Russische Energiewende: Solarstrom aus Sibirien

In schwer zugänglichen Gebieten ist Solarstrom eine günstige Alternative. Foto: Alexander Krjaschew/RIA Novosti

In schwer zugänglichen Gebieten ist Solarstrom eine günstige Alternative. Foto: Alexander Krjaschew/RIA Novosti

Russland nimmt die Energiewende in Angriff. Zumindest in den schwer zugänglichen Regionen setzen die Russen zukünftig auch auf Sonnenenergie. In der Republik Altai im Südwesten Sibiriens ging jetzt die größte Solaranlage des Landes ans Netz.

Solarenergie spielte in Russland bisher vor allem eine Rolle in der Weltraumforschung. Nun ist sie auch auf der Erde angekommen. Im September wurde in der Gemeinde Kosch-Agatsch im Altai die größte Solaranlage Russlands in Betrieb genommen. Es ist das erste Sonnenenergiekraftwerk im Land mit einer Leistung von fünf Megawatt. Bestehende Anlagen erreichten bisher höchstens zwei Megawatt. Das Kraftwerk ist das erste von fünf Projekten zum Bau von Solaranlagen in der Republik Altai. Ihre Gesamtleistung soll zukünftig 45 Megawatt betragen.

 

Schwer zugängliche Regionen profitieren

„Mit der Inbetriebnahme der Solaranlagen in der Gemeinde Kosch-Agatsch beginnt eine neue Etappe in der russischen Energiewirtschaft", erklärte Anton Usatschew, Direktor des Verbandes der Solarenergieunternehmen, gegenüber RBTH. Solarenergie war in Russland lange Zeit unpopulär. Hohe Erstellungskosten, niedrige Produktivität der Photovoltaikmodule, lange Rücklaufzeiten bei den Investitionen, fehlende rechtliche Rahmenbedingungen und ungünstige klimatische Verhältnisse – das waren die Argumente gegen den Sonnenstrom, die Investoren und Banken in der Vergangenheit abgeschreckt haben. Noch vor sieben Jahren galt Solarenergie in Russland vor allem als eines: teuer. Das sieht inzwischen anders aus.

Der russische Präsident Wladimir Putin hob in seiner Rede zur Eröffnung des Solarkraftwerks in Kosch-Agatsch die Bedeutung erneuerbarer Energien insbesondere in schwer zugänglichen Gegenden der Russischen Föderation hervor. Dabei betonte er zwar, dass die „fossilen Brennstoffe auch in Zukunft noch die gleiche Bedeutung wie heute" haben würden und dass die Entwicklung der Atomenergiewirtschaft weiter „einen hohen Stellenwert" einnehme. Doch „für schwer zugängliche Regionen ist die Nutzung alternativer Energieformen, vor allem der erneuerbaren Energiequellen, eine außerordentlich wichtige Entwicklungsrichtung der Energiewirtschaft", betonte der Präsident. Die Anlage in Kosch-Agatsch sei „ein sehr gutes Beispiel dafür, was wir tun müssen und wie wir es tun müssen", erklärte Putin.

Solarenergie ist vor allem in den Teilen Russlands eine Option, in denen die Sonneneinstrahlung relativ hoch ist. Dort könnte der Solarstrom die kostspielige Stromerzeugung durch Dieselgeneratoren ersetzen. In Frage kommen dabei vor allem Südrussland, die südlichen Regionen Sibiriens und Russlands Ferner Osten.

 

Vorbild deutsche Solarwirtschaft

„Ungeachtet der klimatischen Bedingungen verfügt Russland über alle Voraussetzungen für den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Solarenergiewirtschaft", teilt die Pressestelle des Unternehmens Rosnano mit. Die Sonneneinstrahlung im südrussischen Astrachan erreiche ein Niveau von 1,38 Megawatt pro Quadratmeter, im Altai sogar 2,2 Megawatt pro Quadratmeter. In Deutschland zum Beispiel entspreche die Sonneneinstrahlung im Schnitt nur 0,9 bis 1,2 Megawatt pro Quadratmeter. Das sei in Deutschland kein Hinderungsgrund gewesen, den Ausbau der Solarenergie voranzutreiben, heißt es bei Rosnano.

Alexander Churudschi, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der regionalen Netzbetreiber, sieht aus physikalischer Sicht ebenfalls ausreichend Potenzial für die Zukunft der Solarenergie, vor allem im Süden Russlands und dort auf der Halbinsel Krim. Ökonomisch rentabel seien

Solarenergieprojekte jedoch nach wie vor nur in abgelegenen Gegenden, die nicht mit einer ausreichenden Energieinfrastruktur ausgestattet sind, gibt er zu bedenken. Die technische Anbindung von Privathaushalten wird mit 550 Rubel (rund elf Euro) pro 15 Kilowatt subventioniert. „Für Großverbraucher wird die Solarenergie aufgrund ihrer technologischen Besonderheiten auch in nächster Zukunft keine größere Bedeutung haben", schätzt Churudschi.

Die Gemeinde Kosch-Agatsch in der Republik Altai wurde für den Bau von Solaranlagen ausgewählt, weil sie eine der sonnenreichsten Gegenden in Russland ist. Hier gibt es mehr als 300 Sonnentage pro Jahr. Das Kraftwerk ist das erste in der Region zur selbstständigen Energieerzeugung. Die Republik Altai will mithilfe der Solaranlagen ihr Energiedefizit verringern und ökologisch reine Elektroenergie erzeugen. Das neue Kraftwerk kann über 1 000 Haushalte versorgen. Bis zum Jahr 2015 soll in Kosch-Agatsch ein zweites Solarkraftwerk mit einer vergleichbaren Leistung an den Start gehen und an das öffentliche Stromnetz angeschlossen werden.

Die Solar-Branche profitiert von einer Reihe staatlicher Unterstützungsmaßnahmen. Bis zum Jahr 2020 werden für den Bau von Solaranlagen in Russland schätzungsweise insgesamt etwa 150 Milliarden Rubel (drei Milliarden Euro) bereitgestellt. Dennoch könnte der Ausbau erneuerbarer Energien in Russland durch den Mangel an langfristigen und günstigen Krediten in Zukunft ausgebremst werden.

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