Zuchterfolg in Russland: Neuer Weizen trotzt rauem Klima

Die neuen Weizensorten sind resistent gegen Kälte und Feuchtigkeit. Foto: Bagrat Sanduchadse/RIA Novosti

Die neuen Weizensorten sind resistent gegen Kälte und Feuchtigkeit. Foto: Bagrat Sanduchadse/RIA Novosti

Russischen Pflanzenzüchtern des Moskauer Nemtschinowka-Instituts ist die Zucht neuer natürlicher Weizensorten gelungen, die auch unter widrigen klimatischen Bedingungen gedeihen. Eine große Chance für die russische Landwirtschaft: 40 Millionen Hektar Anbaufläche sind derzeit noch ungenutzt.

Wissenschaftler des bekannten Moskauer Forschungsinstituts für Landwirtschaft Nemtschinowka ist der Anbau von Winterweizen gelungen, dessen Nährstoffgehalt den vergleichbarer auf dem Weltmarkt angebotener Sorten übertrifft. Der Proteingehalt soll fast doppelt so hoch sein. Diese Sorten können auch in Gebieten angebaut werden, in denen es keine fruchtbare, schwarze Erde gibt und ein kühles Klima vorherrscht. Sie sollen sogar ergiebiger sein als Sorten, die unter günstigeren klimatischen Bedingungen gedeihen können.

Die Pflanzenzüchter von Nemtschinowka sind der Meinung, dass dank der neuen Weizensorten ein Kernproblem gelöst werden könne. Denn weltweit sinke derzeit die Getreidequalität. „Die Ergiebigkeit von Winterweizen in den Industrieländern liegt bei durchschnittlich 90 bis 100 Doppelzentnern pro Hektar. Der Proteingehalt beträgt im Schnitt lediglich acht bis neun Prozent. Darunter leidet die Brotqualität", sagt der renommierte russische Pflanzenzüchter Bagrat Sanduchadse, Leiter des Labors für Winterweizenzucht am Nemtschinowka-Forschungsinstitut und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die in Nemtschinowka gezüchteten Sorten hingegen könnten 100 bis 120 Doppelzentner Weizen pro Hektar mit einem durchschnittlichen Proteingehalt von 17 Prozent und einem Glutengehalt von mindestens 30 Prozent liefern, so der Forscher.

Sanduchadse hat zusammen mit seinen Kollegen 15 neue Sorten von Winterweizen für Nichtschwarzerdegebiete entwickelt und bislang 14 zum Patent angemeldet. Das betroffene Gebiet in Russland umspannt eine riesige Fläche im europäischen Teil vom Nordpolarmeer bis zu den Waldsteppen im Süden und von der Ostsee bis Westsibirien.

 

Gentechnikfreie Alternative

Fachleute meinen, dass die neuen Sorten durch ihre hohe Ergiebigkeit mit genmanipulierten Pflanzen konkurrieren könnten. Auf etwa 70 Prozent der weltweiten Saatflächen würden aktuell genmanipulierte Sorten angepflanzt, berichtet Margarita Schpizina, Mitglied des Koordinationsrates der Russischen Bäcker- und Konditoren-Gilde und Leiterin des Forschungs- und Methodik-Zentrums „Russisches Rezept".

Russland gehört aktuell zu den sechs marktführenden Weizenproduzenten in der Welt. Der Getreidemarkt ist im ständigen Wandel begriffen und verlangt neue hochwertige Sorten. „Die Züchtung von hochwertigem natürlichem Speiseweizen mit starken Genen ermöglicht einen umweltfreundlichen Anbau, und das ist wesentlich profitabler, als wachstumsstimulierende Chemikalien oder Gentechnologien zu finanzieren", erklärt Bagrat Sanduchadse. Die Aufwendungen für professionelle natürliche Pflanzenzucht bewegen sich nach seinen

Schätzungen höchstens im sechsstelligen Bereich, während der Einsatz von Gentechnologie Kosten in Milliardenhöhe nach sich zöge und zudem umweltschädigend sein könne. Sanduchadse sieht gute Zukunftsaussichten für seine Neuentwicklung: „40 Millionen Hektar Flächen, auf denen hochwertiges Getreide angebaut und somit für die Gesundheit der Nation gesorgt werden könnte, liegen derzeit in Russland brach", betont er.

Nach Ansicht von Margarita Schpizina sind in Russland trotz der Fortschritte der Pflanzenzüchter mehrere Probleme im Hinblick auf die Bodenqualität zu bewältigen: „Um gutes und gesundes Brot zu backen, muss in Russland die Qualitätsüberwachung, wie sie zu Sowjetzeiten systematisch betrieben wurde, wiederaufgenommen werden. Die Qualität von Speisegetreide ist in Russland zusehends gesunken." Neue Getreidekrankheiten seien aufgetreten, bemerkt die Wissenschaftlerin.

Seit 47 Jahren arbeitet Sanduchadse an der Entwicklung neuer Sorten. Bereits in den 1930er-Jahren haben sowjetische Pflanzenzüchter versucht, Winterweizen zu züchten, der in den kühlen und feuchten Nichtschwarzerdegebieten gedeiht. Bagrat Sanduchadse ist es in der dritten Forschergeneration nun gelungen.

Die von Bagrat Sanduchadse in den vergangenen Jahren gezüchteten Sorten von Winterweizen werden heute im In- und Ausland ausgesät. Als exemplarisch gilt die Sorte „Moskovskaya 39", die derzeit in Kanada, Österreich, der Türkei und in anderen Ländern angebaut wird.

„Diese Sorte wurde von 1999 bis 2002 im Rahmen internationaler Sortentests in Kanada untersucht und dank ihrer Ergiebigkeit und hochwertigen Getreidequalität als beste anerkannt. Dieser Weizen gedeiht unter beliebigen Witterungsverhältnissen dank seiner gesunden und widerstandsfähigen Gene. Er ist resistent gegen Frost und Krankheiten, ergibt Korn von einmaliger Qualität und weist gute Eigenschaften beim Brotbacken auf", erklärt Sanduchadse.

Der Wissenschaftler erhielt im Februar 2015 den nationalen Demidow-Preis für außerordentliche Leistungen. Erstmals seit 1832 wurde mit dieser Auszeichnung ein Pflanzenzüchter in Russland geehrt.

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