Kein Entkommen: Mit russischer Gesichtserkennungssoftware auf Verbrecherjagd

Wissen und Technik
VICTORIA ZAVYALOVA
In der sibirischen Kohlestadt Kemerowo konnte dank der Gesichtserkennungssoftware des russischen Startups NtechLab ein Dieb verhaftet werden. Zuvor war es bereits während der Fußball-WM 2018 gelungen, auf diese Weise 180 Kriminelle zu fassen.

Die Behörden in der russischen Stadt Kemerowo beschlossen, eine neue Software zur Gesichtserkennung einzusetzen und ließen fünf Kameras in lokalen Geschäften installieren. Was zunächst als Experiment ohne große Erwartungen geplant war, erwies sich schon nach vier Tagen als Volltreffer. Dank der Gesichtserkennungssoftware konnte ein Verdächtiger identifiziert werden. Der mutmaßliche Räuber wurde verhaftet.   

FindFace Security nennt das Moskauer Startup NtechLab seine Entwicklung und bietet mit ihr die derzeit einzige in Russland verfügbare Gesichtserkennungslösung an. Schon während der Fußballweltmeisterschaft in Russland 2018 wurde die Software erfolgreich getestet.

Insgesamt 500 Videoüberwachungskameras im Stadtgebiet und in den Stadien wurden mit FindFace ausgerüstet. Über 180 gesuchten Verbrechern wurde das zum Verhängnis. Sie konnten durch FindFace ausfindig gemacht und verhaftet werden. Neun Gesuchte wurden laut Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin in der Metro identifiziert.  

"Der Fall in Kemerowo zeigt, wie die Gesichtserkennung auch beim Einsatz in nur wenigen Kameras zufriedenstellende Ergebnisse liefern kann", sagt NtechLab-Geschäftsführer Michail Iwanow. Davon profitiere sein Unternehmen, aber vor allem auch die Gesellschaft.  „FindFace Security ist bei kleinen und komplexen Objekten gleichermaßen effizient“, so Iwanow. Die Bilder hunderttausender Kameras könnten gleichzeitig ausgewertet werden.

FindFace Security arbeite beim Abgleich von Gesichtern mit annähernd hundertprozentiger Trefferquote, heißt es bei NtechLab. Die Software erkennt präzise Gesichter von Fotos und Videoaufnahmen und gleicht diese in Echtzeit mit Datenbanken ab, in denen gesuchte Personen erfasst sind. Bei einer Übereinstimmung geht innerhalb von nur zwei Sekunden eine Meldung an die Behörden.

Die Frage, ob der Einsatz von Gesichtserkennungssoftware bei der Verbrechersuche wirklich zuverlässige Ergebnisse liefert, wird kontrovers diskutiert. Viele Systeme, auch solche, die von Technologiegiganten wie Amazon und Microsoft entwickelt wurden, sind wegen hoher Fehlerquoten umstritten. Besonders schwer fällt es den Systemen zum Beispiel noch, unterschiedliche Hautfarben zu erkennen.

Im Sommer 2018 führte die American Civil Liberties Union eine Reihe von Tests mit dem Erkennungs-System von Amazon (eng) durch.  Die Software glich dabei Fotos von Mitgliedern des US-Kongresses mit einer Datenbank mit den Bildern von 25 000  Personen ab, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Bei den Fotos von 28 Kongressmitgliedern gab es dabei zu Unrecht eine Übereinstimmung.

Bei NtechLab ist man jedoch überzeugt, dass der eigene Verifikationsalgorithmus besser ist, sogar der beste der Welt. Die Software hat bereits Preise gewonnen. 

Bei einem  von der Advanced Research Projects Activity (IARPA), einer Forschungseinrichtung der US-Geheimdienste, organisierten Wettbewerb  unter der Schirmherrschaft des US-amerikanischen ODNI (zu Deutsch: Direktor der nationalen Nachrichtendienste) belegte das Unternehmen den ersten Platz.