„Mehrere Monate Propaganda haben ihre Spuren hinterlassen“

11. Oktober 2016 Jekaterina Tschulkowskaja
RBTH sprach mit dem Historiker, Türkeiexperten und Vize-Direktor des Russischen Forschungsinstituts für Kultur- und Naturerbe, Jewgenij Bachrewskij, über 
die russisch-türkischen Beziehungen.
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Die Krise hat sich sehr negativ auf die in Russland lebenden Türken ausgewirkt. Quelle:AP

Türkei-Experte Jewgenij Bachrewskij. Foto: Alexej Filippow/RIA NowostiTürkei-Experte Jewgenij Bachrewskij. Foto: Alexej Filippow/RIA NowostiWährend der sieben Monate andauernden Krise in den russisch-türkischen Beziehungen haben beide Seiten sehr viel „Porzellan zerschlagen“ – die Beziehungen haben sich in sämtlichen Bereichen verschlechtert. Haben die feindlichen Stimmungen in den beiden Ländern zugenommen?

Ohne Zweifel ist die russlandkritische Stimmung in der Türkei und die anti-türkische in Russland stärker geworden, und zwar sehr deutlich. Mehrere Monate massiver Propaganda haben ihre Spuren hinterlassen. Zumal in den beiden Ländern solcher Art Auseinandersetzungen praktisch ein Teil der nationalen Kultur sind und sich nicht zuletzt in der Kunst und in Sprichwörtern widerspiegeln. Zum Beispiel sagt man in der Türkei „Moskov geldi“ – der „Moskowiter ist gekommen“, was eine absolute Zerstörung beschreibt.

In der Geschichte gab es zwischen den Ländern viele Kriege. Kann man von einem historischen Misstrauen sprechen?

Der Russisch-Türkische Krieg nimmt eine wichtige Stellung in der Geschichtsschreibung der beiden Länder ein. So titeln zum Beispiel russische Medien beim Besuch der türkischen Fußball-
Nationalmannschaft: „Die Janitscharen kommen“. Dabei sind die Janitscharen für die Türken eine rein historische Erscheinung, ohne jeglichen emotionalen Unterton. Ein historischesMisstrauen besteht zweifellos immer noch.

Die russisch-türkischen Beziehungen beruhten auf der Freundschaft zwischen Putin und Erdogan. Werden die Beziehungen zwischen den beiden Präsidenten wieder wie früher?

Ich glaube, das Verhältnis zwischen den beiden Präsidenten wird nie wieder das alte werden. Dabei sind Putin und Erdogan Pragmatiker, beide Länder brauchen einander, weshalb die Beziehungen sich wohl recht schnell normalisieren werden.

Die größte türkische Diaspora gibt es in Deutschland. Die türkische Führung weiß um deren Rolle und ist deshalb bemüht, aktiv mit den türkischen Gemeinden in Deutschland zu arbeiten, was häufig zu Konfliktsituationen mit der deutschen Bundesregierung führt. Übt Ankara denn auch einen aktiven Einfluss auf die türkische Diaspora in Russland aus? 

Die türkische Diaspora ist nicht sehr groß, der größte Teil sind Familienmitglieder aus Mischehen und Personen, die nach einem langjährigen Arbeitsaufenthalt im Land geblieben sind. Die meisten von ihnen haben ein kritisches 
Verhältnis zu Erdogan. Wenn also Ankara in irgendeiner Weise Einfluss auf die Diaspora in Russland nimmt, so spielt dieser eine äußerst unbedeutende Rolle in den bilateralen Beziehungen.

Wie sieht es mit der russischen Diaspora in der Türkei aus? Welchen Einfluss übt Russland auf seine Bürger dort aus? 

Die Diaspora in der Türkei ist ebenfalls nicht sehr groß, auch hier machen den Großteil Familienmitglieder aus Mischehen aus. Russland kümmert sich generell nicht sehr intensiv um seine Diaspora, das ist praktisch eine noch ungenutzte Ressource. Während der Krise veranstalteten die Russen in der Türkei eine ganze Reihe von „Freundschaftsabenden“ und ähnliche Veranstaltungen.

Die Turkvölker Russlands und die russischen Moslems – welche Rolle spielen sie für die Beziehungen zur Türkei?

Der Türkei versucht aktiv, Einfluss auf die Turkvölker Russlands zu nehmen, und sie kann durchaus Erfolge verbuchen, vor allem in Tatarstan, wo sie ein großes 
Gewicht in der Wirtschaft hat. Recht viele russische Angehörige von Turkvölkern haben in der 
Türkei studiert oder eine Ausbildung erhalten. Sie unterstützen natürlich die Entwicklung enger Bande zwischen den beiden Ländern. Aber ihre „Loyalität“ gegenüber der Türkei würde ich nicht überbewerten.

