Klim Tschurjumow: „Die Rosetta-Mission ist ein voller Erfolg“

Der Entdecker des Rosetta-Kometen: "Es war bereits ein ganzer Monat seit unseren Beobachtungen vergangen, bevor wir verstanden, dass wir eine Entdeckung gemacht hatten." Foto: AP

Der Entdecker des Rosetta-Kometen: "Es war bereits ein ganzer Monat seit unseren Beobachtungen vergangen, bevor wir verstanden, dass wir eine Entdeckung gemacht hatten." Foto: AP

Vor 45 Jahren entdeckte Klim Tschurjumow den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko. Heute untersucht ihn die Europäische Weltraumorganisation (ESA) im Rahmen der Rosetta-Mission. Damit erhofft sie sich Antwort auf eine der größten Fragen der Menschheit: Brachten Kometen einst Wasser und Leben auf die Erde? RBTH sprach mit Tschurjumow über seine Entdeckung und die Mission.

Die zurzeit von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) durchgeführte Untersuchung des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko soll Einblicke in die Entstehung des Lebens auf der Erde geben. Dazu wurde die Raumsonde „Rosetta“ in dessen Umlaufbahn gebracht. Am 12. November dieses Jahres wurde der Lander Philae auf dem Kometen abgesetzt und sammelte wichtige Daten.

Im Rahmen des Projekts ist zudem geplant, mögliche Technologien für eine Beförderung von Menschen zum Mars zu testen. Es soll auch geprüft werden, ob die Bahnen gefährlicher Asteroiden verändert werden können. Der Komet wurde 1969 von Klim Tschurjumow und seiner Assistentin Swetlana Gerassimenko entdeckt. Im Gespräch mit RBTH erzählte der Astronom von seiner Entdeckung und der Bedeutung der Rosetta-Mission für die Menschheit.

RBTH: Wie schätzen Sie die Rosetta-Mission zum Kometen Tschurjumow-Gerassimenko ein?

Klim Tschurjumow: Die Mission ist noch nicht beendet, wir werden auf endgültige Ergebnisse warten müssen. Schon heute kann man aber sagen: Die Mission ist ein absoluter Erfolg. Als sich die Kapsel dem Kometen bis auf etwa zehn Kilometer genähert hatte, haben wir ausführliche Angaben von seiner Oberfläche bekommen. Die europäischen Kollegen haben sofort Modelle der Kometenoberfläche erstellt und uns kleine Exemplare geschenkt.

Das Hauptereignis ist die Landung von Philae auf dem Kern des Kometen. Es ist viel schwieriger, als auf dem Mars, der Venus oder anderen Planeten zu landen: Dort gäbe es mehr Platz und eine starke Gravitation. Natürlich haben wir alle Kenndaten des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko bekommen, die Schwerkraft haben wir errechnet. Als das Landegerät aber auf der Oberfläche aufsetzte, haben die Haken, die Philae auf der Oberfläche verankern sollten, versagt.

Wie konnte das passieren?

Das Landegerät war zehn Jahre lang im Weltraum unterwegs. Es ist möglich, dass die kleinsten Baugruppen und Scharniere unter dem Einfluss von den Solarprotonen förmlich aneinandergeschweißt worden sind. Zugleich wurde Rosette vom Sonnenwind stets umhergeweht. Dies könnte die Funktion des

Mechanismus beeinflusst haben. Oder Philae könnte die Oberfläche zuerst mit nur einem von seinen drei Füßen berührt haben. Da die Haken aber in der Regel erst auslösen, wenn zumindest zwei Füße auf der Oberfläche landen, könnte der erste Kontakt zu schwach gewesen sein.

Wegen der zu niedrigen Anziehungskraft auf dem Kometen ist das Landegerät beim Berühren der Oberfläche wieder 500 Meter weit in die Höhe katapultiert worden und zwar gleich zwei Mal. Erst beim dritten Anlauf ist es gelungen, dieses zu verankern. Ein Mensch wäre in dieser Situation sofort mit kosmischer Geschwindigkeit aus der Bahn des Kometen geflogen. Nach all den Problemen mit den Batterien auf Philae hoffen wir, dass die Geräte normal betrieben werden können.

