Oligarchen im zaristischen Russland: Wer war der reichste Mann im Land?

Wer waren sie, die Oligarchen der Zarenzeit?

Wer waren sie, die Oligarchen der Zarenzeit?

Lori / Legion-Media
Russische Oligarchen sind keine Erscheinung der Neuzeit. Schon immer gab es in Russland reiche Kaufleute, die eng mit der Macht im Land zusammenarbeiteten. RBTH stellt die reichsten und einflussreichsten Männer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vor.

Die Geschichte russischer Oligarchen reicht lange zurück. Vom 12. bis 15. Jahrhundert spielten die Kaufleute eine wichtige Rolle in der Handelsrepublik Nowgorod. Zur Zeit Iwans des Schrecklichen im 16. Jahrhundert war der reichste Unternehmer des Landes, Anika Stroganow, eng mit der Macht verbunden. Er bekam vom Zaren Millionen Hektar Land, baute darauf seine Manufakturen und investierte die Erlöse in die Erschließung und Kolonialisierung Sibiriens. Die Verflechtung von Macht und Kapital erreichte ihren Höhepunkt unter Katharina der Großen. Ihre Favoriten prahlten mit geschenkten Millionen und die weniger erfolgreichen Hofdiener flochten Intrigen, um die Gunst der Imperatorin zu gewinnen. Die Reichen der damaligen Epoche besaßen Tausende Leibeigene und riesige Ländereien.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen die feudalen Verhältnisse in Russland ins Wanken – eine Schicht industrieller Kapitalisten drängte nach oben. Bis zum Jahr 1914 konnten einige von ihnen die alten Adelsgeschlechter überholen. Die enge Beziehung zum Staat aber blieb. Wer waren sie, die Oligarchen der Zarenzeit?

19. Jahrhundert

Samuil Poljakow (1837-1888). „Das bekannteste Eisenbahn-As“ nannte ihn der damalige Finanzminister Sergej Witte. Die Stärke des Industriellen war innovatives und schnelles Management am Bau. Poljakow baute neue Eisenbahntrassen und gründete Kreditbanken. Er war sich aber auch für die Veruntreuung von Staatsgeldern nicht zu schade, wie Zeitzeugen berichteten. „Um die Konzession für den Bau einer Eisenbahnstrecke in der Region Asow zu bekommen, versprach er der Regionalverwaltung 300 000 Rubel und ein Schienenwerk. Letztlich hat er der Region weder das Werk gebaut noch das Geld gegeben“, empörte sich der Ökonom Skalkowskij, selbst dafür berühmt, bei öffentlichen Geldern gerne die Hand aufzuhalten.

Poljakow hinterließ ein Vermögen von 31 Millionen Rubel. Dieser Erfolg ist besonders überraschend, weil Poljakow ein Jude war, und Juden im zaristischen Russland verfolgt wurden. Mit den Geldern der Familie wurde die erste Synagoge in Moskau gebaut.

Smirnow baute ein Wodka-Imperium auf. Foto: ArchivbildSmirnow baute ein Wodka-Imperium auf. Foto: Archivbild

Pjotr Smirnow (1831-1898). Der Mann mit dem berühmtesten russischen Nachnamen stieg vom Leibeigenen zum Wodka-König Russlands auf. Nach der Befreiung aus der Leibeigenschaft gründete Smirnow ein Spirituosengeschäft und drei Jahre später eine kleine Brennerei. Der Unternehmer setzte auf Qualität. Und der Erfolg gab ihm Recht. Seine Wodkas, Liköre und Weine gewannen internationale Auszeichnungen, der Umsatz wuchs wie von selbst. Smirnow baute ein Wodka-Imperium auf und hinterließ ein Vermögen von 8,7 Millionen Goldrubel. Zwei Jahrzehnte nach seinem Tod gründete sein Sohn Wladimir Smirnow im Exil die Wodka-Marke „Smirnoff“.

40 Jahre lang sammelte Pawel Tretjakow Bilder und gründete schließlich die Nationale Galerie. Foto: Pressebild40 Jahre lang sammelte Pawel Tretjakow Bilder und gründete schließlich die Nationale Galerie. Foto: Pressebild

Pawel Tretjakow (1832-1898). Manchmal wird er auch als russischer Medici bezeichnet. Der Kaufmannserbe baute Papierfabriken, handelte mit Wolle, Leinen und Baumwolle, und war Vorstandsmitglied der Kaufmannsbank. 1898 wurde sein Vermögen auf 3,8 Millionen Rubel geschätzt. Berühmt wurde der Unternehmer vor allem als großzügiger Mäzen. 40 Jahre lang sammelte er Bilder und gründete schließlich die Nationale Galerie. „Für mich als wahrlichen und brennenden Liebhaber der Malerei kann es keinen besseren Wunsch geben, als den Grundstein für eine öffentliche Kunstsammlung zu legen“, schrieb Tretjakow in sein Testament. Heute zählt die Tretjakow-Galerie in Moskau rund 180 000 Exponate. Sie ist eines der größten Museen russischer Kunst weltweit.