Olga Haldız (Journalistin, Istanbul): „Die größten Hitzköpfe sprachen bereits von Krieg“

Die Krise wirkte sich auf unsere Familie eher psychologisch aus. In den Tagen nach dem Abschuss des Flugzeugs war die Situation unklar und kompliziert. Uns verunsicherte die Tatsache, dass niemand wusste, was auf uns zukommen wird. Die Stimmung auf beiden Seiten heizte sich immer mehr auf – das machte uns sehr zu schaffen. Die größten Hitzköpfe sprachen bereits von Krieg. Wir versuchten, positiv zu denken, waren aber moralisch darauf gefasst, das Land blitzartig verlassen zu müssen. Am Verhältnis zu unseren türkischen Freunden änderte sich aber überhaupt nichts. Auch das Verhältnis der Türken zu uns verschlechterte sich nicht, es kamen sogar Bewohner unserer Wohnanlage auf mich zu und entschuldigten sich bei mir für den Abschuss des Piloten. Sie sagten mir: „Das türkische und das russische Volk sind Brüder.“ Sogar ein Verwandter meines türkischen Gatten, ein überzeugter Erdogan-Anhänger, bat mich um Verzeihung. Und so ging es nicht nur mir. Meine russischen Bekannten in der Türkei berichten über ähnliche Vorfälle. Es gab auch recht absurde Situationen. Eine junge Frau erzählte mir, dass der Fahrer des Busses, den sie regelmäßig nahm, sie unbedingt kostenlos mitfahren lassen wollte.

Efe Tanay (Jurist, Moskau): „Innerhalb weniger Stunden brachen alle Beziehungen ab“

Der Vorfall mit dem Abschuss des russischen Kampfflugzeugs kam für die türkische Bevölkerung völlig unerwartet. Über lange Zeit war das Verhältnis zu Russland sehr gut. Innerhalb weniger Stunden brachen alle Beziehungen ab und wir wurden zu Feinden. Deshalb war die Krise ein Schock. Moskaus Reaktion war nachvollziehbar, aber gleichzeitig war sie in Bezug auf die Menschen in der Türkei viel zu hart. Durch die von Moskau initiierten Beschränkungen hatten auch Türken zu leiden, die mit Russen verheiratet sind und hier schon lange ihr Zuhause haben. Ich persönlich war keinen negativen Reaktionen ausgesetzt. Meine russischen Freunde sind sehr gebildet – sie begreifen, dass es einerseits die Politik gibt und andererseits persönliche Beziehungen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Deshalb hat sich die Krise auf mich nicht ausgewirkt. Aber auf viele meiner Landsleute, und zwar nicht gerade positiv – sie mussten alles stehen und liegen lassen und in die Türkei zurückkehren.

Yusuf Şen (Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Russland, Moskau): „Einige Türken hielten den Druck nicht aus“

Die Krise hat sich sehr negativ auf die in Russland lebenden Türken ausgewirkt. Das Verhältnis zu den türkischen Bürgern verschlechterte sich schlagartig, man suchte nach Gründen für eine Deportation, im Fernsehen liefen jeden Tag turkophobe Programme. In fast allen Firmen, Häusern und Wohnheimen, in denen Türken wohnten und arbeiteten, gab es Hausdurchsuchungen.Einige hielten den Druck nicht aus und fuhren weg, andere wurden deportiert und gezwungen, das Land zu verlassen. Die hier lebende türkische 
Bevölkerung nahm um 10 000 Personen ab: Vor der Krise lebten in Russland 85 000 türkische Staatsbürger, ein paar Monate nach Beginn der Krise waren es nur noch 75 000. Ich persönlich habe in Moskau keine negativen Erfahren gemacht, da ich hier meinen ständigen Wohnsitz habe und meine Familie hier wohnt. Aber ich bin die ganzen sieben Monate nicht einmal in die Türkei gereist. Es gab viele Fälle, dass Türken in ihre Hei
mat fuhren und auf dem Rückweg nach Russland an der Grenze stundenlang kontrolliert und befragt wurden. Einige wurden überhaupt nicht ins Land gelassen, selbst wenn sie über die notwendigen Einreisepapiere verfügten. Nun ist die Krise zum Glück vorbei. Die Situation wird sich wieder verbessern, auch wenn es Zeit braucht.

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