Trotz des Sparbetriebs werden die Daten die Erde erreichen?

Tatsächlich wurden bereits 80 Prozent der gestellten Aufgaben erfüllt: An Bord von Philae befinden sich zehn Präzisionsgeräte, acht von ihnen wurden genutzt. Ein riesiger Erfolg! Dank dieser Werte wird es in der Zukunft möglich sein, in kürzester Zeit Kernraketen zu den gefährlichen Asteroiden oder Kometen, die die Erde bedrohen, zu senden.

Laut Medienberichten sagten Sie bereits in den 1960er-Jahren, dass die Untersuchung eines Kometen die Frage über die Entstehung des Lebens auf der Erde beantworten könne.

Auf Kometen existiert eine komplizierte Organik. Im Schweif des Kometen „Wild 2“ wurde Glyzin entdeckt. Es ist allgemein bekannt, dass der Mensch ohne diesen Stoff nicht leben kann, weil das Großhirn und das Rückenmark auf ihn angewiesen sind. Jetzt ist erwiesen, dass das Isotopenverhältnis des Ozeanwassers mit dem Isotopenverhältnis des Wassers aus untersuchten Kometenschweifen identisch ist. Nach einer der Theorien entstand das Wasser auf der Erde durch eine riesige Anzahl von Kometen, die auf unserem Planeten aufschlugen. Erst danach konnte die doppelspiralige DNS entstehen.

Woran arbeiten Sie selbst im Moment?

Ich bearbeite weiterhin Kometenspektren. Wir haben Zigtausende Fotos und Videos, die mit den Teleskopen in den USA, Mexiko, Chile und der Ukraine aufgenommen wurden. Es ist schon viel bearbeitet worden, der Löwenanteil aber wird von meinen wissenschaftlichen Mitarbeitern zu erforschen sein.

Die Spektren sind die Fingerabdrücke des Kometen. Sie scheinen ähnlich zu sein, die Zeichnungen sind aber tatsächlich sehr unterschiedlich. Moderne Teleskope erlauben, die Abbildungen in einer perfekten Auflösung zu bekommen. Man kann mithilfe der Teleskope selbst dann eine riesige Informationsmenge erhalten, wenn man eine schwächliche Linse in einer guten Kamera einsetzt. Die Weltraumteleskope sind mittlerweile so weit vorgedrungen, dass wir den Rand des Weltalls sehen können – die vom Urknall entstandenen Objekte, die mehr als 13 Milliarden Jahre alt sind.

Um die Entdeckung des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko ranken sich einige Legenden. Wie haben Sie diesen Kometen tatsächlich entdeckt?

Es war bereits ein ganzer Monat seit unseren Beobachtungen vergangen, bevor wir verstanden, dass wir eine Entdeckung gemacht hatten. Wir haben eigentlich andere Objekte beobachtet und dann einen neuen Kometen gleichzeitig auf fünf verschiedenen Fotoplatten entdeckt. Auf vier von ihnen am Rand der Abbildung und auf einer direkt in der Mitte wegen einer falschen Ausrichtung des Teleskops. Zuerst dachten wir, der Komet sei ein Defekt der Fotoplatte.

Der Astronom Nikolaj Beljaew, jetzt ist er Oberpriester eines Klosters in Russland, hat die genaue Bahn errechnet. Danach haben wir unseren

Kollegen weltweit ein Telegramm gesandt. Als die Kollegen bei Eingabe der angegebenen Koordinaten einen Kometen sahen, haben Sie uns ebenfalls mit einem Telegramm geantwortet, erkannten die Entdeckung an und der Komet wurde nach den Namen der Entdecker benannt.

Sind Sie noch in Kontakt mit Ihrer Kollegin Swetlana Gerassimenko, mit der Sie den jetzt weltberühmten Komet entdeckt haben?

Selbstverständlich. Wir schreiben uns regelmäßig E-Mails und unterhalten uns über Skype. Ich bin zu ihrer Konferenz über neue Entdeckungen in Duschanbe geflogen. Sie hat mir ein sehr schönes orientalisches Halstuch geschenkt.