Zur ISS mit Vokabelheft: Darum lernen Raumfahrer Russisch

Foto: Nasa.gov

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Arbeitssprache auf der Internationalen Raumstation ISS ist Englisch. Jelena Kirilenko, Gruppenleiterin für die Russisch-Ausbildung am Kosmonautentrainingszentrum in Swjosdny Gorodok, erklärt, warum Russisch lernen dennoch zu den unverzichtbaren Reisevorbereitungen eines Raumfahrers gehört.

RBTH: Auf der Internationalen Raumstation ISS wird Englisch gesprochen. Warum müssen alle Astronauten dennoch auch Russisch lernen?

Jelena Kirilenko: Die Arbeitssprache auf der ISS ist in der Tat Englisch. Die Besatzung der ISS wird jedoch mit dem russischen Raumschiff „Sojus" zur Station gebracht. Drei Personen können an Bord von Sojus ins All reisen. Die Langzeitbesatzungen der ISS bestehen aus Russen, US-Amerikanern und Raumfahrern anderer Nationen, manchmal besuchen aber auch Weltraumtouristen die ISS.

Kommandant der Sojus-Kapsel ist immer ein Russe, er wird auf dem Flug zur ISS von einem ausländischen Astronauten unterstützt, der die Aufgabe des Bordingenieurs übernimmt. Auf dem dritten Platz nimmt meist ein weiterer Bordingenieur Platz, manchmal aber auch ein Weltraumtourist. Kommandos aus dem Flugleitzentrum werden auf Russisch durchgegeben. Ein Dolmetscher wäre kaum in der Lage, das alles zu übersetzen.

Aber die ausländischen Astronauten, in erster Linie die US-amerikanischen, lernen doch nicht Russisch von der Pike auf, wenn sie zur Vorbereitung ins Sternenstädtchen Swjosdny Gorodok kommen?

Die US-amerikanischen Astronauten kommen zu uns, nachdem sie als Besatzungsmitglieder ausgewählt wurden und bereits ein Testprogramm nach dem US-amerikanischen System ACTFL durchlaufen haben. Bestandteil dieses Testprogramms ist auch ein Russischtest. Sprachkenntnisse müssen dabei mindestens auf dem Level „Intermediate High" nachgewiesen werden.

Nach ihrer Ankunft im Sternenstädtchen lernen die Astronauten vor allem fachspezifische Begriffe, also Russisch für Astronauten. Zwei bis vier Stunden Sprachunterricht pro Woche stehen auf dem Programm, je nach Funktion des Raumfahrers.

Haben Sie ein Beispiel für wichtige Worte, die die Astronauten kennen müssen?

Zum Beispiel gibt es an Bord von Sojus ein Flugsteuerungs- und ein Navigationssystem. Für den Bordingenieur liegt hier die größte Herausforderung. Besonders das Training der Annäherung und Ankopplung an die ISS ist hart, denn später sollte dabei nichts schiefgehen. Das ist reine Handarbeit, eine Automatik gibt es dafür nicht.

Während des Ankopplungsvorgangs steht die Sojus-Besatzung in ständigem Funkkontakt zur Zentralen Flugleitstelle am Boden. Die Instruktionen werden auf Russisch erteilt, die Besatzung kommentiert ihrerseits jeden ihrer Handgriffe auf Russisch.

Jelena Kirilenko mit dem japanischen Astronauten Yui Kimiya im Ausbildungszentrum von Swjosdny Gorodok. Foto aus dem persönlichem Archiv

Welche Kommandos können die Instrukteure beim Training und in der Zentralen Flugleitstelle während des Andockens an die Raumstation im Orbit geben?

Zum Beispiel: „Langsamer", „schneller", „Umschalten in diese oder jene Betriebsart", „Geschwindigkeit aus", „Signal geben", „aktuellen Treibstoffverbrauch kontrollieren", „abbremsen", „Bremsimpuls geben". Das Lehrbuch Russisch für Bordingenieure hat ganze 100 Seiten.

Gibt es oft Verständigungsschwierigkeiten an Bord?

Bis jetzt gab es das noch nicht, denn die Astronauten haben ja bereits sehr gute Russischkenntnisse und sind zudem hochmotiviert. Früher hatten wir auch bei den theoretischen Fächern Dolmetscher dabei, ebenso beim

Training. Heute läuft das Training ausschließlich auf Russisch. Deshalb antworten die Raumfahrer, ob nun US-amerikanische, japanische oder europäische nicht selten bei Prüfungen auf Russisch.

Wie gut müssen die Weltraumtouristen Russisch können?

Da reichen Basiskenntnisse. Der Weltraumtourist sollte minimale Anforderungen an die Kommunikation erfüllen können. Sie werden ein halbes Jahr lang auf ihre Reise ins All vorbereitet. Sie bekommen 250 Unterrichtstunden in russischer Sprache.

Was die Fachlexik betrifft, so beginnen wir mit einfachsten Begriffen, wie „einschalten" und „ausschalten" oder „Knopf drücken". Kompliziertere Vokabeln wie „Dichtheitsprüfung", „Druckausgleich", „Hebel gedrückt halten" werden erst in den letzten zwei Monaten der Ausbildung eingeführt.

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