Was passiert mit russischen Dopingsündern?

31. Oktober 2016 Indira Schestakowa
Bei Nachproben zu den Olympischen Spielen 2008 und 2012 fallen auch immer mehr russische Sportler und Sportlerinnen negativ auf. Insgesamt zehn Medaillen wurden in den vergangenen Monaten aberkannt. Was aber passiert mit Dopingsündern in Russland? Viele von ihnen machen Karriere in der Sportpolitik.
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Der angeschlagene Ruf schadet Dopingsündern meist nicht. Quelle:Reuters

Am 18. Oktober hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) dem russischen Gewichtheber Apti Auchadow die bei den Olympischen Spielen 2012 in London errungene Silbermedaille wieder entzogen. Es ist bereits die zehnte Entscheidung dieser Art gegen russische Sportler in den vergangenen sechs Monaten.

Hammerwerferin Tatjana Lysenko, Olympiasiegerin von 2012. Foto: Grigoriy Sisoev/RIA NovostiHammerwerferin Tatjana Lysenko, Olympiasiegerin von 2012. Foto: Grigoriy Sisoev/RIA Novosti

Zuvor hatte das IOC die Ergebnisse einer Reihe russischer Leichtathleten und Gewichtheber bei den Spielen 2008 in Peking und 2012 in London für ungültig erklärt. Auf dieser Liste befinden sich unter anderem die Hammerwerferin Tatjana Lysenko, Olympiasiegerin von 2012, sowie Julia Tschermoschanskaja, Goldmedaillengewinnerin beim Staffellauf über 4x100 Meter in Peking.

Die erste Welle der Nachkontrollen von Proben, die 2008 und 2012 während der Spiele genommen worden waren, hatte das IOC bereits im Jahr 2015 angekündigt. Eine vollumfassende Überprüfung wurde im Frühling 2016 eingeleitet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Proben von Wintersport-Athleten als nächstes getestet werden.

Nach dem Interview des ehemaligen Leiters des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigori Rodschenkow, mit der New York Times, in dem er von einem angeblichen staatlichen Doping-Programm für die Spiele in Sotschi sprach, hatte das IOC angekündigt, die Proben der Winterspiele 2014 ebenfalls überprüfen zu wollen.

Rückgabe von Medaillen und Preisgeldern?

Nach den Regeln des IOC sind die Sieger im Falle einer Annullierung dazu verpflichtet, ihre Medaillen zurückzugeben. Russische Athleten gehen in der Regel nicht darauf ein. In Russland gebe es dafür keinen spezifischen Mechanismus, so Alexandra Brilliantowa, Leiterin der Rechtsabteilung des Russischen Olympischen Komitees.

Die Athleten verlieren auch nicht die vom Staat vergebenen Preisgelder, auch wenn von einer solchen Regelung bereits gesprochen werde. Die Athleten müssten bislang nichts zurückgeben.

Der stellvertretende Sprecher der Staatsduma, Igor Lebedew, der die Kriminalisierung von Dopingvergehen unterstützt, hält die Rückgabe der Preisgelder für nicht notwendig: „Mit der Entziehung der Medaillen wurden sie genug bestraft. Manchmal regen wir uns darüber auf, dass Olympiasieger ihre erhaltenen Autos am nächsten Tag gleich wieder verkaufen möchten. Wozu die Aufregung? Die Sportler haben kein Geld", sagt der Politiker im Gespräch mit RBTH.

Gute Stellen für Dopingsünder

Der Gewichtheber Alexei Lowtschow übernahm diesen Sommer das Amt des Sportberaters in der Oblast Wladimir. Foto: Maksim Blinov/RIA NovostiDer Gewichtheber Alexei Lowtschow übernahm diesen Sommer das Amt des Sportberaters in der Oblast Wladimir. Foto: Maksim Blinov/RIA Novosti

Wie es mit den nun betroffenen Athleten weitergehen wird, ist noch unbekannt. Die Geschichten der Kollegen, die in der Vergangenheit für Dopingvergehen bestraft wurden, geben aber Aufschluss: Viele Sünder sind weiterhin im Sport tätig, als Trainer oder gar Funktionäre.

Ein Beispiel dafür ist der Gewichtheber Alexei Lowtschow, der diesen Sommer das Amt des Sportberaters in der Oblast Wladimir übernahm. Die Ernennung erfolgte zwei Monate nachdem der 27-jährige Athlet wegen der Verwendung des verbotenen Präparats Ipamorelin für vier Jahre gesperrt wurde.

Und Lowtschow ist nicht alleine. Langläuferin Larissa Lasutina, fünffache Olympiasiegerin, der zwei Gold- und zwei Silbermedaillen von den Spielen in Salt Lake City 2002 aberkannt worden waren, ist heute Duma-Abgeordnete der Oblast Moskau. Ihre Kollegin Ljubow Jegorowa, sechsfache Olympiasiegerin, war von 1997 bis 1999 gesperrt. Dies hinderte sie jedoch nicht daran, im März 2006 Abgeordnete der Gesetzgebenden Versammlung der Stadt Sankt Petersburg zu werden. Viele Sportler mit ramponiertem Ruf sind zudem im Bereich der Sportförderung auf föderaler Ebene oder in regionalen Sportzentren tätig.

Lebedew ist der Meinung, Dopingsünder sollten keine politischen Ämter bekleiden dürfen. Dass sie im Bereich des Sports tätig bleiben, sei für ihn jedoch kein Problem. „Das wird den Ruf der Sportverbände nicht negativ beeinflussen. Ich glaube, sie können der Jugend viel beibringen, mit Ausnahme des Dopings natürlich", so Lebedew.

Der Funktionär Alexander Tichonow vertritt die Meinung, dass jeder Fall individuell betrachtet werden müsse. Dabei sei das System, das den Missbrauch zulasse, zu bekämpfen. „Sollen sie deshalb für immer ausgeschlossen werden? Die Frage ist, wer das Doping ermöglicht hat; Trainer oder Mediziner. Wo bleiben deren Strafen?“, fragt Tichonow. „Wo bleiben unsere Spezialisten, qualifizierte Pharmakologen und Sportärzte? Unser Land verfügt über 15 Sporthochschulen, aber nirgendwo gibt es eine Abteilung für Sportmedizin. Darüber muss gesprochen werden."

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