Luxemburg und Belgien: Technologie gegen Rohstoffe

Fabrik des Gemeinschaftsunternehmens Severstal und der Rütgers Group

Fabrik des Gemeinschaftsunternehmens Severstal und der Rütgers Group

TASS
Trotz Sanktionen werden Unternehmen aus Belgien und Luxemburg in Russland wieder aktiver: Die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) bietet neue Wachstumsmöglichkeiten.

Zahlen

350 Unternehmen aus Belgien und Luxemburg sind in Russland präsent.45 Mio. Euro beträgt der Warenstrom zwischen Russland und Luxemburg.
Firmen aus Belgien und Luxemburg sind auf den Emerging Markets der EAWU seit Langem präsent. Luxemburgische Großkonzerne zeigten schon vor der Gründung der Wirtschaftsunion in Russland und Kasachstan Präsenz – Europas größter Satellitenbauer SES und der Stahlgigant ArcelorMittal beispielsweise. Und für Antwerpen, die belgische Welthauptstadt der Diamanten, zählt Armenien zu den wichtigsten Lieferanten. Edelsteinlieferungen machen 60 Prozent des Handelsumsatzes zwischen den beiden Ländern aus.

Ein so großer Markt mit einheitlichen Rechtsnormen und Wirtschaftsstandards wie die EAWU eröffne neue Wachstumsmöglichkeiten. Diese ­Position vertraten einhellig die Teilnehmer des Internationalen Wirtschaftsforums „Belgien, Luxemburg – Eurasische Wirtschaftsunion“, das im November letztes Jahres zum zweiten Mal in Moskau stattgefunden hat.

Die Aktivität belgischer und luxemburgischer Unternehmen in Russland habe 2016 deutlich zugenommen, konstatiert Oleg Prosorow, Hauptgeschäftsführer der Belgisch-Luxemburgischen Handelskammer in Russland. „Das liegt einerseits daran, dass viele Unternehmen es inzwischen leid sind, auf die Aufhebung der Sank­t­ionen zu warten. Vor allem aber sind Firmen aus Belgien und Luxemburg fest entschlossen, den Markt der Wirtschaftsunion zu erschließen“, sagte Prosorow RBTH.

Was macht die EAWU so interessant?

Gerade die einheitlichen rechtlichen Standards machen die Eurasische Wirtschaftsunion für die Unternehmen attraktiv, ist Prosorow überzeugt. „Je transparenter und harmonischer die gesetzlichen Standards der EAWU sind, desto interessanter wird für die Unternehmen der Markteintritt“, so der Experte.

Der Handelsumsatz zwischen Belgien, Luxemburg und den Ländern der EAWU ohne Russland sei in 2015 und dem ersten Halbjahr 2016 um rund ­25 Prozent gewachsen, sagte Wladimir Padalko, Vizepräsident der Russischen Handelskammer, auf dem Wirtschaftsforum in Moskau. Die Handelsstruktur ist relativ einfach: Belgien und Luxemburg exportieren Spitzentechnologie und importieren Rohstoffe. Belgische Firmen investierten jedoch zunehmend in Technologien und seien an Unternehmensansiedlungen in Russland und anderen EAWU-Ländern interessiert, sagte Robin ­Machiels, Attaché für Zollfragen an der Botschaft des Königreichs Belgien in Moskau.

Russland mache über 60 Prozent des Handelsvolumens zwischen der EAWU und den beiden EU-Ländern aus. Allein im zweiten Quartal letztes Jahres hat der Warenstrom zwischen Russland und Luxemburg im Vorjahresvergleich laut russischem Statistikamt um 20 Prozent (45 Millionen Euro) zugenommen. Der Großteil davon geht auf die Konten luxemburgischer Unternehmen. Sie exportierten Waren und Dienstleistungen im Gesamtwert von rund 37 Millionen Euro – ein Zuwachs von 45 Prozent. Der Handelsumsatz zwischen Russland und Belgien betrug im selben Zeitraum zwei Milliarden Euro und verzeichnete einen Rückgang um 11,6 Prozent.

Dennoch gebe es seit 2016 mehr westliche Investoren in Russland, betonte Maxim Pasdnikow, Entwicklungsdirektor des Verbands russischer Industrieparks. Dabei ist eine Veränderung in der Investitionsstruktur festzustellen: „Vor der Krise litten wir an Gigantomanie. Wir bauten riesige Flächen für Milliardenprojekte. Heute siedeln sich in unseren Industrieparks vor allem kleine und mittelständische Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen an“, erklärte Pasdnikow. Die KMU suchten Möglichkeiten für strategische Partnerschaften, weil sie die lokale Produktion und den Vertrieb alleine nicht stemmen könnten, so der Experte. Inzwischen sind in Russland rund 350 Unternehmen aus Belgien und Luxemburg ständig präsent, die von der Belgisch-Luxemburgischen Handelskammer in Russland identifiziert sind. „Nimmt man aber die unternehmerischen Verflechtungen hinzu, geht die Anzahl in die Tausende“, betont Oleg Prosorow, Vorsitzender der Handelskammer.

Wer wächst?

Firmen, die erst jetzt in den russischen Markt eintreten, haben es am schwersten. Unternehmen, die bereits vor der Krise in Russland aktiv waren, geht es hingegen nicht schlecht. Die luxemburgische Accumalux Group etwa hat 2016 mit der Modernisierung und dem Ausbau ihrer Produktion begonnen. Heute stellt die Unternehmensgruppe in der Wolgastadt Tog­liatti, 1000 Kilometer östlich von Moskau, an die fünf Millionen Autobatteriekomponenten jährlich her.

Der belgische Backwarenhersteller Puratos hat 16 Millionen Euro in eine Fabrik nahe Moskau investiert. Seit August werden dort Zutaten für die Backwarenherstellung produziert – überwiegend für den russischen Markt, aber auch für andere EAWU-Mitgliedsländer, sagte Nikolaj Makowlew, Leiter der russischen Puratos-Niederlassung. Zudem sei bereits eine Ausweitung des Produktionsportfolios auf Sauerteig und Premiumschokolade geplant, so der Unternehmenschef.

Im Juli 2016 hat der belgische Hygieneartikelhersteller Drylock seine Produktion in Russland lokalisiert. Dafür investierte das Unternehmen 30 Millionen Euro in eine neue Fabrik in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in ­Tatarstan. Produziert wird größtenteils für den russischen Markt, eine Ausweitung auf die GUS-Länder ist jedoch geplant. Ein weiteres Unternehmen aus Belgien – Aluthermo – will ebenfalls seine Produktion auf Russland ausweiten: Momentan entstehe bei Sankt Petersburg eine Fabrik für Dämmstoffe, hieß es auf Anfrage von RBTH.

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