Internet-Aus: Russland berät über digitale Abschottung

Foto: Shutterstock/Legion-Media

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Russlands Sicherheitsrat wird am kommenden Mittwoch die Problematik der Internetsicherheit in Ausnahmesituationen diskutieren. Der Kreml versichert, das Hauptziel sei, Maßnahmen im Bereich der Cybersicherheit im Hinblick auf das unvorhersehbare Verhalten der westlichen Partner einzuleiten und sich vor eventuellen äußeren Einwirkungen zu schützen.

Am nächsten Mittwoch wird Russlands Sicherheitsrat das Thema Sicherheit im Internet diskutieren. Dabei sollen Szenarien wie etwa Kriege oder Proteste im Inland im Mittelpunkt der Diskussion stehen. Außerdem soll die Möglichkeit geprüft werden, ob der Staat als Domain-Administrator fungieren könnte. Zurzeit wird diese Funktion durch das Koordinationszentrum für nationale Domains im Internet wahrgenommen.

Man habe nicht vor, Russland vom Internet zu isolieren, sagte der Pressesekretär des russischen Präsidenten Dmitri Peskow laut der Agentur Interfax. Doch „die Aktionen unserer Partner in den USA und in Europa sind in letzter Zeit relativ schlecht vorhersehbar geworden und wir müssen vorbereitet sein“. Laut Peskow will sich Russland „vor äußeren Einwirkungen schützen“.

 

Kann das russische Internet abgeschaltet werden?

Anlass für die Sitzung ist das Ergebnis einer Studie, die das russische Ministerium für Telekommunikation und Massenmedien im Juli dieses Jahres in Auftrag gegeben hat. Ziel der Studie war es, die Zuverlässigkeit des Internets in Russland zu testen, um Schäden im Falle feindseliger Einwirkungen vorzubeugen. Im Ergebnis zeigte die Studie, dass das russische Internet angreifbar ist. Daher diskutieren die Abgeordneten nun über Maßnahmen, die das Risiko auf ein Minimum senken sollen. „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die nationale Sicherheit garantieren können“, wird Peskow weiter von Interfax zitiert. 

Die russische Regierung fürchtet offenbar, dass das Land von außen attackiert oder das Internet sogar von außen abgeschaltet werden könnte. Ganz unbegründet ist die zweite Befürchtung in der Tat nicht – im Jahr 2012 wurde das Internet von Syrien während einer Blockade von der Außenwelt abgeschnitten, mehr als 48 Stunden lang gab es keine Internetverbindung. Nach Angaben des Forschungskonzerns Renesys waren vier Blöcke von IP-Adressen gesperrt worden, daneben funktionierten 77 Kanäle, also 92 Prozent des routbaren Netzes, nicht mehr ordnungsgemäß. Wer für diese Attacke verantwortlich war, ist bis heute nicht geklärt. Die syrische Regierung beschuldigte allerdings „feindliche, westliche Kräfte“.

Russische IT-Experten vermuten, dass die Abschaltung des russischen Internets von außen durchaus möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich wäre. „Natürlich gibt es ein zentrales System zur Verteilung der IP-Adressen und für den Support der DNS-Server, und theoretisch könnte ihre Verwaltung die Dateien der Root-Zone verändern“, sagt Oleg Demidow, Direktor des Programms PIR-Center, gegenüber RBTH. „Dann wäre die Verbindung zwischen den IP-Adressen und den Namen der Domains unterbrochen.“ In diesem Fall wäre Russland für zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. In der Realität jedoch sei dieses Szenario unwahrscheinlich, denn die Organisationen, die das System steuern, unterstehen keiner Regierung. Sie seien unpolitisch und fielen unter keine Sanktionen. Wie Oleg Demidow weiter ausführt, sei das syrische Szenario für Russland auch deshalb so unwahrscheinlich, weil es in Syrien Anschläge auf Telekommunikationseinrichtungen gegeben habe. „Dies ist einfach wegen der historischen Entwicklung des Internets in Russland nicht möglich. Wir haben redundante Systeme.“

 

Bürgeraktivisten ziehen Parallelen zu China und Syrien

Eine andere Frage ist, ob Russland sich aus freien Stücken „abkoppeln“ könnte und ob die Russen darauf vorbereitet wären. „Die breite Masse geht

davon aus, dass das möglich ist“, sagt Wadim Tschelezkow, Direktor des russischen Forschungszentrums Internet der Dinge. „Das Beispiel China zeigt uns, dass es geht. Fortgeschrittene Anwender finden jedoch immer Mittel und Wege, solche Maßnahmen zu umgehen.“ Für Tscheklezow hätte es aber keinen Sinn, das russische Netz aus Sicherheitsgründen vom weltweiten Netz zu trennen. „Unsere Verteidigungsnetzwerke sind ohnehin nicht mit amerikanischen und europäischen Netzwerken verbunden“, erklärt er. 

Die Intention der Regierung sei wohl in erster Linie, Bürgeraktivismus im Land zu unterdrücken, wie viele Blogger und Marktteilnehmer befürchten. „Wenn man bedenkt, was während des Arabischen Frühlings passiert ist, können die wahren Ziele der Regierung die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter sein. Im Falle von großen Aufständen könnte man die Netzwerke mit einem Knopfdruck einfach abschalten“, so IT-Experte

Demidow. Für ein Abkoppeln sei allerdings ein kompletter Umbau der Internet-Infrastruktur in Russland notwendig. „Das ist schwierig und teuer“, sagt Demidow. Wenn dies in schlechter Qualität gemacht würde, würde die Verbindungsqualität darunter leiden. 

Der bekannte Blogger Anton Nosik glaubt nicht, dass technische Umbauten vonnöten wären. „Alle Datenleitungen sind Privateigentum der Betreiber, die vom Ministerium für Kommunikation und Massenmedien lizensiert sind. Eine Verletzung der Lizenzbestimmungen führt zu einem Entzug ihrer Lizenz“, bemerkt Nowik auf seinem Blog, „deshalb wird jeder russische Internet-Provider, wenn er vom Ministerium für Kommunikation und Massenmedien die Anordnung erhielte, bestimmte Kanäle abzuschalten, dieser Anordnung auch Folge leisten – einfach, um seine Lizenz nicht zu verlieren.“

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