Zuhause im Fremden Land

80 Prozent aller Migranten in Russland kommen aus Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten – einem Zusammenschluss von elf Ex-Sowjetrepubliken mit Ausnahme Georgiens und der Baltischen Staaten.

80 Prozent aller Migranten in Russland kommen aus Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten – einem Zusammenschluss von elf Ex-Sowjetrepubliken mit Ausnahme Georgiens und der Baltischen Staaten.

Juri Kozyrew/NOOR
Die Russen beobachten die Flüchtlingskrise in Europa mit Besorgnis. Denn auch ihr Land ist das Ziel von Millionen Menschen geworden, die ein würdiges und sicheres Leben suchen.

Es war eine harmlose Kontrolle der Polizei, die Raschid zum Verhägnis wurde. Ein Mal den Ausweis zeigen. Mehr nicht. Nun steht sein Name auf einer schwarzen Liste der Einreisebehörden.

Der 20-Jährige war letztes Jahres aus Tadschikistan nach Moskau gekommen. Doch seine Frist von 90 Tagen – solange darf ein Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis in Russland bleiben – ist abgelaufen. Nun wird er sich nie mehr legal in Russland aufhalten können. Er hat keine Ausbildung und spricht gebrochen Russisch. Seine Bleibe ist eine Mietswohnung in einem Plattenbau am Moskauer Stadtrand. Die zwei Zimmer teilt er sich mit der Familie seines älteren Bruders und einigen anderen Menschen.

Dennoch fand er einen Weg in Moskau zu bleiben, wie die meisten seiner Landsleute, die nach Russland kommen. Seine Jobs sind eintönig, meist arbeitet er als Aushilfe auf dem Markt. „Ich verdiene 20 000 Rubel (rund 260 Euro) im Monat, manchmal weniger“, sagt er. Das ist ein Drittel des Moskauer Durchschnitts, aber mehr als nichts. Genau das bekäme er, wenn er zuhause bliebe. „Hier habe ich Familie. Sie werden mich schon nicht hängen lassen“, ist er sich sicher.

Der junge Tadschike ist einer von Hunderttausenden Migranten, die jedes Jahr nach Russland strömen. Gebannt verfolgen die Russen die Flüchtlingskrise in Europa, weil viele glauben, Parallelen zur Situation im eigenen Land zu sehen.

Ein wunder Punkt

Die meisten Migranten kommen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Russland. Von ihrem Umzug versprechen sie sich bessere Jobs und höhere Löhne als in ihrer Heimat. Was sie als Geringqualifizierte normalerweise erwartet, sind Baustellen, Stadtreinigung oder Einzelhandel.

Laut Einschätzung von Nikolai Kurdjumow, dem Präsidenten des internationalen NGO-Verbands „Arbeitsmigration“, kommen 80 Prozent aller Migranten in Russland aus Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten – einem Zusammenschluss von elf Ex-Sowjetrepubliken mit Ausnahme Georgiens und der Baltischen Staaten.

Für GUS-Bürger gilt keine Visumspflicht. Sie können ganz legal nach Russland einreisen und bis zu 90 Tage im Land bleiben. Viele bleiben länger und landen in der Schattenwirtschaft.

„Dass der allergrößte Teil der Migranten in Russland keine Aufenthaltserlaubnis hat, tut am meisten weh“, sagt Muhammad Amin Madschumder, Vorsitzender des Verbands der Migranten in Russland. Von den zehn Millionen Einwanderern würden sich nur 1,5 Millionen legal im Land aufhalten.

Unerhebliche Ordnungswidrigkeiten können den Weg in die Legalität versperren. Die kleinste Überschreitung der 90-Tage-Grenze reicht schon aus, um Migranten auf die schwarze Liste zu setzen. Damit rückt eine Arbeitserlaubnis für sie in unerreichbare Ferne. Über zwei Millionen Menschen stehen in Russland auf einer solchen Liste und leben gezwungenermaßen illegal. 

Integrationsschwierigkeiten

Dass in einer solchen Situation an erfolgreiche Integration nicht zu denken ist, wundert nicht. Viele Einwanderer leben unter erbärmlichsten Umständen im wahrsten Sinne am Rande der Gesellschaft. Sie hausen in Kellern und Schuppen oder suchen sich andere verlassene Plätze. Eigeninitiative zum Russischlernen kommt da nur schwer auf.

