Hoffnung für Locked-in-Patienten: Mit reiner Gedankenkraft

 Patient and nurse during the examination

Patient and nurse during the examination

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Russische Wissenschaftler der Lomonossow-Universität arbeiten an einer Lösung, die es vollständig gelähmten Menschen ermöglichen soll, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Die Patienten sollen sich auch weltweit vernetzen können.

Rund 400 000 Menschen im Jahr verlieren in Russland infolge eines Schlaganfalls, eines Schädel-Hirn-Traumas oder einer anderen Krankheit die Bewegungsfähigkeit. Einige sind fast vollständig gelähmt und können sich weder sprachlich noch durch Bewegungen verständlich machen.

Diese Menschen, die am sogenannten Locked-in-Syndrom leiden, sind bei vollem Bewusstsein und können alles fühlen – die Temperatur in ihrem Krankenzimmer, die Schmerzen vom dauerhaften Liegen in einer Position. Sie können alles hören und verstehen, aber ihr Verstand befindet sich in Gefangenschaft ihres nahezu unbeweglichen Körpers.

Ein Zwinkern heißt „Ja“

In solchen Fällen kommt es auf den Überlebenswillen des Patienten und die Geduld der Angehörigen an. „Die hohe Sterblichkeitsrate bei gelähmten Menschen nach einem Schlaganfall hat ihre Ursache vor allem in der fehlenden Motivation des Kranken und der Verwandten in seinem Umfeld“, erklärt Natalia Galkina, die mit ihrem Unternehmen Neurotrend auf die Entwicklung von technischen Lösungen für Locked-in-Patienten spezialisiert ist.

Im Falle des durch einen Schlaganfall gelähmten Jean-Dominique Bauby beispielsweise gab es eine geduldige Krankenschwester, mit deren Hilfe der ehemalige Chefredakteur des Magazins „Elle“ sogar ein Buch schreiben konnte. Die Krankenschwester zählte langsam die Buchstaben des französischen Alphabets auf und Bauby zwinkerte mit dem linken Auge, wenn der entsprechende Buchstabe genannt wurde. Das Buch „Schmetterling und Taucherglocke“ wurde 1997 veröffentlicht.

Für Patienten, die sich gar nicht mehr bewegen können, hat Natalia Galkina mit ihrem Team Neurochat entwickelt. Mithilfe dieser Technologie sollen Patienten sich nicht nur verständlich machen, sondern auch beruflich tätig sein können: als Programmierer, Übersetzer oder Schriftsteller, so hofft Galkina.

Kommunikation soll weltweit möglich sein

Neurochat ist ein Interface zwischen dem menschlichen Gehirn und einem Computer. Um die Gedanken des Patienten in Computerbefehle zu verwandeln, verwenden die Entwickler das Verfahren der Demodulation. Dieses wird schon seit Langem zur Messung der Hirnaktivität (EEG) angewandt. Neurochat geht jedoch noch einen Schritt weiter.

Mithilfe einer drahtlosen Haube mit Elektroden auf dem Kopf des Gelähmten werden die „gedanklichen Absichten“ via Bluetooth an den Computer übertragen. Menschen können ihre Gedanken sowohl mithilfe von Buchstaben als auch von Symbolen ausdrücken. Mit einem Symbol kann man zum Beispiel zu verstehen geben: „Ich habe Schmerzen“, „Ich möchte essen“, „Ich bin glücklich“. Oder aber man stellt Wörter und Sätze mithilfe von Buchstaben zusammen.

Anfang dieses Jahres erfolgte ein erster Produkttest an zehn Locked-in-Patienten. Wegen einer infolge der Krankheit eingeschränkten Aufmerksamkeit der Probanden und deren psychischer Erschöpfung lag die Genauigkeit der Technologie im Probebetrieb laut Unternehmen bei 95 Prozent.

Das große Ziel von Natalia Galkina und ihrem Team ist es, Locked-in-Patienten Zugang zum Internet zu verschaffen wie beispielsweise zu sozialen Netzwerken und E-Mails. Sie sollen Mitteilungen schreiben, Dokumente verschicken und Apps verwenden können. Außerdem wollen die Entwickler Patienten aus verschiedenen Ländern miteinander vernetzen, indem sie einen Übersetzungsdienst in ihre Lösung integrieren.

Die Entwicklung steht erst am Anfang 

Ärzte und Pfleger sehen eine große Chance in der Entwicklung. „Wir arbeiten bereits seit über zehn Jahren in diesem Bereich und in dieser Zeit hatten wir mit Tausenden von Menschen mit gravierenden Störungen des Sprach- und Bewegungsapparats zu tun“, erzählt Ruslan Kurbanow, Leiter des Sozialdienstes der Rehabilitationsklinik Preodolenije („Überwindung“). „Gegenwärtig steuern die Patienten Computer oder Telefon im Wesentlichen mithilfe der Nase oder der Zunge. Dank Lösungen wie Neurochat können Menschen mit spinalen Störungen und Lähmungen wieder sozial aktiv werden.“

Doch bis zur Marktreife wird es noch etwas dauern. Das Labor für Neurophysiologie und Neuro-Computerschnittstellen der Biologischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität, das diese Lösung entwickelt, arbeitet bereits seit zwei Jahren an Neurochat. Und so viel Zeit wollen die Wissenschaftler auch weiter in das Produkt stecken. „In zweieinhalb Jahren wird die erste Serie von 500 Stück zur Erprobung bereitstehen“, sagt Laborleiter Alexander Kaplan.

In der Basisvariante soll die Lösung etwa 90 Euro kosten. „Der Preis wird aber von den im Apparat und der Haube eingesetzten Materialien abhängen“, erklärt Kaplan. Außerdem ist eine Leasingvariante geplant. Nach Anlauf der Pilotserie wollen die Neurochat-Entwickler gemeinsam mit Spezialisten der University of Southern California Medical School Versuche mit Patienten aus Russland durchführen.

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