Russisches Erdgas fließt ab 2019 direkt nach Europa

Zwei große Pipeline-Projekte sollen bis 2019 fertiggestellt sein.

Zwei große Pipeline-Projekte sollen bis 2019 fertiggestellt sein.

Reuters
Gazprom will 2019 mit den Pipelines Nord Stream 2 und Turkish Stream seine derzeit wichtigsten Projekte fertigstellen. Dann werden die Ukraine, Polen und Bulgarien – heute unverzichtbare Transitländer für russisches Gas nach Westeuropa – wohl in die Röhre schauen.

Gazprom habe damit begonnen, den Unterwasserabschnitt des Turkish Stream zu verlegen, hieß es am 7. Mai in einer Mitteilung des Unternehmens. Die Gasleitung, die durch das Schwarze Meer in die Türkei führt, entsteht als Alternative zum gescheiterten South Stream. Bis 2019 soll die Verbindung fertig sein – ebenso wie die Ostseepipeline Nord Stream 2.

Die Profiteure

Die neuen Pipelines sollen Westeuropa störungsfrei und zu einem deutlich niedrigeren Preis mit Erdgas versorgen. Wie günstig Gaslieferungen durch die Ostsee sein können, zeigt das Beispiel der bereits aktiven Pipeline Nord Stream 1: Für die Abnehmerländer ist der Gastransport durch diese Leitung deutlich günstiger als der Transit durch die Ukraine, wie der russische Energieminister Alexander Nowak im Dezember letzten Jahres erklärte.

Die Gefahr, dass Nord Stream 2 und Turkish Stream nicht fertiggestellt werden, sei sehr gering, betonen Experten. Fünf westeuropäische Energieunternehmen stellen insgesamt fünf Milliarden Euro für den Bau der zweiten Ostseeleitung bereit. Ein entsprechendes Abkommen haben das französische Unternehmen Engie, die österreichische OMV, das britisch-niederländische Konglomerat Royal Dutch Shell und die deutschen Energiekonzerne Uniper und Wintershall mit der Gazprom-Tochter Nord Stream 2 AG vor drei Wochen unterzeichnet.

„Dieses Finanzierungsschema hebt das Problem einer möglichen Blockade durch das polnische Kartellamt völlig auf. Jetzt kann gebaut werden, die Deutschen sind daran sehr interessiert“, sagt Oleg Bogdanow, Chef-Analyst des Vermögensverwalters Teletrade Group.

Turkish Stream und die damit verbundenen Risiken orientieren sich derweil gänzlich am Zustand der türkisch-russischen Beziehungen. Bogdanow aber glaubt: „Seit dem letzten Treffen der Präsidenten Putin und Erdoğan sind alle Probleme ausgeräumt, also gibt es für den Bau der Pipeline keine Hindernisse mehr.“ Ankara sei an dem Projekt schließlich auch selbst sehr interessiert.

Die Schwarzmeerpipeline stelle für die Türkei „den ersten Schritt einer globalen Strategie“ dar, denn das Land wolle einen Energiehub aufbauen, von dem aus die Länder Südeuropas mit Erdgas versorgt würden, erklärt Artjom Dejew. Er ist Branchenanalyst bei AMarkets, einer russischen Investmentfirma.

Für Gazprom sind die beiden Pipelines indes eine Möglichkeit, zusätzliche Marktanteile in Westeuropa zu gewinnen. Schon heute liefert der russische Konzern 33,5 Prozent der gesamten europäischen Gasimporte. Diesen Rekordwert werde Gazprom übertreffen und „den Marktanteil in Westeuropa in 2019 um einige Prozentpunkte steigern können“, ist Dejew überzeugt.

Gehen die Transitländer leer aus?

Eine Hauptaufgabe der beiden neuen Pipelines ist es, die bislang anfallenden Transitgebühren beim Transport durch die Ukraine, Polen und Bulgarien zu reduzieren. Allein durch die Ukraine fließen heute 66 Prozent des Erdgases, das aus Russland nach Europa kommt.

Der erste Strang des Turkish Stream solle die Balkan-Pipeline ersetzen, sagt Igor Juschkow von der Russischen Stiftung für nationale Energiesicherheit. Die Balkan-Pipeline verläuft über die Ukraine, Moldawien, Rumänien und Bulgarien und führt in die Türkei. Der erste Teil des Turkish Stream entstehe daher ausschließlich für die Nachfrage in der Türkei, sagt der Experte. „Er soll eine Jahreskapazität von 15,75 Milliarden Kubikmetern haben, die Balkan-Pipeline transportiert jährlich elf Milliarden Kubikmeter“, erklärt Juschkow.

Werden sich Gazprom und die Länder Westeuropas 2019 also aus der Abhängigkeit von Transitländern befreien können? Dies werde kaum der Fall sein, sagt die Branchenkennerin Anna Wowk, denn: „Durch die Ukraine flossen im letzten Jahr 82,2 Milliarden Kubikmeter Gas. Nord Stream 2 und Turkish Stream schaffen selbst bei voller Auslastung maximal 70 Milliarden Kubikmeter.“ Die Ukraine werde also in jedem Fall weiter bis zu 15 Milliarden Kubikmeter übernehmen müssen.

Juschkow rechnet indes vor, dass die Leistung des Nord Stream und des Turkish Stream reichen könnte, um auf den Transit durch die Ukraine zu verzichten. Doch dafür müsse Gazprom alle heutigen und künftigen Kapazitäten bis zum Anschlag auslasten, sagt der Energieexperte. „Das Unternehmen rechnet mit einem weiteren Rückgang der Gasförderung in Nordeuropa.“ Eine abnehmende Produktion sei heute in den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien und Norwegen zu beobachten. Also gehe der russische Konzern davon aus, „die Liefermengen steigern und den Nord Stream 1 auslasten zu können“, sagt Juschkow. Die restlichen zehn bis 15 Milliarden Kubikmeter, die derzeit durch die Ukraine gingen, würden dann durch den zweiten Strang des Turkish Stream über die Türkei und Griechenland nach Italien oder auf der Route des gescheiterten South Stream über Bulgarien nach Westeuropa fließen. 

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