Sinkende Preise: Russlands erste Deflation seit fünf Jahren

Der Grund dafür sei unter anderem die fallende Kaufkraft, meinen Experten.

Der Grund dafür sei unter anderem die fallende Kaufkraft, meinen Experten.

Reuters
Anfang des Monats vergünstigten sich Konsumgüter in Russland zum ersten Mal seit fünf Jahren. Günstige Preise für Nahrungsmittel, allen voran für Obst und Gemüse, machen es möglich. Nun scheint auch die erhoffte Senkung der Inflation auf vier Prozent bis Ende 2017 wieder möglich. Experten zeigen sich verhalten optimistisch.

Anfang August sanken in Russland erstmals seit fünf Jahren die Preise für Konsumgüter. Dies zeigen die Zahlen des staatlichen statistischen Amtes Rostat. In der ersten Augustwoche fielen die Preise um insgesamt 0,1 Prozent. Zu einer Deflation war es in Russland zuletzt im September des Jahres 2011 gekommen. Im Jahr 2015 waren die Preise im Vergleich noch um 12,9 Prozent gestiegen. „Die Verringerung des inflationären Drucks ist eine gute Nachricht für die russische Wirtschaft. Das kann zu einer schnelleren Überwindung der hohen Inflation auf das von der Zentralbank definierte Ziel von vier Prozent im Jahr 2017 führen“, sagt Timur Nigmatullin, Finanzanalyst des Unternehmens Finam. Dieses Ziel setzte sich die russische Zentralbank Ende 2014, als sie die Regulierung der nationalen Währung aufgab und der Rubel so zu US-Dollar und Euro die Hälfte seines Wertes verlor.

Sinkende Reallöhne dämpfen Kaufkraft

Analysten zufolge ist die derzeitige Deflation wie bereits vor fünf Jahren saisonabhängig. „In der Regel kommt es in den Sommermonaten zu niedrigeren Lebensmittelpreisen. Obst und Gemüse werden aufgrund der neuen Ernte günstiger“, sagt Andrei Kotschetkow, Hauptanalyst bei Openbank Broker. Zudem komme es in den Großstädten aufgrund der Urlaubssaison zu einer verringerten Nachfrage an Konsumgütern. In den Einkaufszentren gebe es deshalb Ausverkäufe und Rabattaktionen, um Käufer in diesen relativ ruhigen Monaten anzulocken.

Für den Rückgang der Preise gibt es aber auch weitere Ursachen. Eine wesentliche Rolle spiele die fallende Kaufkraft, sagt Michail Poddubski, Analyst bei TeleTrade. Der Bevölkerung falle es immer schwerer, das Niveau ihrer Ausgaben zu halten. Grund dafür sei der sinkende Reallohn.

Insgesamt sei die Deflation dennoch ein positives Zeichen für die russische Wirtschaft. „Die Deflation lässt an den Rubel glauben und könnte sich positiv auf die Aktivität der Wirtschaft auswirken“, erklärt Dmitri Bedenkow, Vorsitzender der analytischen Abteilung bei Russ-Invest. Die zurückgehende Inflation erhöhe die Kaufkraft bei einem stabilen Lohn.

Inflationsziel nur schwer zu erreichen

Die Anfang August registrierte Deflation beweist laut Bedenkow, dass Russland im Jahr 2017 zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine vierprozentige Inflation erreichen könne. Diese Entwicklung sei vor allem der geradlinigen Finanzpolitik zu verdanken. „Die Zinssätze auf dem Finanzmarkt liegen bei mehr als zehn Prozent, was die Finanzierung von Wirtschaftsvorhaben bremst und das weitere Wachstum hemmt“, sagt er. Für die Bevölkerung sei es eine gute Nachricht, da Deflation den Reallohn steigen lasse und die effektiven Zinsen für Finanzierungen und Hypotheken senke, fügt Nigmatullin hinzu.

Eine vierprozentige Inflation sei nur dann möglich, wenn der Ölpreis steige oder die westlichen Sanktionen aufgehoben würden, glaubt Konstantin Korischenko, Ex-Vizepräsident der Zentralbank und Leiter der Abteilung für Kapitalmärkte und Finanzsteuerung an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst beim Präsidenten Russlands (RANCHiGS). „Es ist wahrscheinlicher, dass die Inflation am Ende des Jahres 2017 bei etwa 5,5 bis sechs Prozent liegen wird“, sagt auch Poddubski. Angesichts der Importabhängigkeit der russischen Wirtschaft werde der Rubelkurs eine große Rolle spielen. Je schwächer die russische Währung sein werde, umso schwieriger sei es auch, die gewünschten Inflationsziele zu erreichen, fügt er hinzu.

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