Russlands Raumfahrt: Was bringt die Zeit nach Baikonur?

Weltraumbahnhof Baikonur, 1980. Foto: Photoshot/Vostock Photo

Weltraumbahnhof Baikonur, 1980. Foto: Photoshot/Vostock Photo

Für RBTH sieht sich Alina Poroschina auf dem Weltraumbahnhof Baikonur um, der vor 60 Jahren seine Arbeit aufnahm. Zuvor aber besucht sie den neuen, sich noch im Bau befindliche Kosmodrom Wostotschny. Beide Orte symbolisieren die Vergangenheit und Zukunft der russischen Raumfahrt.

Baikonur ist der erste und weltweit größte Weltraumbahnhof. Von hier aus flogen die Weltraumhunde Belka und Strelka in den Kosmos und von hier aus startete auch Gagarin als erster Mensch in den Weltraum. Nach dem Zerfall der UdSSR fand sich Baikonur mit einem Mal auf dem Territorium eines anderen Landes wieder. Heute gehört der Weltraumbahnhof zu Kasachstan, Russland darf die Einrichtungen lediglich auf Grundlage eines Pachtvertrags nutzen. Obwohl dieser noch bis 2050 gilt, beschloss Russland 2007 einen eigenen Weltraumbahnhof zu bauen. Dieser soll in der Oblast Amur in Russlands Fernem Osten entstehen.

 

Eine Wüste inmitten der Oase

Vor dem Flug nach Baikonur besuche ich Wostotschny. Abends geht es mit dem Flugzeug von Moskau aus nach Blagoweschtschensk. Einschlafen kann ich nicht und schaue unentwegt aus dem Fenster auf die sich wandelnden Wolken und die tiefrote Sonne. Der Flug dauert fast sieben Stunden. Danach nehmen wir das Auto und fahren weitere vier Stunden auf einer holprigen Landstraße nach Uglegorsk. Hier und da laufen schwarze Eichhörnchen und graue Hasen über den Weg. An einem steilen Hang des Seja-Ufers machen wir Halt. Die Landschaft raubt mir den Atem.

Am nächsten Tag fahren wir gleich zur Baustelle des Weltraumbahnhofs Wostotschny: zwanzig Minuten Fahrt im dichten, undurchdringlichen Sandstaub. Das Bauwerk, das wir endlich erreichen, steht an seinem Ausmaß der Natur ringsum in nichts nach. Die Handwerker sind an Inspektionen gewöhnt und schenken uns nahezu keine Aufmerksamkeit. „Na, ob sich die Reise gelohnt hat? Was wollt ihr hier denn sehen", fragte uns gutmütig ein stämmiger, grauhaariger Mann. „Hier gibt es nichts als Zaun, Sand und Wachhunde." Doch in dem Sand sind schon die Umrisse der Startrampe zu erkennen. Und in der nahegelegenen Siedlung wächst allmählich die zukünftige Stadt Ziolkowsky.

Baustelle des Weltraumbahnhofs Wostotschny. Foto: RIA Novosti

Hier entsteht neue Weltraumgeschichte. Das Kosmodrom Wostotschny wird Russland einen unabhängigen Zugang zum Kosmos ermöglichen. Mit der Zeit soll es zum wichtigsten Zentrum für Weltraumforschung ausgebaut werden, neue Möglichkeiten für die Entwicklung des Fernen Ostens bieten und der russischen Weltraumsparte neue Impulse verleihen. Allerdings wird die Inbetriebnahme des Kosmodroms immer wieder verschoben und der Bau selbst wird von Korruptionsskandalen begleitet.

 

Eine Oase inmitten der Wüste

Baikonur. 2013. Start des Raumschiffes Sojus TMA-11M mit der olimpischen Fackel der Sotschi-Winterspielen. Foto: Photoshot/Vostock Photo

Bis zum Tag des aufregenden Fluges nach Baikonur muss ich so viele Briefe und Anfragen an alle Instanzen richten, dass die ganze Vorfreude zum Schluss gegen Null tendiert: Jeder Schritt muss abgestimmt werden. Für jedes Objekt ist eine Sonderzugangsgenehmigung erforderlich, mein Smartphone läuft heiß.

Etwas über drei Stunden dauert der nächste Flug, wobei sich während der letzten Flugstunde die Landschaft weit unten am Boden kaum verändert. Wir landen in der Steppe. Am Flughafen „Krainij" holt mich Tatjana, eine Mitarbeiterin des Kosmodrom-Sicherheitsdienstes, ab. Wir passieren unzählige Kontrollposten. Ich halte es nach einer weiteren Kontrolle nicht mehr aus: „Tatjana, ich verstehe, dass in den 1960ern alles geprüft werden musste, aber heute wird es wohl kaum Fälle von Spionage geben?" „Das glauben Sie zu Unrecht. Hier bei uns kommt so einiges vor." Die Verwunderung ist mir von den Augen abzulesen. Tatjana sagt aber kein Wort mehr und gibt mir zu verstehen, dass keine Details folgen werden.

Juri Gagarin vor seinem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur, 1961. Foto: TASS

Endlich die letzte Etappe – die Stadteinfahrt. Am Tor steht ein nachdenkliches Kamel. Kaum passieren wir den Kontrollposten, ist die Straße von grünen Bäumen umzäunt, als ob wir uns plötzlich in einer anderen Klimazone befinden. Mit einem Bein steht die Stadt noch in der Sowjetzeit. Das ist allgegenwärtig: ein zentraler Markt, Transparente. Die halbe Stadt trägt die gleiche Arbeitskleidung. Alle arbeiten sie am Kosmodrom.

 

Bei Null anfangen

Die ganzen drei Tage, die ich in Baikonur verbringe, werde ich von Tatjana begleitet. „Wissen Sie, ich bin jetzt 43. Und ich weiß nicht, wie es weiter geht. Mein ganzes Leben, alles ist hier. Dass man uns beim Kosmodrom nicht übernehmen wird, ist mir klar. Ich weiß nicht, was aus uns werden soll. Man sagt zwar, dass Baikonur bis 2050 unverzichtbar bleibt, aber man weiß nie", sagt sie. Ich schweige und staune über ihre Sorgen. Sie ist bereit, in die Amur-Region umzusiedeln und neu anzufangen; noch einmal.

Info

Vom Weltraumbahnhof Baikonur aus erfolgte mehr als die Hälfte aller Weltraumstarts. Von hier aus starteten der erste künstliche Erdsatellit, die Raumschiffe der Baureihen Wostok, Woschod und Sojuz, die Raumstationen Salut und Mir, das Raumfahrtsystem Energija-Buran, die interplanetaren Weltraumsonden sowie Forschungs- und Militärsatelliten. Bis heute ist das Kosmodrom führend bei der Anzahl jährlicher Starts.

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