Weniger fördern, mehr forschen: Ölbranche zweifelt an Importsubstitution

Bashneft fördert Öl in Baschkortostan (etwa 40 Prozent) und Westsibirien (etwa 50 Prozent). Das Unternehmen wurde 1935 gegründet.

Bashneft fördert Öl in Baschkortostan (etwa 40 Prozent) und Westsibirien (etwa 50 Prozent). Das Unternehmen wurde 1935 gegründet.

Slava Stepanov/Gelio
Ein Arbeiter gibt Anweisungen während einer Ölbohrung in einem Ölfeld, das von Baschneft in der Nähe von Ufa betrieben wird. Russland braucht neue Technologien im Erdölsektor, um bei der Förderung mitzuhalten. Der Staat setzt auf Importsubstitution. Doch Experten sind skeptisch.

Die Prognose klang düster: Ende vergangenen Jahres sagte das russische Energieministerium voraus, dass die Ölförderung in Russland in den kommenden 20 Jahren um die Hälfte sinken könnte. Das ließ die Industrie nicht auf sich sitzen und lieferte Ideen: eine effizientere Förderung aus bereits bestehenden Lagerstätten sowie die
 Erschließung unkonventioneller 
Lagerstätten fossiler Brennstoffe, so lautet das Konzept der Zukunft. Außerdem ist da noch die Erschließung des Schelfs, vor allem in der Arktis. Doch für all diese Szenarien sind neue Technologien erforderlich. Dabei sind die Ausgaben für die Erforschung und Entwicklung nicht vergleichbar mit den Aufwendungen führender westlicher Erdöl- und Erdgasförderfirmen. „Russland fördert zehn bis zwölf Prozent des Erdöls in der Welt, trägt dabei jedoch nur zwei bis drei Prozent der globalen Aufwendungen für die Entwicklung neuer Verfahren in dieser Branche“, bemerkt Michail Spasjonnych, Direktor des Zentrums für Kohlenwasserstoffgewinnung des Moskauer Skoltech-Instituts.

Dies ist einer der Gründe, warum die russischen Unternehmen vom Ausrüstungs- und Technologieimport abhängen. Laut einer Einschätzung des russischen Energieministeriums werden bei der Förderung herkömmlichen Erdöls bis zu 95 Prozent einheimische Verfahren eingesetzt. Ganz anders sehen die Werte bei den schwer förderbaren und Schelf-Reserven, der Vergrößerung des Erdölabgabekoeffizients sowie der Verarbeitung aus. Einen Ausweg aus dieser Situation sieht die russische Regierung in der Unterstützung der Importsubstitution. „Innerhalb des Devaluationskorridors sparen die Unternehmen durch den Einsatz einheimischer Verfahren Kosten. Außerdem hilft die Implementierung dieser Verfahren dabei, den Effekt der Sanktionen, die in verschiedenen Branchen wirken, abzufedern“, sagte der erste stellvertretende Energieminister Alexej Texler.

Bisher sind die zuständigen Ministerien damit beschäftigt gewesen, einzuschätzen, was ersetzt werden muss, und begannen, Programme und Pläne für die Importsubsti
tution zu entwickeln. So kündigte der Minister für Industrie und Handel Denis Manturow für den Maschinenbau in dieser Branche zum Beispiel die Ausarbeitung eines Arbeitsplans einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe für Importsubstitution in der Erdöl- und Erdgasindustrie an.

Während für das Industrie- und Handelsministerium die Priorität auf der Entwicklung der einheimischen industriellen Kapazitäten liegt, sorgt sich das Energieministerium vor allem um die Verfügbarkeit neuer Technologien.

