Erzwungener Einfallsreichtum: Drei Erfindungen aus Stalins Forschergefängnissen

In den 30er und 40er Jahren ließ Stalin im Zuge seiner „Säuberungen“ auch zahlreiche Wissenschaftler verhaften. Um deren innovatives Potential nicht zu verlieren, wurden sie in speziellen Gefängnissen, sogenannten „Scharaschkas“ gesammelt, die sich später oft zu angesehenen Instituten wandelten.

Das “Ding”

Ein Nachbau des

Als der US-Botschafter W. Averell Harrimann 1945 diese geschnitzte Holzplakette von den Jungen Pionieren, der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, geschenkt bekam, hing er sie sofort in seiner Residenz an die Wand. Sieben Jahre hing sie dort, als besonderes Geschenk sowjetischer Kinder auf dem Höhepunkt der amerikanisch-sowjetischen Kooperation im Zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland.

Erst 1952 stellte sich durch einen Zufall heraus, was wirklich hinter, beziehungsweise in dem Geschenk steckte: Die Plakette enthielt erstmals “das Ding“, eines der weltweit ersten Abhörgeräte. Es beruhte auf einem für die damalige Zeit revolutionären Prinzip: Da es keinerlei Stromversorgung oder aktive elektronische Komponenten besaß, wurde es immer nur dann aktiv, wenn es Radiosignale einer bestimmten Wellenlänge empfing.

“Das Ding” machte den Amerikanern eine Heidenangst, da sie selbst bis dato noch keine solche Technologie in ihren Spionage-Koffern besaßen. Die Konstruktion stammte von dem sowjetischen Erfinder Lew Termen (in den USA bekannt als Leon Theremin), der sich außerdem mit der Erfindung des ersten elektronischen Musikinstruments einen Namen machte: dem Theremin oder auch Termenvox.

Termen lebte in den 1930ern in den USA, wo er eben jenes Instrument bewarb und Alarmsysteme gegen Einbrecher entwickelte. 1938 wurde er in die Sowjetunion zurückbeordert, wo er jedoch schon ein Jahr später mit abstrusen Beschuldigungen, den Mord 1934 (als Termen noch in den USA lebte!) an Sergej Kirow vorbereitet zu haben, konfrontiert und verhaftet wurde. Die Anklage ging davon aus, dass Termen zu einer konspirativen Gruppe gehört habe, die eine per Radiowellen zu kontrollierende Bombe in einem Observatorium in Leningrad (heute Sankt Petersburg) hochgehen ließ. Termen soll die Bombe dann gezündet haben, als Kirow gerade die Einrichtung besuchte. Tatsächlich allerdings wurde Kirow in seinem Büro vom Ehemann einer Mitarbeiterin erschossen. Aber diese Geschichte passte nicht in das sowjetische Verschwörungsnarrativ.

Nach seiner Verhaftung arbeitete Termen dann in einem solchen Scharaschka-Gefängnis für Wissenschaftler, wo er mit der Entwicklung von Spionagetechnologie beauftragt wurde. Und heraus kam dabei das berühmte „Ding“. Nachdem er 1947 aus dem Gefängnis entlassen worden war, erhielt er für diese Arbeit noch den Staatlichen Stalin-Preis.

Kampf-“Fledermaus”

Tu-2 im ZKB-29, 1940

Termen verbrachte auch einige Zeit in dem berühmten Konstruktionszentrum ZKB-29, welches dem Innenministerium unterstellt war. Unter den weiteren Forscher-Häftlingen, die dort arbeiteten, war auch ein gewisser Andrej Tupolew, von Beruf Flugzeugentwickler. Die Hauptaufgabe des ZKB-29 bestand in der Entwicklung neuer Militärflugzeuge – und am Ende trug das „Scharaschka“-Zentrum Tupolews Namen. Warum?

1937 war Tupolew wegen angeblicher Sabotage und Spionage inhaftiert. Während der Verhöre, so sagte es der Gefangene später selbst gegenüber einem Freund, sei er nicht geschlagen worden, man habe ihm nur den Schlaf entzogen, bis er „gestand“, dass er über zehn Jahre lang für Frankreich in der Sowjetunion spioniert habe. 1940 wurde er zu 15 Jahren Haftlager verurteilt, wurde jedoch schon ein Jahr später wieder entlassen, als mit dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion der Große Vaterländische Krieg begann.

Während der Haftjahre war er es, der den berühmten Tupolew Tu-2-Bomber (Nato-Code “Fledermaus”) entwickelte, der dann „als ein in jeder Hinsicht exzellenter und einer der wichtigsten Kampfflieger des Zweiten Weltkrieges“ wurde. Dass die Tu-2 in Haft konstruiert wurde, machte seinen Erfolg nur noch bemerkenswerter.

Zehn Jahre lang wurde Tupolews Maschine produziert, bis 1952, insgesamt etwa 2500 Stück. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Tu-2 ihre „Karriere“ fort: im Korea-Krieg sowie in Benutzung der späteren Staaten des Warschauer Paktes.

Tupolew erhielt 1943 den Staatlichen Stalin-Preis für die Tu-2, später noch drei weitere mit seinen folgenden Arbeiten.

Pellagra-Heilmittel

Lew Silber bei der Arbeit im Gamalej-Institut für Epidemilogie und Mikrobiologie

Aber nicht nur Spionage- und Kriegswerkzeuge wurden in den Forschergefängnissen ausgenutzt, es gab auch Plätze für andere Wissenschaften. Und so musste auch der berühmte sowjetische Virologe Lew Silber vier Jahre in einer Scharaschka verbringen, nachdem er aufgrund von Denunziationsberichten eines Kollegen festgenommen worden war. Angeblich soll Silber geplant haben, das Moskauer Wassersystem zu vergiften. Dafür wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Zunächst wurde er zu Waldarbeiten eingesetzt, dann wurde er Lagerarzt. Während dieser Tätigkeit im Gefängniskrankenhaus entdeckte er die Pellagra, eine schwere Krankheit, die von starkem Vitamin-B3-Magel ausgelöst wird und sich durch Dermatitis und Demenz äußert. Ohne Behandlung führt sie oft schnell zum Tod des Patienten.

Da das Lager, in dem Silber inhaftiert war, im Norden lag, versuchte er, wie er später selbst erklärte, Rentierflechte zu Hefe zu verarbeiten, die den Erkrankten das so nötige Vitamin B3 liefern sollte. Auf dieser Grundlage entwickelte er später sein berühmtes Mittel „Antipellagrin“ und ließ sich jenes auch patentieren. Allerdings wurde das Mittel später nicht unter seinem Namen, sondern unter Schirmherrschaft des sowjetischen Innenministeriums verbreitet. Dann wurde Silber in ein geschlossenes Labor verlegt, wo er an seiner Theorie über die schnelle Verbreitung des Krebses arbeiten konnte.

1946, zwei Jahre nach seiner Entlassung, erhielt er dann wie Termen und Tupolew, den Staatlichen Stalinpreis – allerdings für sein Buch über die Gehirnentzündung Enzephalitis.

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung ausschließlich unter Angabe der Quelle und aktiven Hyperlinks auf das Ausgangsmaterial gestattet.

Weiterlesen