WhatsApp & Co: Messenger-Verbot für russische Beamte?

Reuters
Russische Gesetzgeber befürchten, dass selbst verschlüsselte Kommunikationsdienste unsicher sein könnten. Laut Experten könnten Geheimdienste Sicherheitslücken nutzen, um auf Daten zuzugreifen. Nun wird reagiert.

Die praktische Verwendung von Messengerdiensten wie WhatsApp spricht nicht nur normale Nutzer an, sondern auch Staatssekretäre, Minister, Vize-Ministerpräsidenten sowie die Opposition. Im Jahr 2015 zum Beispiel hatte die ganze Welt erfahren, dass die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton geheime Informationen von ihrer privaten, ungeschützten Email-Adresse aus versandt hatte.

In den vergangenen drei Jahren lehrte in Russland die Hacker-Gruppe Schaltaj-Boltaj den Beamten das Fürchten. Sie veröffentlichte regelmäßig Ausschnitte aus Korrespondenzen einflussreicher Regierungsbeamter, unter anderem die des Ministerpräsidenten Dmitri Medwedjew. Die vollständigen Unterhaltungen verkaufte sie anschließend im Tausch für die digitale Währung Bitcoins.

Die geleakten Korrespondenzen stammten sowohl von russischen als auch ausländischen Email- und Messengerdiensten. So unterhielt Medwedjews ein Email-Postfach beim russischen Anbieter Yandex. Gezielt angegangen werden nun ausländische Anbieter – aus Gründen der nationalen Sicherheit.

Am Montag übergab das russische Informationsministerium einen Gesetzesentwurf an den Präsidenten, der ein Verbot von mobilen ausländischen Messengerdiensten für Beamte und Militärdienstleistende vorsieht.

Was verboten werden könnte

Die Rede ist von den ausländischen Messengern WhatsApp, Viber und Telegram sowie von Skype und Gmail. Nach Schätzungen der Zeitung „Kommersant“ könnten diese Dienste bei einem solchen Verbot mehr als 2,5 Millionen Nutzer verlieren. Laut TNS nutzten im März 2016 beinahe 22 Millionen Russen die Messenger Skype, WhatsApp, Viber und Telegram.

Einer Quelle des „Kommersant“ zufolge habe die Serie von Hacker-Attacken der Gruppe Schaltaj-Boltaj die Sorgen der Verantwortlichen ausgelöst. Öffentlich wird die Notwendigkeit eines Verbots mit dem möglichen Verlust geheimer Informationen an westliche Geheimdienste begründet.

Im Gespräch mit RBTH gibt der Analyst des Russischen Verbandes für elektronische Kommunikation Karen Kasarjan zu bedenken, dass sich die geschützten Email-Dienste, die in staatlichen Institutionen verwendet würden, auf dem Stand der Technik im Jahr 2004 befänden. Sie seien deshalb für moderne Anwendungsmöglichkeiten oft völlig ungeeignet. „Was das Interface betrifft, sind sie völlig veraltet. Moderne Messenger sind dagegen einfach praktisch“, sagt Kasarjan.

Russischer Ersatz soll her

Russische Beamte lieben diese Messenger, vor allem Telegram, das vom Gründer des sozialen Mediums Vkontakte, dem russischen Pendant zu Facebook, Pawel Durow entwickelt wurde. Sie hielten dieses Programm für das sicherste, sagte der Berater des russischen Präsidenten für Fragen des Internets German Klimenko im Rahmen eines Treffens in der Präsidialverwaltung.

Die Betreiber der ausländischen Messenger geben sich bislang unbesorgt. „Wir glauben, dass private Korrespondenz nach wie vor in den vertrauten Messengern stattfinden wird“, sagt Jelena Gratschowa, Vertreterin von Viber Media in Moskau, gegenüber RBTH.

Die Präsidialverwaltung hingegen beschloss bereits, wer mit der Entwicklung eines Ersatz-Messengers beauftragt werden soll. Ein Angebot wurden dem Präsidenten des russischen Technologieunternehmens Mail.Ru Group sowie dem Institut für die Entwicklung des Internets unter Leitung Klimenkos unterbreitet.

Mit der Vergabe des Auftrags an Mail.Ru Group ist Klimenko jedoch nur bedingt zufrieden. Schließlich gebe es genug Unternehmen, die einen Messenger entwickeln könnten, ohne dies durch Steuergelder zu finanzieren. „Es wäre schön, wenn das öffentlich geschehen würde, im Rahmen eines Wettbewerbs“, glaubt er.

Erfolg der Verschlüsselung ist strittig 

Gratschowa hingegen betont, dass Viber seit der Einführung einer End-to-End-Verschlüsselung und versteckten Chats zu den sichersten Messengern gehöre.

„Verschlüsselungen basieren auf dem End-to-End-Prinzip. Theoretisch ist ein Zugang zur Korrespondenz nur über das Smartphone des Nutzers möglich. So funktionieren Telegram und der von Edward Snowden gepriesene Messenger Signal – und seit Kurzem auch WhatsApp und iMessage“, erklärt Kasarjan.

Allerdings widerlegten Experten die Unverwundbarkeit dieser Art der Verschlüsselung bereits und veröffentlichten im Netz Anweisungen für das Hacken von eigentlich versteckten Chats. Deshalb sei das Gerede von der Unmöglichkeit eines Zugriffs auf die Korrespondenz durch die Geheimdienste schlicht falsch, glaubt Natalja Kasperskaja, Generaldirektorin der Unternehmensgruppe InfoWatch. „Leider verfügen alle modernen Messenger über Backdoors – eine Zugriffsmöglichkeit von außerhalb durch die Geheimdienste. Nicht durch die unseren, sondern die ausländischen“, sagt sie.

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