Aufklärungsflieger M-55: Spionage für die Wissenschaft

Die M-55 ist weltweiten Klimaveränderungen auf der Spur. Foto: Wladimir Fedorenko/RIA Novosti

Die M-55 ist weltweiten Klimaveränderungen auf der Spur. Foto: Wladimir Fedorenko/RIA Novosti

Ein ursprünglich im Kalten Krieg entwickeltes Spähflugzeug soll nun im Rahmen eines europäischen Forschungsprogramms die Stratosphäre untersuchen. Ursprünglich sollte das Flugzeug zum Abschuss amerikanischer Spähsonden eingesetzt werden. Nun könnte es helfen, das Klima auf Jahrzehnte vorhersehen zu können.

Ab 2016 führt das russische Flugzeug M-55 Geofisika im Rahmen des europäischen Forschungsprogramms „StratoClim" Flüge zur Erforschung des Erdklimas durch. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten das deutsche Alfred-Wegener-Institut, das Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und der Hersteller des Flugzeugs, die Mjasischtschew-Experimentalfabrik für Maschinenbau.

Auf Grundlage der Daten, die die Geofisika in der Stratosphäre sammeln wird, kann ein dynamisches Modell der Stratosphäre erstellt werden. So sollen die Klimaveränderungen auf der Erde Jahrzehnte im Voraus bestimmt werden können. An dem StratoClim-Programm nehmen 26 Forschungsinstitute aus ganz Europa teil.

Nach Aussage von Gennadij Beljajew, Chefkonstrukteur des Flugzeugtyps, ist die M-55 aufgrund ihrer Charakteristiken unersetzlich für die Erforschung des Weltalls, für die astrophysische und astronomische Beobachtung. „Unsere Maschine kann über 21 Kilometer hoch fliegen und bis zu zwei Tonnen an Forschungsgeräten tragen", erklärt Beljajew.

 

Spähen für friedliche Zwecke

Die M-55 – Nato-Codename „Mystic-B" – ist eine modernisierte Variante des Spähflugzeugs M-17 Stratosfera. Es wurde Ende der 1960er-Jahre entwickelt, um amerikanische Spähsonden abzuschießen, die außer Reichweite der sowjetischen Flugabwehr waren.

Die Aufgabe konnte nur ein für große Höhen ausgelegtes Kampfflugzeug lösen. Seine Entwicklung wurde dem legendären sowjetischen Flugzeugbauer Wladimir Mjasischtschew anvertraut. Doch 1982, als die M-17 ihren ersten Flug absolvierte, hatte das Problem der Spähsonden an Aktualität verloren. So entschloss man sich, das Flugzeug als Spähflugzeug einzusetzen. Eine Fortentwicklung der M-17 war die M-55, die zwei Motoren besaß. Eines der ersten Länder, die das Flugzeug zu nichtmilitärischen Zwecken einsetzten, war Chile, das es zur Erforschung der Ozonschicht im Bereich des Südpols anmietete.

Danach flog die M-55 über der Arktis, Antarktis, Afrika, Brasilien und Australien. Seit 1995 ist sie mit italienischen Forschungsgeräten ausgestattet. In vielen Bereichen übertrifft die Maschine vergleichbare Flugzeuge. „Unser Flugzeug braucht zum Beispiel, im Gegensatz zum amerikanischen Modell TR-1, keinen besonderen Treibstoff", erläutert auf Anfrage von RBTH die Pressestelle der Mjasischtschew-Experimentalfabrik für Maschinenbau. „Bei manchen ähnlichen Flugzeugen ist der Flug aufgrund des niedrigen Drucks in der Kabine mit einem Spaziergang im All vergleichbar. Der Pilot muss über mehrere Stunden auf einen solchen Flug vorbereitet werden. Für Flüge in der Geofisika bedarf es einer solchen Vorbereitung nicht."

 

Modernisierung für neue Projekte

Ein Flug in 20 Kilometern Höhe ist aufgrund des niedrigen Drucks kompliziert. Auch die Lufttemperatur, die in solcher Höhe minus 90 Grad Celsius noch unterschreiten kann, bereitet Probleme. Solchen Temperaturen

war die Maschine etwa bei einem Flug über den Seychellen bereits ausgesetzt.

„Vor dem Flug haben wir die amerikanischen Kollegen ausgefragt, die dort zuvor das Aufklärungsflugzeug U-2 eingesetzt hatten. Sie sagten, man könne bei Temperaturen von unter minus 70 Grad Celsius nicht länger als 15 Minuten fliegen, weil der Treibstoff sich verdicke und geleeartig werde", heißt es aus der Mjasischtschew-Fabrik. „Aber bei uns hat sich das nicht bewahrheitet, weil das Flugzeug anders konstruiert ist."

Die Teilnahme am StratoClim-Projekt wird eine Modernisierung der M-55 erfordern – im Vertrag, der von den russischen und europäischen Partnern unterzeichnet wurde, ist das bereits festgeschrieben. Die genaue Höhe des Vertragsvolumens wurde nicht bekannt gegeben, soll aber mehrere Millionen Euro betragen. „Das Flugzeug wird mithilfe digitaler Technik modernisiert", kündigte der Hersteller an.

Die Modernisierung soll bis Ende 2015 abgeschlossen sein. Dann werden die Wissenschaftler mit der Erforschung des asiatischen Monsuns beginnen, der sich vor allem in Indien auswirkt. Dort wird im Sommer 2016 der erste Einsatz des „aufgefrischten" Geofisika-Flugzeugs stattfinden.

 

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