Tolstois Anna Karenina als Musical auf der Bühne

14. November 2016 Julia Shevelkina
Im vergangenen Monat feierte Leo Tolstois „Anna Karenina“ Musical-Premiere. Es ist eines der ersten Musicals aus russischer Feder. Im Land des Theaters war das Gerne bislang eher unbekannt. Nun aber häufen sich die Produktionen.
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„Anna Karenina“ ist das dritte original russische Musical im Moskauer Operettentheater. Die Rolle von Karenina spielt hier Walerija Lanskaja. Quelle:Press photo

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise“. Diesen Satz, der zu den berühmtesten der Weltliteratur zählt, kennen viele auswendig. Er ist der Auftakt zu Leo Tolstois Monumentalwerk Anna Karenina.

Die tragische Geschichte einer Liebe wurde mehr als 30 Mal verfilmt und schaffte es auf zahlreiche Theater- und Ballettbühnen. Aber erst im Jahr 2016 wurde der gewaltige Stoff des russischen Klassikers zur Vorlage für ein Musical. Das gleichnamige Stück wurde im Moskauer Operettentheater im Oktober erstmals aufgeführt.

Russische Musicals

Mit „Anna Karenina“ ist im Moskauer Operettentheater das dritte original russische Musical entstanden. Der Produzent Alexei Bolonin hatte einige Jahre lang Lizenzen für die Aufführung westlicher Musicals erworben. Dank seines Einsatzes kamen Anfang der 2000er-Jahre „Metro“, „Notre Dame de Paris“ und „Romeo & Juliette“ auf russische Bühnen. „Damals war die Kultur des Musicals bei uns noch nicht so weit entwickelt. Selbst der Begriff für dieses Genre war dem russischen Publikum fremd“, erinnert sich Bolonin. „Heute wird das Musiktheater allgemein rezipiert. Wir sind soweit, eigene Produktionen zu zeigen.“

Die erste eigene Aufführung im Operettentheater war „Monte Christo“. Das Musical nach dem Roman von Alexandre Dumas feierte 2008 Premiere.

Trailer des Musicals "Monte Christo". Quelle: Youtube

Im Jahr 2012 folgte „Graf Orlow“, die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang des berühmten Untergebenen von Katharina der Großen. Das Libretto zu beiden Aufführungen schrieb der russische Barde und frühere sowjetische Dissident Julij Kim, die musikalische Komposition ist von Roman Ignatjew. Dieses Team setzte auch das Projekt „Anna Karenina“ musikalisch um.

Der eigentliche Held des neuen Musicals ist ein Zug. Er blendet den Zuschauer zu Beginn, unter ihm verschwindet Karenina im Finale. Ein gewaltiges Rad beherrscht das Bühnenbild. Es schwebt unter der Decke in dauernder Bewegung, ein Symbol des Schicksals und Verderbens. Das gesamte Arrangement fügt sich in die Klänge eines „Symphonic Rock“, wie Kritiker den von einem Live-Orchester umgesetzten musikalischen Stil bezeichneten.

Trend zur Klassik erkennbar

Die erste Szene des Musicals: Ein Rad und ein Zug prägen das Bühnenbild. Pressebild

Die erste Szene des Musicals: Ein Rad und ein Zug prägen das Bühnenbild.

Anna Karenina im Theater: Eine nicht willkommene Person.  Pressebild

Anna Karenina im Theater: Eine nicht willkommene Person. 

Ein Bahnhofaufseher erinnert ab und zu daran, dass wir alle ohne Rückfahrschein unterwegs sind.  Pressebild

Ein Bahnhofaufseher erinnert ab und zu daran, dass wir alle ohne Rückfahrschein unterwegs sind. 

 
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„Tolstois Roman eignet sich besonders gut als Vorlage für ein Musical, er liefert alle wichtigen Bestandteile. Und vor allem handelt er von Beziehungen und der Liebe“, erklärt Bolonin seine Entscheidung für das Stück. „Wir können mit den Mitteln dieses Genres natürlich keine philosophischen Gedanken entwickeln. Aber einige markante Merkmale von Tolstois Werk haben wir in der Szenographie und den Liedkompositionen aufgegriffen, an manchen Stellen arbeiten wir mit direkten Zitaten aus dem Roman.“

Die Produzenten von „Anna Karenina“ folgen mit ihrem Sujet einem seit einigen Jahren anhaltenden Trend im russischen Theater. 2014 führte das Sankt Petersburger Theater für Musikkomödie ein Musical nach Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ auf. 2015 zeigte die Music Hall der Metropole an der Newa das Stück „Onegin“. Im März 2016 präsentierte das Moskauer Musicaltheater anlässlich des 150. Geburtstags Fjodor Dostojewskis die Rock-Oper „Schuld und Sühne“.

In dieser Reihe lässt sich auch das Musical „Nord-Ost“ nach Wenjamin Kawerins Roman „Zwei Kapitäne“ aufzählen, das 2001 am Moskauer Dubrowka-Theater uraufgeführt wurde und traurige Berühmtheit erlangte: Nach der Geiselnahme im Jahr 2002 erholte sich das Musical nicht wieder und wurde bald darauf eingestellt.  

Große Dramen

Anna Karenina singt ein Wiegenslied für ihren Sohn. PressebildAnna Karenina singt ein Wiegenslied für ihren Sohn. Pressebild

„Anna Karenina“ lässt auf den ersten Blick jene eingängigen Hits vermissen, die für Produktionen wie „Phantom der Oper“ oder „Cats“ typisch sind. Es gibt dafür ein russisches Wiegenlied, das Karenina für ihren Sohn in einem Moment der vollkommenen Stille singt. Es gibt den Part des Bahnhofaufsehers, der daran erinnert, dass wir alle ohne Rückfahrschein unterwegs sind. Es ist die Dramatik, aus der die Lieder gewoben sind. Und vor allem darin unterscheidet sich das russische Musical vom westlichen Pendant.

„Russland ist das Land des Theaters. Auf der Bühne stehen Schauspieler, die in weltweit führenden Theaterschulen ausgebildet wurden. Daher ist das Musical in Russland nicht nur Gesang, sondern ein vollständiges Bühnenstück”, erklärt Bolonin. Schon allein deshalb lohnt sich ein Besuch.

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