Zone statt Linie: Wo trennen sich Europa und Asien?

Man geht gemeinhin davon aus, dass die Grenze zwischen Europa und Asien durch Russland verläuft; sie erstreckt sich dieser Annahme zufolge über 5 524 Kilometer, etwa 2 000 davon durch den Ural. Foto: Lori / LegionMedia

Man geht gemeinhin davon aus, dass die Grenze zwischen Europa und Asien durch Russland verläuft; sie erstreckt sich dieser Annahme zufolge über 5 524 Kilometer, etwa 2 000 davon durch den Ural. Foto: Lori / LegionMedia

Die Grenze zwischen Europa und Asien ist seit jeher umstritten. Nun haben Forscher aus dem Ural ausführliche Messungen vorgenommen und scheinen der Antwort ein Stück näher gekommen zu sein. Allerdings stimmen ihre Ergebnisse nicht mit der offiziellen Version überein.

Der Verlauf der tatsächlichen geografischen Grenze zwischen Europa und Asien zählt zu den alten Streitfragen der Geografie. Heimatforscher aus Jekaterinburg befassten sich nun mithilfe moderner Navigationstechnik erneut mit dem Thema und bestimmten einen exakten Grenzverlauf – dieser unterscheidet sich allerdings von der amtlichen Grenzziehung, die von der Verwaltung Jekaterinburgs als verbindlich angesehen wird. 

Für das Forschungsprojekt schaffte die Uralische Gesellschaft der Liebhaber der Naturkunde (UOLE) gemeinsam mit der Russischen Geografischen Gesellschaft (RGO) GPS-Geräte an, mit deren Hilfe Forschungsteams über 100 000 Messungen vor Ort vornahmen. Den Messungen wurde das weltweit anerkannte „Tatischtschew-Prinzip der Wasserscheide“ zugrunde gelegt, nach dem der Grenzverlauf zwischen Europa und Asien der Wasserscheide der durch den Ural fließenden Flüsse Tschussowaja und Isset folgt. Diesen Ansatz hatte einst der russische Historiker, berühmte Geograf und einflussreiche Staatsmann Wassili Tatischtschew, einer der Gründer des 1 600 Kilometer von Moskau entfernten Jekaterinburgs, bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelt.

 

Ein Schritt aus Europa nach Asien

Zeitgenössische Reiseführer bezeichnen Jekaterinburg als Großstadt an der Nahtstelle zweier Kontinente, als Stadt, in der die beiden Kulturräume ineinander fließen. Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Jekaterinburgs zählt eine Stele als Symbol der Grenze zwischen Europa und Asien. Sie wurde im Jahr 2004 auf dem 17. Kilometer des Nowomoskowski-Trakt in einer Grünzone der Großstadt errichtet. Viele Touristen glauben, hier könnten sie mit einem Schritt von Europa nach Asien gelangen.

Das Fundament der Säule bilden Steine vom westlichsten Punkt Europas, Cabo da Roca, und dem östlichsten Punkt des asiatischen Festlands, Kap Deschnjow. Die Stelle ist ein Magnet für Touristen: Hier formt ein Schmied aus dem Ural Erinnerungsmünzen mit der Symbolik Jekaterinburgs und überreicht den Besuchern ein Zertifikat zur Überschreitung der Grenze zwischen Europa und Asien. Jedes Jahr im März kreuzt diesen Ort zudem der 53 Kilometer lange Skimarathon „Europa-Asien“, der in Europa in der Stadt Perwouralsk beginnt und in Asien in Jekaterinburg endet.

Die Heimatforscher indes versichern, dass die Grenzziehung das Ergebnis einer Konvention gewesen sei. „Seine beiden Füße auf verschiedene Kontinente setzen kann man nur auf dem Hauptkamm des Uralgebirges. Der 17. Kilometer, an dem die Säule steht, ist tatsächlich die Wasserscheide. Aber nicht zwischen den Flüssen Tschussowaja und Isset, sondern zwischen den beiden Zuflüssen des Isset, die zu Asien gehören“, erzählt Gennadi Porosow von UOLE und fügt hinzu: „Der tatsächliche Grenzverlauf ist wesentlich komplizierter, er zieht sich als Sinuskurve das rechte Ufer des Tschussowaja entlang und erstreckt sich etwa zehn Kilometer in westlicher Richtung.“ Um die Wasserscheide-Grenze anschaulich zu machen, wollen die Forscher ein dreidimensionales Modell des Gebiets erstellen, es in einen Wasserbehälter versenken und mit einem Hebemechanismus ausstatten.

Auf der Grundlage ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse erstellten die Heimatforscher von UOLE und RGO eine Karte, indem sie vier Spezialkarten übereinander legten: eine topografische Karte, eine Vermessungskarte, eine hydrogeologische Karte und eine Höhenkarte. Den Grenzverlauf zwischen Europa und Asien wollen sie nicht durch eine Linie, sondern eine Zone definieren. Als Grenze Europas kann demnach der Fluss Isset, als Grenze Asiens der Fluss Tschussowaja gelten, die dazwischen entstehende Fläche, mit Ausnahme der Bäche und kleinen Flüsse, bilden den Grenzstreifen.

„Unsere Absicht ist es nicht, touristische Ausflugsziele zu verlagern. Wir wollen nur die wahre geografische Grenze präziser bestimmen“, versichert Jewgeni Artjuch, Mitglied der RGO.

 

Gibt es eine Grenze?

Die offizielle Grenze zwischen Europa und Asien war die gesamte Menschheitsgeschichte über in Bewegung. Seit der Antike zeichneten die Forscher sie quasi willkürlich. Die einen ließen sie den Don entlanglaufen, die anderen in Sibirien, wieder andere durch Russlands Fernen Osten. Eine allgemein gültige Antwort auf die Frage, wo sie zu verorten ist, können Geografen bis heute nicht geben.

Man geht gemeinhin davon aus, dass die Grenze zwischen Europa und Asien durch Russland verläuft; sie erstreckt sich dieser Annahme zufolge über 5 524 Kilometer, etwa 2 000 davon durch den Ural. Die wichtigsten Städte auf ihrer Strecke sind Orenburg, Orsk, Magnitogorsk, Slatoust und das türkische Istanbul. Sie zieht sich auch unter anderem an den Städten Perwouralsk, Jekaterinburg, Rewda und Degtjarsk entlang.

Das Uralgebirge galt bereits im 16. Jahrhundert als Grenze zwischen den zwei Kontinenten. Das erste Denkmal entstand hier 1846 auf dem Berg Beresowaja. Es erinnert an den Besuch der Grenze durch den Nachfolger des russischen Throns und künftigen Herrscher Alexander II. Diesen Punkt auf dem Pass zwischen westlichem und östlichem Hang definierten im Jahr 1829 auch deutsche Forscher, der berühmte Geograf Alexander von Humboldt und der Mineraloge Gustav Rose, als natürliche Grenze.

Viele gebürtige Bewohner des Urals messen den Diskussionen über die Grenze zwischen Europa und Asien im Übrigen keine besondere Bedeutung bei. Für sie war das Gebiet um das Uralgebirge herum schlicht immer russisch. Die Kultur im Ural hat für sie ebenfalls eindeutig russische Wurzeln und stellt keine „Synthese“ zwischen asiatischer und europäischer Tradition dar. Daher ist die Aufteilung des Gebiets in einen europäischen und einen asiatischen Teil für sie nicht relevant.

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