Cyberkriminalität: Russen fürchten Angriffe auf Privatsphäre

Die Russen fürchten Angriffe auf ihre Privatsphäre im Internet. Foto: Alamy/Legion Media

Die Russen fürchten Angriffe auf ihre Privatsphäre im Internet. Foto: Alamy/Legion Media

Aktuelle Umfragen zeigen, dass russische Internetnutzer sich der Gefahren des Internets durchaus bewusst sind: Sie fürchten Spionage und den Missbrauch ihrer Daten. Die Sorge ist nicht unbegründet, denn die Kriminalität im Netz steigt.

52 Prozent der Russen trauen ihrem Computer nicht. Das hat eine Umfrage des russischen Unternehmens Kaspersky Lab, das auf Antivirus- und Antispionagesoftware spezialisiert ist, ergeben. Die Ergebnisse können auf kaspersky.ru nachgelesen werden. Die Umfrage, an der weltweit 11 000 Personen teilnahmen, wurde in Zusammenarbeit mit der internationalen Marktforschungsagentur B2B International durchgeführt. Demnach ist die Befürchtung groß, dass beispielsweise die eigene Webcam zum Spion wird. Immerhin über ein Viertel der Russen deckt daher die Webcam ab. Jeder Dritte misstraut auch der Kamera des Smartphones und klebt sie vorsorglich ab.

Das mag übertrieben erscheinen, doch unbegründet sind die Ängste der russischen Internetnutzer nicht. Denn Spionage mittels Webcam ist weit verbreitet. Im Internet gibt es dazu viele detaillierte Anleitungen. Wer zum Beispiel bei yandex.ru die Wörter „Spionage über Webcam" eingibt, wird schnell fündig und kann sich über entsprechende Links auch gleich die dafür nötige Software herunterladen. Webcams sind eine Schwachstelle, ebenso wie das Mikrofon, heißt es auch aus dem Hause Kaspersky. Beides ermögliche einen leichten und vom Nutzer unbemerkten Zugriff durch Dritte, die dann heimlich Aufnahmen oder Tonmitschnitte machen könnten. Doch das Abdecken von Webcam und Mikrofon genüge nicht, erklärt Sergej Loschkin, Experte für Computerviren. Er empfiehlt die Verwendung spezieller Software, um sich effizient gegen Spionageangriffe aus dem Netz zu schützen.

 

Spion aus den eigenen Reihen?

Weit verbreitet ist in Russland auch die Auffassung, dass die Regierung und Geheimdienste private Daten kontrollierten, und zwar nicht nur die, die ohnehin in sozialen Netzwerken preisgegeben würden. Das hat das unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum herausgefunden. 35 Prozent der Russen glauben demnach, dass man sie im Internet überwacht. Allerdings spielte bei der Beantwortung der Frage manchmal auch Ironie mit. Die Umfrage ergab auch, dass fast genauso viele Russen, nämlich 34 Prozent, sich bei der Internetnutzung sicher fühlen.

Der Psychologe und Psychotherapeut Pawel Ponomarew sieht einen Zusammenhang zwischen der Verunsicherung russischer Internetnutzer mit politischen Ereignissen. „Seit 2013 spielen in den russischen Medien Spionageskandale, die Überwachung US-amerikanischer sowie ausländischer Bürger bis hin zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel durch Geheimdienste der USA eine große Rolle", erklärt er. Die Internetnutzer gingen davon aus, dass auch die russischen Geheimdienste so handeln könnten. Der Trend gehe daher wieder zu mehr Anonymität im Netz – viele löschten bereits wieder ihre Profile in sozialen Netzwerken, wenngleich das noch keine Massenerscheinung sei, sagt Ponomarew.

Juri Namestnikow von Kaspersky Lab weist darauf hin, dass häufig sehr sorglos mit persönlichen Informationen im Netz umgegangen werde: „Bei einer unserer Umfragen gaben etwa 20 Prozent der Befragten an, sozialen Medien mehr persönliche Informationen zur Verfügung gestellt zu haben als

eigentlich notwendig." Das mache angreifbar, auch ohne Geheimdienstaktivitäten. Namestnikow erklärt, warum das Internet ein gefährlicher Ort ist: „Der User gibt im Internet nicht nur persönliche, sondern auch sensible Informationen preis, etwa beim Online-Banking. Gerade in diesem Bereich ist aber ein Anstieg von Verbrechen zu beobachten." Bei Kaspersky Lab sei in der ersten Jahreshälfte 2014 gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Anstieg von Angriffen bei Online-Finanzgeschäften um zwölf Prozent registriert worden, berichtet er. Darüber hinaus seien gegenwärtig besonders gefährliche Viren im Umlauf, die Dateien von Internetnutzern verschlüsseln. Um wieder Zugriff auf die Daten zu erhalten, müsse dann erst ein Lösegeld gezahlt werden, warnt Namestnikow.

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