Als Russland Ende 2014 in die Rezession abrutschte und der Rubel kollabierte, häuften sich die Berichte darüber, dass Arbeitsmi-granten Russland in großer Zahl verlassen.
Dennoch wäre es verfrüht, über einen Massenexodus von Migranten aus Russland zu sprechen, sind Experten sich sicher.

„Viele bleiben bis heute“, sagt Wassilij Krawzow, Vorsitzender der Wohltätigkeitsorganisation „Migration XXI. Jahrhundert“. „Dafür gibt es einen eindeutigen Beleg: die Geldmenge, die sie ihren Familien in die Heimat schicken. In Rubel gerechnet sind diese Beträge nicht kleiner geworden, sondern steigenim Gegenteil an.“

Selbst wenn einige Gastarbeiter aus Zentralasien zurück gegangen seien, sei ihre Abwanderung durch die Ankunft von mehr als zwei Millionen Flüchtlingen aus der kriegsgeplagten Ukraine mehr als wettgemacht worden, so Krawzow weiter.

Die mangelnde Integration bereitet einen fruchtbaren Boden für Fremdenfeindlichkeit. Viele Einheimische haben Angst, dass Migranten ihnen die Jobs wegnehmen und für höhere Kriminalitätsraten sorgen könnten. Die Fakten sprechen klar dagegen. „Der Gedanke, Migranten würden Russen ihre Jobs wegnehmen, ist einfach falsch“, sagt Kurdjumow. „Die meisten nehmen schlechtbezahle Jobs an, an denen Russen gar nicht interessiert sind.“

Auch der angebliche Anstieg der Kriminalität durch Migranten ist nur ein Gerücht. Zwischen Januar und Juli dieses Jahres wurden nach Angaben des Innenministeriums lediglich zwei Prozent aller in Russland verübten Straftaten von ausländischen Bürgern begangen.

Lösungsansätze

Das Problem illegaler Migranten bleibt weiterhin akut. Erste Maßnahmen zur Verbesserung der Situation treffen russische Behörden bereits. Eine wesentliche Veränderung gilt seit diesem Jahr. Nun ist es Migranten aus der GUS möglich, anstelle einer Arbeitserlaubnis ein „Patent“ – eine Art Green Card – zu erwerben. Anders als bei amtlichen Arbeitsgenehmigungen kann der Besitzer eines solchen Patents seinen Arbeitgeber wechseln. Außerdem wurde das Verfahren zum Erwerb eines solchen Zertifikats vereinfacht. Natürlich hat das neue System auch Nachteile.

In Moskau werden für ein Patent 60 000 bis 70 000 Rubel (800 bis 935 Euro) pro Jahr fällig, was die Budgets der meisten Einwanderer übersteigt. Das bietet Raum für Fälschungen und Korruption. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele der für die Patente notwendigen Kranken-
versicherungspolicen und Sprachzertifikate bei dubiosen Firmen einfach gekauft werden. Die wollen die Situation ausnutzen und sich bereichern“, sagt Krawzow. „Viele Migranten arbeiten weiterhin illegal.“ Sie schmierten einfach die örtliche Polizei. „Wenn auch nur einige Migranten durch das neue System der Schattenwirtschaft entfliehen, ist es zweifellos ein Erfolg“, betont Kurdjumow.

In einer Rede im April des vergangenen Jahres sagte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin über die ersten Ergebnisse der neuen Migrationspolitik, dass die Einnahmen aus dem Verkauf der Patente zu Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um das Vierfache gestiegen seien. Das sei ein Beleg für den angeblichen Erfolg der Reformen. Ob diese Einnahmen die Situation von Menschen verbessern, die wie Raschid aus Tadschikistan ein Schattendasein führen müssen, ließ der Bürgermeister allerdings offen.

Geldüberweisungen

Wie viel Geld schicken legale Arbeitsmigranten nach Hause? Die meisten von ihnen stammen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und versprechen sich höhere Löhne als in ihrer Heimat.

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