Russlands wilde Wirtschaftsjahre

Die Neunzigerjahre gelten als Russlands wilde Zeit. Die Reformen stürzten das Land in eine Krise, schufen jedoch auch die Basis für späteren Wohlstand und Aufschwung.

Das Ende der UdSSR war die Geburtsstunde des russischen Unternehmertums. Für viele brachte der Umbruch allerdings nichts als Elend und Armut. Foto: Dmitrij DiwinDas Ende der UdSSR war die Geburtsstunde des russischen Unternehmertums. Für viele brachte der Umbruch allerdings nichts als Elend und Armut. Foto: Dmitrij Diwin

Wenn sich heutige russische Milliardäre an ihr erstes Kapital erinnern, dann geht es oft um skurrile Beschäftigungen. Der Unternehmer Michail Prokhorov etwa färbte Jeans in einer gemieteten Wäschereihalle und Roman Abramowitsch, Eigentümer von FC Chelsea, handelte mit Gummienten. Doch gemein war ihnen, dass sie die letzten Jahre der Sowjetunion nutzten, um Kooperativen auf die Beine zu stellen. Es war eine neue Rechtsform, die es Gründern ermöglichte, Startkapital zu akkumulieren.

Ausgangspunkt dafür war das Kooperativen-Gesetz, das vom Obersten Sowjet der UdSSR am 28. Mai 1988 verabschiedet wurde und erstmals seit siebzig Jahren die Gründung von Privatunternehmen und die selbstständige Festlegung des Arbeitslohnes gestattete. 

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Das Problem: Alle Rohstoffe und Vorprodukte wurden wie bisher nach planwirtschaftlichen Regeln verteilt. Deshalb konnten nur jene erfolgreich wirtschaften, die über ausreichend gute Beziehungen verfügten und Zugriff auf die Rohstoffe der Staatsbetriebe hatten. Die Betriebsdirektoren schufen in ihren Werken mithilfe ihrer Vertrauensleute Kooperativen, die dann mit preiswerten Ausgangsmaterialien und unter Nutzung der staatlichen Produktionskapazitäten nachgefragte Waren herstellen und diese zu frei festgelegten Preisen verkaufen konnten. Den Extraprofit steckten sie in ihre eigene Tasche. Die Steuern waren mit drei Prozent vom Umsatz in der ersten Zeit äußerst niedrig, stiegen in Abhängigkeit vom Umsatzvolumen aber bald auf 30 bis 70 Prozent. Das drängte viele Kooperativen in die Schattenwirtschaft.

Die wichtigsten Marktreformen begannen nach dem Zerfall der Sowjetunion, als im Rahmen des „500-Tage-Programms“ die Privatisierung eines Großteils der Betriebe vorbereitet wurde. Dieser Prozess begann 1992, allerdings wurden die meisten Großbetriebe, darunter im Rohstoffbereich, erst in den Jahren 1995 bis 1996 im Rahmen einer umstrittenen Aktion privatisiert: Bei der „Pfandprivatisierung“ sollte das Staatssäckel durch Kredite, die mit staatlichen Aktienpaketen von Großunternehmen abgesichert waren, aufgefüllt werden. Die Kredite wurden allerdings nie getilgt und die Aktienpakete gingen in das Eigentum der Kreditgeber über.
Der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft war ein äußerst schmerzhafter Prozess – vor allem in den Jahren 1992 und 1994 kam es zu einem dramatischen Produktionsrückgang. Zur zweiten Hälfte der Neunzigerjahre fiel das Bruttoinlandsprodukt in Russland nahezu auf die Hälfte des Wertes von 1989, wobei die offizielle Statistik allerdings nicht die stark zugenommene Schattenwirtschaft jener Jahre berücksichtigt.

Woher stammte das Startkapital?

Das Markenzeichen dieser Schattenwirtschaft der Neunzigerjahre wurde der sogenannte Pendlerhandel. Güter wurden meistens von Privatpersonen schwarz nach Russland eingeführt, um dann an die Endverbraucher oder über Zwischenhändler auf russischen Basaren verkauft zu werden. Vor dem Hintergrund des großen Warendefizits und des rapiden Anstiegs der Arbeitslosigkeit bot diese Art des Handels die Möglichkeit, ohne große Investitionen Geld zu verdienen. Nach Berechnungen des Instituts für die Wirtschaft der Übergangszeit wurden durch die „Pendler“ in den Jahren 1995/96 aus dem Ausland Waren in einem Wert von 2,5 bis drei Milliarden US-Dollar pro Quartal eingeführt, was einem Drittel des gesamten russischen Importvolumens jener Zeit entspricht.

Ausländische Unternehmen sahen Russland trotz aller Probleme als riesigen Markt. Foto: Getty ImagesAusländische Unternehmen sahen Russland trotz aller Probleme als riesigen Markt. Foto: Getty Images

Wie Natalja Kapralowa von der Higher School of Economics feststellt, hatten die Händler aufgrund des Eisernen Vorhangs keine Auslandsreiseerfahrung und verdienten sich so ihre ersten Sporen in den früheren sozialistischen Bruderländern (Polen, Bulgarien, Ungarn, Rumänien). Dort verkauften sie etwa hochwertige russische Fotoapparate, Gold und weitere Edelmetalle. Für den Erlös erwarben sie preiswerte Waren, die in ihrer Heimat nur schwer zu haben waren. 