Der Staat erteilt derzeit großzügige Investitionen für die Importsubstitution von Ausrüstungen für die Schelfprojekte. Es sei daran erinnert, dass für die Arktis- und Tiefsee-Erdöl- und Erdgasprojekte in Russland Sanktionen vonseiten des Westens bestehen. Nach Angaben des stellvertretenden Energieministers Kyrill Molodzow wurden 2016 für die Importsubstitution von Ausrüstungen für das russische arktische Schelf über 
1,3 Milliarden Rubel (etwa 19,5 Millionen Euro) bereit gestellt, im nächsten Jahr soll dieser Wert sogar noch auf drei Milliarden Rubel (45 Millionen Euro) gesteigert werden. Laut Molodzow liegen in den föderalen Behörden mehr als 20 Forschungsarbeiten vor, die Lösungen für die Entwicklung und die Einrichtung maritimer Lagerstätten sowie den Bau von Förderplattformen und -schiffen bieten. Aber eine realistische Ausbeute durch diese Projekte ist erst mittel- bis langfristig zu erwarten.

Der Bohrbetrieb auf dem Lisjanskij-Feld im Ochotskischen Meer, 420 Kilometer von Magadan entfernt, bei dem die Halbtaucher-Bohrinsel Nanhai-9 der China Oilfield Services eingesetzt wurde, brachte für Rosneft keine überzeugenden Ergebnisse. Das von dem Konzern auf dem fernöstlichen Schelf erworbene Know-how unterscheidet sich gravierend vom weithin angepriesenen Erfolg in der Karasee, wo Rosneft zusammen mit Exxonmobil 2014 die 
arktische Lagerstätte Pobjeda 
erschlossen hat. Damals wurden für die Erkundungsbohrungen die weltweit besten Technolo
gien eingesetzt. Gegenwärtig 
baut Rosneft im Fernen Osten 
eine eigene Schiffswerft namens „Swesda“, die für die Fertigung 
von Technik für arktische Erdöl- und Erdgasprojekte des Unternehmens geplant ist. Das langfristige Produktionsprogramm sieht den Bau von mehr als 150 Schiffen und anderer Meerestechnik vor.

Importsubstitution läuft an

Eines der interessantesten Ergebnisse der Importsubstitution war die Lokalisierung der Produktion durch ausländische Konzerne. So organisierte zum Beispiel das deutsche Unternehmen GEA, ein Hersteller von Kühl- und Gasbooster-Technik für die Förderung, den Transport und die Verarbeitung von Erdöl und Erdgas, in Russland eine eigene Montagelinie. Der Maschinenbauer eröffnete eine eigene Fertigung in Klimowsk bei Moskau. Dadurch kann GEA seinen Kunden inzwischen Ausrüstung anbieten, die bei der Kompressorkühlung in Russland einen Lokalisierungsgrad von über 40 Prozent und bei der Gasbooster-Technik sogar von 75 Prozent erreicht. Die Kompressoren selbst kommen aus Deutschland, aber alle sonstigen Bauteile stammen aus russischer Produktion. Gegenwärtig plant GEA, seine Produktions- und Servicekapazitäten in Surgut und Tjumen, den wichtigsten Erdölfeldern der Region, zu stärken.

Was die russischen Unternehmen betrifft, so waren die Vorreiter auf dem Gebiet der Importsubstitution just jene Branchen, in denen in Russland auch vor den Sanktionen alles gut lief, die Röhrenproduzenten zum Beispiel. Die Unternehmen haben aufgrund der Importkürzungen nicht nur einen größeren Anteil am Binnenmarkt erworben, sondern steigern ihren Absatz auch erfolgreich auf dem Weltmarkt. Russische Röhrenproduzenten behaupten, dass die einheimischen technischen und technologischen Entwicklungen nicht schlechter seien als vergleichbare westliche Angebote und diese bei einigen Parametern sogar überträfen. Russische Großröhren 
werden inzwischen weltweit in 80 Länder exportiert.

Viele Experten begegnen der Idee der Importsubstitution dennoch mit Skepsis. Michail Spasjonnych bezeichnet sie schlicht als „Neuerfindung des Fahrrads“. Eine effektivere Politik in dieser Branche wäre seiner Meinung nach, neue technologische und technische Lösungen zu unterstützen, die „besser sind als im Westen“ und deren Einsatz es russischen Unternehmen ermöglicht, auch für den Export zu arbeiten. Denn sie seien in Sachen Kosten wettbewerbsfähiger als die Konkurrenz.

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