Kosmonauten-Futter: Was essen Raumfahrer?

Verkaufsautomat mit Weltraumspeisen in Moskau. Foto: Wjatscheslaw Prokofjew/TASS

Verkaufsautomat mit Weltraumspeisen in Moskau. Foto: Wjatscheslaw Prokofjew/TASS

Vor 54 Jahren musste sich Juri Gagarin noch von Suppen und Säften aus Tuben ernähren. Heute bietet sich für Raumfahrer im Weltall eine kulinarische Vielfalt, die allerdings streng reguliert ist. RBTH hat den einzigen russischen Hersteller für Kosmonautennahrung besucht.

Das 3 Kilometer von Moskau entfernt Ismailowo wirkt mit seinen kaputten Straßen und Hochhäusern wie eine ganz normale russische Provinzstadt. Aus dem Rahmen fällt lediglich ein gepflegter Apfelgarten gleich an der Stadteinfahrt. Gegenüber dem Garten steht ein zweistöckiger Bau der Experimentierfabrik Birjuljowo. Er ist das einzige Unternehmen in Russland, das sich auf die Produktion von Nahrungsmitteln für Kosmonauten spezialisiert hat.

Sämtliche Arbeitsabläufe, angefangen bei der Zubereitung von Speisen bis hin zur Abpackung, erfolgen hinter verschlossenen Türen. Vom Gang aus kann man durch die Fenster in den Wänden beobachten, wie Frauen in weißen Kitteln ungewöhnlich aussehende Fadennudeln und Pilze in durchsichtige Tüten abfüllen: Alles ist kleingeschnetzelt und ausgedörrt, wie Trockenobst. Das Essen ist für die ISS bestimmt.

 

Von Tuben zur Sublimationstrocknung

„Bis Mitte der 1980er-Jahre wurde die Weltraumnahrung in Tuben abgepackt", erzählt Viktor Dobrowolski, Direktor des Forschungsinstituts für Lebensmittelkonzentrate und spezielle Nahrungstechnologien. „Für den ersten Menschen im Weltall Juri Gagarin wurden neun Speisen in Tuben abgepackt – Suppen und Saft. Gagarin hat als Erster Lebensmittel aus Tuben gegessen." Heute sieht die Weltraumkost anders aus. „Seit Mitte der achtziger Jahre werden gefriergetrocknete Produkte entwickelt, wodurch der Umfang und das Gewicht der Speisen reduziert werden konnten", erklärt Dobrowolski.

Für die sogenannte Sublimationstrocknung kommen besondere Produktionsanlagen zum Einsatz. Anfangs werden die Lebensmittel bis auf minus 70 Grad Celsius heruntergekühlt, anschließend werden sie getrocknet und abgepackt. Vom Fließband kommen kleine transparente Beutel, gefüllt mit winzigen Portionen. Dadurch können bis zu 97 Prozent der Nahrungsstoffe konserviert werden. Übrigens ist es verboten, der Nahrung Geschmacksverstärker, Farbstoffe und andere künstliche Zusätze hinzuzugeben.

Die Verpackung dient den Raumfahrern zugleich als Geschirr. Mithilfe eines Röhrchens geben sie eine bestimmte Menge von heißem oder kaltem Wasser hinzu, damit die Lebensmittel ihre ursprüngliche Form wiederbekommen. Anschließend kneten sie den Beutel weich, warten sieben bis zehn Minuten, bis die Nahrung rehydriert ist, schneiden den Rand der Verpackung mit einer Schere ab und beginnen zu essen. Die gebrauchte Verpackung kommt in eine Presse und wird mit einem Weltraumfrachter von der ISS abtransportiert.

Zur Weltraumverpflegung gehören auch Lebensmittelkonserven: Krabben, Lachs und Stör in Aluminiumdosen. Seit zwei Jahren wird auch schwarzer Kaviar in den Weltraum geliefert. Vor dem Abflug wird er wärmebehandelt und kann danach ein halbes Jahr lang im Weltraum gelagert werden.

Mit jedem Weltraumfrachter werden an die ISS auch frisches Gemüse und Obst geliefert. Vor dem Abflug werden sie laut Viktor Dobrowolski mit einem geheimen Mittel behandelt, das weltweit einzigartig sei. So bearbeitet, können frisches Obst und Gemüse auf der ISS bis zu 40 Tagen aufbewahrt werden, ohne die Form zu verlieren.

 

Vier Mahlzeiten am Tag

Die Raumfahrer essen vier Mal am Tag: drei Hauptmahlzeiten und eine zusätzliche Mahlzeit nach intensivem Training oder komplizierten Experimenten. Die Tagesverpflegung für eine Person hat einen Nährwert von 3 000 bis 3 100 Kilokalorien.

Das Essen von Raumfahrern ist abwechslungsreicher, als man denkt. Foto: Wladimir Pesnja/RIA Novosti

Mediziner und Biologen bestimmen, wie viel Proteine, Fette, Kohlehydrate, Mineralstoffe und Spurenelemente in jeder Portion enthalten sein müssen. Sie prüfen die Lebensmittel auch auf Pflanzenschutzmittel, Schwermetallsalze und andere Schadstoffe. Bevor die Lebensmittel in die Speisekarte eines Weltraumschiffs aufgenommen werden, müssen sie von den Kosmonauten verkostet und auf einer Neun-Punkte-Skala bewertet

werden: Ab sechs Punkten und darüber werden sie angenommen, ab fünf Punkten und darunter gestrichen.

Die Raumfahrer werden von ihren eigenen Ländern versorgt: die Russen von Russland, die Amerikaner von den USA. Nach Wunsch können sich die russischen Kosmonauten Lebensmittel aus der amerikanischen Verpflegung bestellen und umgekehrt. „Die Amerikaner mögen unsere Suppen – Borschtsch, Rassolnik, Chartscho – sowie Quark, Lebensmittelkonserven und den Kaviar", erzählt Viktor Dobrowolski.

Im Februar wurde auf dem Gelände der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft (WDNCh) in Moskau versuchsweise ein Verkaufsautomat mit Weltraumspeisen in Tuben aufgestellt. Dort konnte man für 300 Rubel eine Tube Borschtsch, mariniertes Lammfleisch oder Schweinefleisch mit Gemüse probieren, insgesamt zwölf Arten von Lebensmitteln. In den nächsten ein bis anderthalb Jahren sollen in der Stadt an die 200 solcher Verkaufsautomaten aufgestellt werden.

 

Wissenswerte Fakten

 

  • Die Zustellung von einem Kilogramm Nahrung auf die ISS kostet etwa 10 000 Euro.
  • Die Kosmonauten haben einen Notvorrat an Nahrung für 40 Tage.
  • Die britische Sängerin Sarah Brightman, die im September 2015 als Touristin zur ISS fliegen will, zahlt für ihre Weltraumverpflegung rund 57 Millionen Euro.

 

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