Gesundheit in Russland: Diabetes auf dem Vormarsch

Diabetes wird in Russland zum Volksleiden Nr. 1. Foto: Photoshot/Vostock Photo

Diabetes wird in Russland zum Volksleiden Nr. 1. Foto: Photoshot/Vostock Photo

Schon heute leiden mehr als drei Millionen Russen an Diabetes. Übergewicht, schlechte Essgewohnheiten und mangelnde Bewegung begünstigen die Entstehung der „Zuckerkrankheit“. Zudem erschwert finanzieller Druck die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden. Nun sollen Ferkel den medizinischen Durchbruch bewirken.

Nach offiziellen Angaben leiden mehr als drei Millionen Russen unter Diabetes mellitus. Nach Meinung von Fachleuten des Endokrinologischen Forschungszentrums sind die tatsächlichen Zahlen jedoch viel höher. Sie gehen zudem davon aus, dass die Zahl der Diabetiker bis zum Jahr 2025 in Russland auf das Doppelte ansteigen wird. Vor allem unter Kinder- und Jugendlichen rechnen sie mit einer deutlich höheren Zahl von Neuerkrankungen. Zurzeit sind etwa 30 000 Kinder- und Jugendliche bereits von der chronischen Krankheit betroffen.

Etwa 300 000 Russen leiden an Diabetes Typ-I, der angeboren ist. Sorgen macht den Medizinern vor allem die große Zahl der Typ-II Diabetiker. Dessen Entstehung werde durch Faktoren wie Übergewicht und mangelnde Bewegung begünstigt, sagt Jekaterina Kriwzowa, Endokrinologin und Vizepräsidentin der Interdisziplinären Forschungsgesellschaft für vorbeugende Adipositas-Behandlung. Falsche Ernährung mit zu viel Fett und Kohlehydraten begünstigten Übergewicht. Leider würden genau diese Lebensmittel in Russland besonders aggressiv beworben, beklagt Kriwzowa. Außerdem seien sie preiswerter als frisches Obst und Gemüse. Kriwzowa bringt es auf den Punkt: „Die Leute essen eigentlich lauter Müll!"

Für die Vorbeugung und Behandlung von Diabetes werden in Russland pro Jahr etwa 7,5 Milliarden Euro ausgegeben. Noch aus den Zeiten der Sowjetunion existiert ein einmaliges System spezialisierter Sanatorien und Kurheime. Dorthin werden pro Jahr zehntausende Russen überwiesen, sagt Marina Schestakowa, stellvertretende Direktorin am Endokrinologischen Forschungszentrum: „Doch sobald die Patienten wieder zu Hause sind, fallen sie in die alten ungesunden Verhaltensweisen zurück".

 

Der Patient muss es selbst auch wollen

Jekatrina Kriwzowa setzt bei der Behandlung des Diabetes auf einen ganzheitlichen Ansatz aus Ernährungsumstellung, Bewegung und wenn nötig auch medikamentöser Behandlung. Leider würden viele Patienten dabei nicht mitziehen und ihre Lebensgewohnheiten nicht dauerhaft ändern wollen, auch wenn dies lebensbedrohliche Folgen haben kann, bedauert Kriwzowa.

Der Sportarzt Boris Scherlygin entwickelte zusammen mit Medizinern der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos vor einigen Jahren ein spezielles Bewegungsprogramm zur Behandlung von Diabetikern. Dieses habe in Kombination mit entsprechenden Medikamenten zu schnellen Behandlungserfolgen geführt, berichtet Dr. med. Iwan Neumywakin. Ehemals Chefarzt bei Roskosmos: Scherlygins und ich haben dieses Programm gemeinsam entwickelt und die Ergebnisse unserer Methode konnten sich sehen lassen. Vielen Patienten konnten wir damit helfen", sagt er. Doch in der Schulmedizin konnte sich Neumywakins und Scherlygins Ansatz nicht durchsetzen.

Nach einer Einschätzung Schestakowas, hinkt die russische Diabetesforschung im internationalen Vergleich nach, vor allem im Bereich der Pharmakologie. Meist kämen daher bei der medikamentösen Behandlung ausländische Präparate zum Einsatz, die jedoch deutlich teurer

seien, als die einheimischen. Zurzeit arbeiten russische Diabetesforscher an der Entwicklung neuer Medikamente. Sie setzen dabei auf Hemmstoffe für Dipeptidylpeptidase (DPP-1) und auf das Inkretin Glucagon-like-Peptide-1 (GLP-1). In den USA und Europa wurden entsprechende Präparate bereits entwickelt.

Finanzieller Druck erschwert den Forschern und Ärzten die Arbeit. „Von 2007 bis 2012 hat der Staat Apparate und Gerätetechnik für die Diagnose und Behandlung von Diabetes für alle Bezirks- und Kreiskrankenhäuser angeschafft", erzählt Schestakowa. „Die Ärzte haben sich auf staatliche Kosten weiterqualifiziert und das Programm war auch erfolgreich." Gegenwärtig werde es jedoch leider nicht fortgesetzt, sagt Schestakowa, denn der Staat habe die Finanzierung den Regionen und Kommunen übertragen, die selten das gleiche finanzielle Engagement an den Tag legen, wie der Staat.

Trotz Kostendruck setzen die russischen Forscher ihre Suche nach neuen Methoden zur Behandlung des Diabetes fort. Das Sklifosofskij-Forschungsinstitut für Notfallmedizin hat in Zusammenarbeit mit dem Institut

für biomedizinische Probleme Versuche mit dem Diabecell durchgeführt, einer Entwicklung des australisch-asiatischen Unternehmens Living Cell Technologies. Diabecell wird aus Bauchspeicheldrüsenzellen neugeborener Ferkel hergestellt, die anschließend als Tablettenkapsel an Diabetes erkrankten Patienten verabreicht werden. In Russland wurde die Methode bei vier Patienten erfolgreich angewandt. Der Insulinbedarf sank um bis zu 40 Prozent, einer der Probanden benötigte zeitweise gar kein Insulin mehr. Noch sind die Forscher zurückhaltend, denn es gibt noch Bedenken, das tierische Material könnte versteckte Infektionen enthalten. Daher hat die Methode noch kein „grünes Licht" vom Gesundheitsministerium für einen landesweiten Einsatz bekommen.

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