In den nächsten Jahren wurden die Einkaufstouren auf die Türkei und China ausgedehnt, mit deren Erzeugnissen die russische Leichtindustrie nicht konkurrieren konnte. Zur gleichen Zeit verwandelten sich Großstädte wie Moskau und Nowosibirsk in Umschlagplätze für die regionalen Händler. Ein Symbol dieser Zeit war der riesige Tscherkisowo-Markt im Osten Moskaus, derAnfang der Neunzigerjahre entstand und auf die Größe einer kleinen Großstadt anschwellte. 2009 wurde er wegen massiver Gesetzesverstöße geschlossen. 

Werbung und die neue Industrie

Seit den frühen Neunzigerjahren war die russische Industrie nicht in der Lage, mit Importwaren zu konkurrieren. Das ließ sich allein schon am Werbemarkt erkennen, auf dem bis 1998 praktisch keine russischen Werbekunden zu finden waren. Die Großaufträge für Kaugummi, Erfrischungsgetränke, Schokoriegel, Barbiepuppen und Medikamente kamen von ausländischen Unternehmen, die in Russland einen neuen gigantischen Absatzmarkt gefunden hatten.

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Der rasante Importanstieg hatte seinen Grund nicht nur in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit russischer Produkte, sondern auch in den makroökonomischen Bedingungen: Allein zwischen 1992 und 1995 fiel der inflationsbereinigte Rubelkurs um 95 Prozent, woraufhin er anschließend auf diesem Niveau in einem „Währungskorridor“ eingefroren wurde. Dadurch wurden jedoch die Importe billiger. Die Situation änderte sich erst im August 1998, als Russland den „technischen Staatsbankrott“ erklärte, seine Verbindlichkeiten nicht mehr beglich und den Rubelkurs nicht länger künstlich stabilisierte. Ursprünglich war geplant, die russische Währung lediglich um 15 bis 20 Prozent aufzuweichen, aber tatsächlich ließ der Rubel wesentlich stärker nach: Am 15. August 1998 kostete der US-Dollar offiziell 6,29 Rubel, am 1. September 1998 waren es bereits 9,33 Rubel und am 
1. Januar 1999 schließlich 20,65 Rubel. Zweifellos spielte auch der Preisverfall beim Erdöl von 25 bis 28 US-Dollar pro Barrel im Jahr 1997 auf sieben bis acht US-Dollar im August 1998 eine Rolle 
beim Staatsbankrott.

Viele Russen bauten als fliegende Händler eine neue Existenz auf. Foto: Leonid Swerdlow/TASSViele Russen bauten als fliegende Händler eine neue Existenz auf. Foto: Leonid Swerdlow/TASS

Das bedeutete einerseits einen äußerst schmerzhaften Rückgang des Lebensstandards und der Reallöhne für die Bevölkerung. Andererseits bekam die Industrie einen Wachstumsimpuls: Nach der Krise von 1998 lag das Industriewachstum deutlich über dem des BIP im Ganzen (sechs bis sieben Prozent pro Jahr). Wie Berechnungen des Zentrums für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen zeigen, entfiel zwei Jahre nach der Rubelentwertung der Hauptteil des Wachstums auf die Brennstoffindustrie (23 Prozent), den Maschinenbau (20 Prozent) und die Lebensmittelindustrie (33 Prozent). Das veränderte auch grundlegend den Werbemarkt – der Großteil der Aufträge kam nun, wie einer der größten Telekommunikationsunternehmer erzählt, von russischen Unternehmen, die etwa die ersten einheimischen Realityshows finanzierten. Der Effekt der Rubelabwertung war übrigens nicht so anhaltend wie erhofft: 2003 war er erschöpft. Begleitet wurde diese Entwicklung von einem Anstieg des Erdölpreises und einer zunehmenden Stabilisierung des Rubelkurses, was den Zustand der russischen Wirtschaft in den Zweitausenderjahren prägte.

Chronik: Russlands große Transformation

1988 • Im Rahmen der Perestroika erlaubt die UdSSR die Gründung von ersten Privatunternehmen, sogenannten Kooperativen. Diese werden zur ersten Geldquelle für spätere Wirtschaftskapitäne des Landes.

1992 • Anfang Januar erlaubt Russlands neue Regierung Wirtschaftssubjekten, selbstständig Preise für ihre Güter zu setzen. Der besiegelte Übergang zur Martkwirtschaft provoziert allerdings eine Hyperinflation.

1995 • Nach ersten kleineren Privatisierungsrunden verpfändet der Staat Aktien mehrerer Großbetriebe wie Yukos und Sibneft für Kredite. Weil diese nicht beglichen werden, gehen die Anteile in Privatbesitz über.

1997 • Erst nach fünf Jahren der Rezession verzeichnet Russland ein leichtes Wachstum. Der Grund dafür ist der anziehende Ölpreis. Bis dahin war das BIP seit 1992 um etwa ein Drittel geschrumpft.

1998 • Im August kann Russland seine Schuldpapiere nicht mehr begleichen und muss den Staatsbankrott erklären. Der Rubel stürzt ab, bildet jedoch die Grundlage für eine spätere wirtschaftliche Erholung.

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