20. Jahrhundert (bis 1917)

Felix Jussupow war der einzige Erbe eines Vermögens von 21 Millionen Rubel. Foto: PressebildFelix Jussupow war der einzige Erbe eines Vermögens von 21 Millionen Rubel. Foto: Pressebild

Felix Jussupow (1887–1967). Berühmt wurde Jussupow nicht als reicher Adeliger, sondern als Mörder Rasputins. Der bisexuelle Playboy war der einzige Erbe eines Vermögens von 21 Millionen Rubel. Die Jussupows besaßen Häuser, Landgüter, Wertpapiere und Bergwerke. Doch sie vergeudeten ihren Reichtum und gaben mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen für den eigenen Lebensunterhalt aus. Der selbstherrliche Aristokrat Felix träumte von großen Taten, was ihn letztlich auch zum Mord trieb. In seinen Memoiren schrieb Jussupow: „Nach einigen Treffen mit Rasputin war ich überzeugt, dass er die Wurzel allen Übels und allen Unglücks Russlands ist.“ Ironie des Schicksals: Der Name Rasputins half Jussupow nach dessen Flucht aus Russland, den alten Wohlstand wiederzuerlangen. Die US-Filmstudios MGM zeigten in dem Film „Rasputin und die Imperatorin“ Jussupows Frau als Vergewaltigungsopfer Rasputins. Jussupow verklagte die Filmemacher und bekam 1933 250 000 US-Dollar Schadensersatz zugesprochen. Die Klausel „Ähnlichkeiten mit echten Personen und Handlungen sind rein zufällig“ wurde in Hollywood nach dieser Geschichte zur Pflicht.

Nikolai Wtorow (1866-1918). Laut Forbes war Wtorow im Jahr 1914 Russlands reichster Unternehmer. Anders als viele Kapitalisten des 19. Jahrhunderts fing Wtorow nicht bei null an: Der Sohn eines Kaufmanns erbte acht Millionen Rubel. Wtorow baute ein fünfstöckiges Kaufhaus in Moskau, finanzierte Fabriken, handelte mit Tee, investierte in den Anbau von Baumwolle und die Förderung von Gold. Während des Ersten Weltkriegs gründete der Industrielle die russlandweit erste Chemiefarbenfabrik und die erste Elektro-Stahlhütte. 1914 betrug Wtorows Vermögen mehr als 60 Millionen Rubel.

Laut dem Russischen Rechnungshof verdiente ein Gymnasiallehrer im Jahr 1913 85 Rubel, ein Straßenfeger 18 Rubel. Eine Durchschnittsfamilie gab 20 bis 25 Rubel für Lebensmittel aus. Rechnet man das damalige Vermögen russischer Oligarchen nach dem Kurs von 1913 in US-Dollar um, ergibt sich folgendes Bild:

Tretjakow hätte heute ein Vermögen von 52 Millionen US-Dollar besessen. Smirnow wäre 119 Millionen Dollar schwer. Poljakow starb vor der Einführung des Goldstandards: Sein Vermögen wäre annähernd 583 Millionen Dollar groß gewesen. Die Jussupows hätten 250 Millionen, Wtorow mehr als 716 Millionen besessen.

Die Zarenfamilie

Die Romanows waren über Jahrhunderte hinweg die reichsten Menschen Russlands. Mit ihrem Vermögen gingen sie nicht immer vernünftig um. Katharina die Große verschwendete es und beschenkte ihre Lieblinge mit unvorstellbaren Summen. Zugleich gab sie ihrer fünften Enkeltochter den Namen Olga, sodass ihr Geburtstag und ihr Namenstag zusammenfielen und Jekaterina weniger für Geschenke und Feiern ausgeben musste.

Die Romanows vermehrten ihr Vermögen im Laufe der Zeit. Ein Onkel zweiten Grades des letzten russische Zaren Nikolai II erinnerte sich: „Das tote Kapital der Zarenfamilie, in Edelsteinen, wurde auf 160 Millionen Rubel geschätzt. Schätzungen des Historikers Igor Simin zufolge hatte die Ehefrau des Zaren bis zum Jahr 1917 600 bis 700 Diamanten angehäuft. Der Zar hielt millionenschwere Aktienpakete der Adelsbank und der russischen Eisenbahngesellschaft. Nach der gescheiterten Revolution von 1905 hatte sich der Zar rückversichert und ein Teil des Vermögens bei deutschen Banken angelegt – je nach Schätzung waren auf deutschen Konten des Zaren 1917 zwischen zwei und 15 Millionen Rubel eingelagert.“

Die Zarenfamilie besaß Villen in Frankreich und Schlösser in Dänemark. Im Russischen Reich besaßen sie Weinstöcke, Landhäuser, Schlösser und Bergwerke im Wert von 100 Millionen Rubel. Die Jahreseinnahmen von Nikolai II erreichten bis zu 20 Millionen Rubel. Das genügte dem Zaren jedoch nicht, sodass er sich hin und wieder am Staatssäckel bediente. Der damalige Finanzminister Witte erinnerte sich, dass der Zar einst einem Vertrauten einen Zwei-Millionen-Kredit aus der Staatskasse gewährt hatte.

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