Ihr Gesicht verrät über Sie mehr, als Sie denken

Egor Tsvetkov
21-jähriger aus Russland nimmt neuronales Netzwerk ins Visier.

Your Face Is Big Data“ – heißt das Projekt des 21-jährigen Sankt-Petersburger Fotografen Jegor Zwetkow.

Eineinhalb Monate lang fotografierte er in seiner Freizeitstudie Menschen in der U-Bahn und suchte anhand der entstandenen Bilder ihre Profile im größten russischen Netzwerk „VKontakte“. Dafür verwendete er die FindFace-App – ein auf selbstlernenden Algorithmen basierendes biometrisches Tool.

Die Idee zu seinem Projekt sei ihm gekommen, als er von der App erfahren habe: „Ich wusste sofort, dass ich Menschen zeigen will, wie dieses neuronale Netzwerk funktioniert“, erklärt der Bildermacher.  

Die Projektteilnehmer habe er, so Jegor, zwar ungefragt, aber ganz offen fotografiert. Größtenteils hätten sie auf ihn gar nicht reagiert.

Ohne mit den Probanden je in Kontakt getreten zu sein, habe er eine ganze Menge über sie erfahren können: „In 70 Prozent der Fälle konnte ich die Menschen problemlos finden“, erklärt der Fotograf.

Überwältigend war für den 21-Jährigen der Unterschied zwischen dem realen Bild und dem virtuellen Profil seiner Testpersonen. Ein auf den ersten Blick schüchtern und verdrießlich aussehender Mensch entpuppte sich auf seinem VKontakte-Account als Partykönig oder Extrem-Freizeitsportler.

Permanente Transparenz

Foto: Egor Tsvetkov

Den Dozenten für Psychophysiologie an der psychologischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität, Stanislaw Koslowskij, überrascht die Abweichung hingegen überhaupt nicht: „In den sozialen Netzwerken stellen die Menschen sich meist so dar, wie sie von anderen wahrgenommen werden wollen. Dass diese Darstellung sich von der Wirklichkeit unterscheidet, ist vom psychologischen Standpunkt allzu verständlich“, sagte der Wissenschaftler.

Die neue Technologie raube uns das Recht auf Privatsphäre, bringt es Jegor auf den Punkt. „Mein Projekt ist ein anschauliches Beispiel dafür, welche Zukunft uns erwartet, wenn wir uns in den sozialen Netzwerken weiterhin derart entblößen“, resümiert der 21-Jährige.

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