Güterverkehr: Die Transsib im Dienste Chinas

China baut den Schienenverkehr nach Europa aus.

China baut den Schienenverkehr nach Europa aus.

ZUMA Press/Global Look Press
Der günstige Rubel und das Bestreben Chinas, seine transkontinentalen Handelswege nach Europa auszubauen, haben dem Güterverkehr über Russland ordentlich Aufschwung verliehen. Eröffnet sich damit ein neues, profitables Geschäftsfeld für die Transsibirische Eisenbahn?

China treibt den Ausbau seines Schienenverkehrs nach Europa voran. Zu Beginn dieses Jahres wurde zwischen der ostchinesischen Stadt Yiwu und London eine Direktverbindung für Güterzüge in Betrieb genommen, wie die Zeitung „China Daily“ berichtete. Zum größten Teil verläuft die neue Strecke über die russische Transsibirische Eisenbahn sowie über Kasachstan, Belarus, Polen, Deutschland, Belgien, Frankreich und den Eurotunnel im Ärmelkanal. Über die 12 000 Kilometer lange Strecke sollen im Wochentakt Kleidung, Kurzwaren und andere Konsumgüter in die britische Hauptstadt befördert werden. 18 Tage benötigen die Güterzüge dafür.   

Nicht zum ersten Mal wird die Transsibirische Eisenbahn für den internationalen Güterverkehr benutzt. Es existieren bereits andere Strecken, die chinesische Industriestädte und Knotenpunkte wie Harbin, Wuhan oder Ürümqi mit Stationen in Spanien, Deutschland, Tschechien, Polen, Belarus und Russland verbinden. Sie alle sind Teil der Initiative Neue Seidenstraße, die 2013 von dem chinesischen Staatschef Xi Jinping ins Leben gerufen wurde. Das Milliardenprojekt soll China mit Zentralasien und Europa verbinden.

Gewinn für die russische Wirtschaft

Mehr als drei Prozent aller Handelsgüter von China nach Europa werden derzeit über Russland und Kasachstan geliefert, wie Alexej Besborodow, Geschäftsführer der Forschungsagentur Infranews, in einem Gespräch mit RBTH bemerkt. Und das Handelsvolumen wachse weiter, fügt er hinzu. Laut Angaben der Russischen Eisenbahnen ist der Güterstrom über Russland im Jahr 2016 auf 36 Prozent, das heißt auf 205 000 Standardcontainer (Twenty-foot Equivalent Unit), gestiegen. Die Rubelabwertung hätte eine steigende Nachfrage zur Folge, erklärt Besborodow.

„Der Schienenverkehr ist dem Seetransport in einem Aspekt überlegen – die Lieferzeit, die in diesem Fall mindestens halb so lang ist, während die Lieferung über See 30 bis 45 Tage dauern kann“, kommentiert Alexej Kalatschew, Analyst der Investmentgesellschaft Finam. Es gebe jedoch zwei große Nachteile: Lieferumfang und Kosten. Ein Zug könne maximal 200 Standardcontainer liefern, mit dem Seetransport wären 20 000 Container möglich, sagt Kalatschew. „Und die Lieferung eines Containers von Yiwu nach London kostet mit dem Zug etwa 1 400 bis 1 600 Euro – doppelt so viel wie über See“, ergänzt er.   

Aus diesem Grund werden Waren aus China derzeit in der Regel über den Seeweg nach Europa befördert. „Wenn die Transsibirische Eisenbahn es schafft, zumindest einen Teil der Lieferungen zu übernehmen, wird die russische Wirtschaft davon profitieren“, glaubt Michail Blinkin, Leiter des Instituts für Transportwirtschaft und Verkehrspolitik an der Higher School of Economics in Moskau. Ein Transit über die gesamte Strecke der Transsibirischen Eisenbahn, also von China nach Russland über die Region Primorje bis nach Brest, koste etwa 2 000 Euro.   

An Russland vorbei

Obwohl der Seetransport mehr Vorteile bietet, bleibt die chinesische Regierung dabei, den Schienenverkehr nach Europa auszubauen. „China will den Gütertransport im Außenhandel diversifizieren, weswegen die Nutzung des Schienenverkehrs auf dem ganzen Kontinent künstlich gefördert wird“, sagt Iwan Suenko vom Zentrum für Asien-Pazifik-Forschungen an der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Durch die Diversifizierung der Liefermöglichkeiten erhofft sich China eine geringere Abhängigkeit von einzelnen Ländern“, erklärt Alexej Kalatschew. 

So testet die chinesische Regierung Möglichkeiten, wie beispielsweise Russland umgangen werden kann. 2015 weihte sie die Eisenbahnstrecke „Seidenwind“ ein, die durch Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei verläuft. Einem Bericht der Nachrichtenagentur RBK zufolge sollen bis 2020 über diese Verbindung bis zu 400 000 Container in die Türkei und nach Europa geliefert werden.

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