Russische Universitäten gründen Zentren für den Technologietransfer

Mitarbeiter des Zentrums für Technologietransfer an der  Sankt Petersburger Polytechnischen Universität.  Foto: Pressebild

Mitarbeiter des Zentrums für Technologietransfer an der Sankt Petersburger Polytechnischen Universität. Foto: Pressebild

Forschung um ihrer selbst willen? Das war einmal in Russland. Immer mehr Hochschulen stellen ihre Forschung in die Dienste der Wirtschaft und gründen Zentren für den Technologietransfer. Davon profitieren sie gleich doppelt: Sie bekommen zusätzliche Finanzmittel und Zugang zu den klügsten Köpfen.

In der Sowjetunion und auch später in Russland fand Forschung, auch in den angewandten Wissenschaften, oft nur an den Instituten der Russischen Akademie der Wissenschaften und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen statt. Für ausländische Investoren war es schwierig, in Russland in die Entwicklung von Technologie zu investieren. Ebenso war weitgehend unbekannt, wie in Russland entwickelte Technologie erworben werden konnte. Das ändert sich zunehmend. Seit etwa zwei Jahren entstehen an immer mehr russischen Hochschulen Zentren für Technologietransfer, etwa an der Staatlichen Universität für Luft- und Raumfahrt in Samara, an der Staatlichen Universität Nischni Nowgorod und an der Föderalen Universität Ural. Aber auch in den Großstädten Sankt Petersburg und Moskau werden solche Zentren errichtet, zum Beispiel an der Sankt Petersburger Polytechnischen Universität, der Petersburger Hochschule für Informationstechnologie, Mechanik und Optik, sowie an der Moskauer Universität für Stähle und Legierungen. Bis Ende 2016 sollen solche Zentren an allen Hochschulen entstehen, die am Programm zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit russischer Hochschulen „5 bis 100" teilnehmen.

Nach Angaben von Jewgenij Kusnezow, Direktor des Projektbüros der russischen Beteiligungsgesellschaft RVC, sind die russischen Hochschulen auf einem erfolgversprechenden Weg: „Aktuell haben 46 der 50 führenden Hochschulen des globalen Ratings TOP-100 eine technologische Ausrichtung. Sie verfügen über entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten und profilieren sich als Hochschulen für angewandte Wissenschaften." Das nutze den russischen Hochschulen. „Dabei stehen weniger die finanziellen Vorzüge, als die Anwerbung der besten Professoren und Studenten im Vordergrund", so Kusnezow.

Aber es gibt noch mehr Vorteile. Die Zentren für Technologietransfer eröffnen den Universitäten die Möglichkeit, in Konkurrenz zu den branchenbezogenen Forschungseinrichtungen zu treten. Die Studenten, die in den Zentren für Technologietransfer arbeiten, wechseln später weitaus häufiger in die Wirtschaft. Sie sind ein hervorragendes Karrieresprungbrett. So könne die Abwanderung hochqualifizierter Kräfte ins Ausland, der sogenannte „Brain Drain", gestoppt werden, meint Kusnezow. Er hält diese Strategie für deutlich effektiver, als abgewanderte Fachkräfte mit viel Aufwand zurückzuholen. Aber auch für diese könne so ein Anreiz zur Rückkehr geschaffen werden.

 

Forschung, die sich auszahlt

Obwohl die Zentren für den Technologietransfer noch eine recht junge Erscheinung sind, gibt es erste Erfolge. Viktor Kokscharow, Rektor der Föderalen Universität Ural, berichtet von Einnahmen in Höhe von etwa acht Millionen Euro allein im Jahr 2014. Zu den Partnern der Universität gehören Siemens, Boeing und der Weltraumbahnhof Wostotschny, der gerade im russischen Fernen Osten entsteht. Ein Projekt, das die Universität für den Weltraumbahnhof durchführte, brachte etwa 1,4 Millionen Euro.

Kendrick White, Prorektor für Innovation der Staatlichen Lobatschewski-Universität in Nischni Nowgorod, kann solche Zahlen noch nicht nennen.

Aber er betont, dass auch seine Universität bereits Technologien entwickelt habe, die im globalen Wettbewerb bestehen könnten. Eigens wurde ein Zentrum für den Technologievertrieb gegründet. Zum Aufsichtsrat der Lobatschewski-Universität gehören Vertreter der Unternehmen Intel, Bosch, LG und Virgin Connect.

Kusnezow kennt noch ein Beispiel für den Erfolg der Zentren für Technologietransfer: das Zentrum für rechengestütztes Industrie-Engineering der Polytechnischen Universität in Sankt Petersburg. „Das Zentrum arbeitet im Bereich der technischen Entwicklung mit weltweit führenden Unternehmen zusammen, darunter BMW oder Rolls-Royce. Es ist ein weltweit anerkanntes Entwicklungszentrum. Zudem ist ein positiver Einfluss auf die internen Prozesse der Hochschule zu beobachten", berichtet Kusnezow.

 

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