Noch kein Käufer gefunden: Russland will die Erdölindustrie privatisieren

Nun droht 2017 ein höheres Staatsdefizit als ursprünglich geplant.

Nun droht 2017 ein höheres Staatsdefizit als ursprünglich geplant.

Reuters
Eigentlich wollte der russische Staat in diesem Herbst seine Anteile an den Erdölunternehmen Baschneft und Rosneft verkaufen. So sollte das Staatsdefizit im kommenden Jahr gedrückt werden. Die Suche nach einem Käufer gestaltet sich allerdings schwierig – auch wegen der niedrigen Ölpreise.

Die russische Regierung verschiebt die Privatisierung Baschnefts, eines der größten Erdölunternehmen des Landes, vom Herbst dieses Jahres auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt. Dies habe der Erste Stellvertreter des Ministerpräsidenten Igor Schuwalow verkündet, teilte das russische Handelsblatt „RBC Daily“ mit.

Zudem sei bei der Regierung bisher kein Angebot für eine Übernahme des 19,5 Prozent großen staatlichen Anteil an Rosneft, dem größten Erdölunternehmen des Landes, eingegangen – weder von einem russischen, noch von einem ausländischen Anbieter, teilt „RBC“ mit Verweis auf eine eigene Quelle im Kabinett des zuständigen Ministers mit. Nach Angaben der Zeitung wird der Verkauf wohl in diesem Jahr kaum mehr stattfinden. „Die Ursachen für die Verschiebung der Privatisierung sind in der schwachen Konjunktur auf dem Erdölmarkt und den schlechten Aussichten bei der Akquise von Privatinvestoren zu finden“, sagt Sergej Chestanow, Berater für Makroökonomie beim Generaldirektor von Otkrytije Broker.

Alle streiten über den Preis

Wie Igor Schuwalow erklärte, gäbe es für den Anteil an Baschneft realistische Interessenten, darunter Lukoil, der größte private Erdölkonzern Russlands, sowie Rosneft selbst und das Unternehmen Nesawisimaja Neftegasowaja Kompanija, das dem ehemaligen Rosneft-Präsidenten Eduard Chudainatow gehört. Im Auftrag der Regierung führte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young eine Bewertung des staatlichen Anteils an Baschneft durch und beziffert den Wert auf 306 Milliarden Rubel, rund 4,25 Milliarden Euro. Diese Einschätzung wird jedoch von Rustem Chamitow, dem Gouverneur Baschkortostans, angezweifelt. Dort ist das Unternehmen Baschneft angesiedelt. Laut dem Gouverneur könne der staatliche Anteil deutlich teurer verkauft werden – eine entsprechende Erklärung richtete er an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Staat hatte geplant, für das 19,5 Prozent große Rosneft-Aktienpaket mindestens 700 Milliarden Rubel, also 9,72 Milliarden Euro, zu erzielen.

„Der Grund für die Verzögerung bei der Privatisierung Baschnefts ist wahrscheinlich, dass sich der Staat bisher ganz einfach nicht mit einem potenziellen Käufer einigen konnte“, sagt Stanislaw Werner, Vize-Präsident von IFC Financial Center. „Der größte Anwärter für den Kauf des Staatsanteils an Baschneft ist Lukoil.“ Vom Standpunkt der Wettbewerbsentwicklung und einer Senkung der Staatsverschuldung sei dies die optimale Variante. Lukoil aber habe sich mit dem von Ernst & Young vorgeschlagenen Preis unzufrieden gezeigt und das Angebot abgelehnt. „Ausschlaggebend könnte gewesen sein, dass sich Lukoil und Rosneft eine Schlacht um den Kauf geliefert haben“, stimmt Anastasia Ignatenko, Analystin bei TeleTrade, zu. Zuvor hatte Wagit Alekperow, der Chef Lukoils, geäußert, dass der Preis für Baschneft zu hoch sei.

Das Staatsdefizit dürfte höher ausfallen

Problematisch ist nun, dass der Verkauf der Rosneft- und Baschneft-Aktien die Grundlage dafür ist, dass der Staatshaushalt des Landes für 2017 mit einem Defizit von maximal drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes verabschiedet werden kann. „Mit einer deutlichen Verbesserung der Konjunktur auf dem Erdölmarkt ist bis zum Jahresende nicht zu rechnen, aber das Vorhaben, das Haushaltsdefizit auf einem Niveau von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu halten, muss irgendwie umgesetzt werden“, warnt Werner. Chinesische Investoren hatten zuvor erklärt, dass sie an einer Investition nur dann interessiert seien, wenn sie an der Unternehmensführung beteiligt würden. Laut Werner müsse deshalb nun ein Kompromiss zwischen dem Preis einerseits und den Rechten, die den strategischen asiatischen Investoren beim Kauf des Rosneft-Aktienpakets eingeräumt würden, anderseits erzielt werden.

Wenn die Privatisierung verschoben werde, bleibe vollkommen offen, wie der Haushalt für 2017 verabschieden werden soll, sagt Iwan Kapitanow, Dozent an der Hochschule für Unternehmensführung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst beim Präsidenten Russlands. Seinen Worten nach werde das Haushaltsdefizit statt der geplanten drei Prozent aller Wahrscheinlichkeit nach fünf Prozent betragen. Eine Lösung könne eine weitere Abwertung des Rubels sein: Bei einem niedrigeren Kurs der russischen Nationalwährung stiegen die Haushalseinnahmen, da fossile Brennstoffe ja gegen US-Dollar verkauft würden, fügt er hinzu.

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