verletzt hat“, sagte die WHO in Genf auf RBTH-Anfrage.

Russische Stahlproduzenten geraten unter Druck

Die verhängten Zölle werden die Gewinne durch den Verkauf russischen Kaltwalzstahls dämpfen – ein harter Schlag für Stahlproduzenten mit hohem Exportanteil. „NLMK und Severstal fahren rund ein Drittel ihres Gewinnes durch den Export ein, unter anderem in die EU“, sagt Artem Kalinin von der Investmentgesellschaft Leon MFO.

Bislang ist nur kaltgewalzter Stahl von den Zöllen betroffen. Die EU-Kommission kündigte jedoch bereits im vergangenen Juli an, eine Antidumpinguntersuchung für warmgewalztem Stahl aus Russland, Brasilien, dem Iran, Serbien und der Ukraine aufzunehmen.

„Die Vereinigten Staaten verhängen seit einem Jahr aktiv und aggressiv Zölle gegen chinesische Stahlproduzenten“, sagt Kalinin. Die Europäische Union könnte den USA mit gleicher Entschlossenheit folgen „und die Zölle auf andere Produktarten ausweiten“, erklärt er. Dmitri Baranow, Chef-Analyst beim Vermögensverwalter Finam, rät deshalb: „Eine Umorientierung auf andere Märkte könnte den russischen Stahlproduzenten helfen, die finanziellen Nachteile durch EU-Zölle in Grenzen zu halten.“ 

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