Fehler im System: Ist Russlands Raumfahrt in der Krise?

Trägerrakete Proton-M auf dem Startplatz des Weltraumbahnhofs Baikonur im Mai 2015. Foto: AP

Trägerrakete Proton-M auf dem Startplatz des Weltraumbahnhofs Baikonur im Mai 2015. Foto: AP

Russlands Raumfahrt machte in letzter Zeit vor allem Negativschlagzeilen. Gleich zwei Havarien waren zu beklagen. Experten schlagen mehr private Investitionen und internationale Kooperationen als Wege aus der Krise vor.

Am vergangenen Samstag sind die russische Trägerrakete Proton-M und der von ihr beförderte mexikanische Kommunikationssatellit MexSat-1 vollständig in der Atmosphäre verglüht. Anfang des Monats havarierte der Weltraumlaster Progress-26M bei der Beförderung von wertvoller Fracht für die ISS. Ursächlich dafür sollen Triebwerksprobleme gewesen sein.

Russlands stellvertretender Ministerpräsident Dmitri Rogosin erklärte nun auf Twitter, die Havarien seien „Folge einer Systemkrise der Branche" und forderte Reformen in Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos, vor allem in der Administration.

Experten glauben nicht, dass das ausreichen werde. „Es gibt überall Probleme. Angefangen von den Herstellungsverfahren und der Qualität der Teile bis zur Kontrolle und Ausführung", bemängelt der Leiter des Instituts für Weltraumpolitik Iwan Moisejew. Um die Krise zu überwinden, bräuchte es mehr Ressourcen, auch personell. Die Anfänge der Krise reichten bis in Sowjetzeiten zurück, sagte er, doch es sei nie etwas unternommen worden, um die Probleme zu lösen.

Aktuell begutachtet die russische Regierung ein Dokument, in dem es um die Entwicklung der Industrie für die Jahre 2016 bis 2025 geht. Und darin ist eine Kürzung der Ausgaben für die Erforschung des Weltalls vorgesehen. Das Budget des Föderalen Weltraumprogramms soll um zehn Prozent gekürzt werden, von 38 auf 36 Milliarden Euro. Gespart werden soll vor allem an der Grundlagenforschung und an Transportmitteln, also den Trägerraketen.

 

Russlands Raumfahrt muss für Investoren attraktiv werden

Experten schlagen deshalb vor, private Initiativen zur Erforschung des Weltalls sowie internationalen Kooperationen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Eine Technologieallianz könnte für Russland vorteilhaft sein, meinen sie. Sergej Schukow, Testastronaut und Präsident des Moskauer Weltraumclubs, findet, dass dieser Aspekt im Entwicklungsprogramm der Regierung mehr Beachtung hätte finden sollen. Er denke dabei vor allem an eine engere Zusammenarbeit mit Russlands BRICS-Partnern. Zuvor hatte Roskomsos mitgeteilt, mit den BRICS-Staaten an einem Projekt zu einer neuen Raumstation zu arbeiten, die nach 2024 die ISS ersetzen könnte.

In dem Föderalen Weltraumprogramm äußerte sich Roskosmos auch erstmals über die Notwendigkeit der Unterstützung von Privatinvestitionen. „Wir planen, Produzenten zu unterstützen, die sich mit kleinen Weltraumapparaten beschäftigen", sagte Igor Komarow, Leiter von Roskosmos. „Eine große Nische ist die ferngesteuerte Erdsondierung." Private Investoren könnten zudem dazu beitragen, die Probleme bei den russischen Trägerraketen zu lösen. „Reformen in der Weltraumbranche werden dazu führen, dass die Branche selbst investitionsattraktiv werden wird, es gibt hier ein großes Potential", ist Komarow überzeugt.

Schukow ist anderer Meinung. Er sieht den Staat in der Pflicht: „Ich finde, dass die private Raumfahrt durch den Staat entwickelt werden muss. Es müssen Fördergelder zur Unterstützung privater Initiativen im Programm festgelegt werden. Und dann darf man darauf hoffen, dass die russische Raumfahrt nicht mehr den Haushalt belastet", sagt er.

 

Interessante Projekte sind geplant

Die Experten sind zuversichtlich, dass die systembedingten Probleme der russischen Raumfahrt trotz aller Schwierigkeiten dennoch gelöst werden können. „Die Systemkrise wird noch eine Weile andauern, doch dann wird

sich die Lage stabilisieren", meint Moisejew. „Roskosmos wird nun, wohl oder übel, die technischen Kontrollen in den Unternehmen ausweiten müssen. Dann wird es einen Aufschwung geben", ist er sich sicher.

Obwohl eine Ausgabenkürzung droht, plant Roskomsos in Zukunft einige interessante Projekte umzusetzen. In den kommenden zehn Jahren soll zum Beispiel aktiv nach außerirdischem Leben gesucht werden. Ab 2018 will die Raumfahrtbehörde eine neue Trägerrakete der mittleren Klasse entwickeln, die den Namen Fenix tragen soll. Sie könnte die Sojus-Klasse ersetzen. Nach vorläufigen Angaben war es ein Fehler an der "Sojus 2-1a"-Rakete, der die Havarie von Progress verursacht hatte.

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