Importsubstitution: Russland hat Appetit auf Käse und Kapital

TASS
Der dramatische Importrückgang bei Lebensmitteln und 
Industriewaren hat den Marktanteil russischer Unternehmen in vielen Bereichen vergrößert. Doch die Produktion sinkt.

Die Einführung der Sanktionen gegen russische Konzerne und Banken einerseits und Russlands selbst auferlegtes Lebensmittel-Embargo andererseits haben ein neues Wort in den russischen Sprachgebrauch eingeführt: Importsubstitution. Einfach gesagt sollten von August 2014 an einheimische Produkte Importe ersetzen. Die Regierung entwarf Pläne, startete Programme und regierungsnahe Experten entwarfen glänzende Perspektiven für Russlands Unternehmer. Doch ein Jahr später fällt die Bilanz dieser Bemühungen zwiespältig aus.

Am schnellsten und spürbarsten wurde die Substitution in der Lebensmittelbranche umgesetzt – der Import von Lebensmitteln nach Russland sank 2015 gegenüber 
dem Vorjahr um 40 Prozent, von 37 Milliarden auf 22,5 Milliarden Euro. Doch längst nicht in allen Warengruppen wurde der Importrückgang durch den Produktionsanstieg kompensiert, welcher im ersten Halbjahr 2015 bei Lebensmitteln nur 2,9 Prozent betrug.

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Der Import von Fleisch und Fleisch
erzeugnissen sank gegenüber dem ersten Quartal 2014 um 54 Prozent auf 175 Millionen Euro, wobei die Binnenproduktion um etwa 
13 Prozent anstieg. Insgesamt konnte der Marktbedarf durch 
einheimische Produkte nahezu 
gedeckt werden (bei Fleischwaren betrug deren Anteil 97 Prozent).

Allerdings ist der Importrückgang vielmehr auf die Rubelentwertung zurückzuführen – vom Importverbot für Rindfleisch waren nur vier Prozent der Lieferungen betroffen, wie Sergej Juschin, Chef des Nationalen Fleischverbands, bestätigt.

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Ohne Milch kein Käse

Besonders deutlich war der Einschnitt an der Käsetheke spürbar. Zwischen Juli 2014 und Juli 2015 ging der Import um fast 90 Prozent auf 41 000 Tonnen zurück, während die einheimische Produktion zur gleichen Zeit nur um 22,6 Prozent anstieg. Doch neben dem nötigen Know-how mangelt es russischen Herstellern oft auch am Rohstoff wie zum Beispiel Milch mit hohem Fettanteil.

Für die Käseproduktion werden rund 300 000 Tonnen Milch pro Jahr 
benötigt, doch der Anstieg der Milchproduktion konnte noch nicht einmal drei Prozent des 75-
prozentigen Importrückgangs wettmachen. Zudem stehen die russischen Erzeuger im Wettbewerb mit Weißrussland, dessen Hersteller sich beeilen, die vakante Nische europäischer Hersteller zu belegen. Der weißrussische Anteil am Import von Milchprodukten nach Russland hat sich beinahe verdoppelt (auf 86 Prozent).

In den meisten Fällen hat das Embargo allerdings zu einem geringeren Wettbewerb auf dem Binnenmarkt geführt. Zusammen mit dem Rubelverfall sorgte das für einen drastischen Preisanstieg von mehr als 20 Prozent für die meisten Lebensmittel.

Auch die Qualität leidet, wie Experten des Analysezentrums der russischen Regierung warnen. Andrej Jakowlew, Generaldirektor der Stolytschnaja torgowaja kompanija, der unter anderem die Lebensmittelkette Globus Gourmet angehört, erklärt, dass Käse und Fleischdelikatessen aus der Europäischen Union sowie einige Joghurtsorten faktisch durch nichts ersetzt werden können. „Selbst unsere Mozzarella-Produzenten, von denen wir 
genügend haben, kommen nicht ganz an italienische Qualität heran“, bekennt Jakowlew.

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Der Industrie fehlt es an Investitionen

Nicht weniger gravierend war der Importrückgang von Industrieerzeugnissen. Kaum eine Branche konnte das alte Niveau im Außenhandel halten. So ist der Import von Investitionsgütern binnen eines Jahres um 50 Prozent zurückgegangen, bei Konsumgütern um 34 Prozent. Anders als bei Lebensmitteln war hier zur gleichen Zeit auch die Industrieproduktion rückläufig und verzeichnete ein Minus von 2,7 Prozent im ersten Halbjahr.

Ein Blick auf die Branchen zeigt, dass der Import in den vergangenen zwei Jahren fast überall um drei bis sechs Prozent zurückging, in der Autoindustrie um acht Prozent und im Eisenbahnmaschinenbau sogar um 16 Prozent. Die Abhängigkeit der Lebensmittel
industrie von Maschinenimporten stieg gleichzeitig von 81 auf 94 
Prozent, in der Leichtindustrie stieg sie von 85 auf 88 Prozent.

Im Maschinenbau ist die Situation dagegen unausgewogen. Die 
Autoindustrie hatte ihre Lokalisierung bereits vor der Krise erhöht, aber infolge der nachlassenden Nachfrage – die Zulassungen gingen um 35 Prozent zurück – sank das Interesse an Investitionen in diese Branche.

Hersteller von Agrartechnik profitierten vom Rubelverfall, Elektrogerätehersteller hingegen haben kaum eine Chance gegenüber den Weltmarktführern. Auch bei Werkzeugmaschinen liegt der Importanteil nach wie vor bei über 90 Prozent. „Es profitieren Hersteller, die nicht nur Montage betreiben. Denn der Import von Teilen hat sich ebenfalls verteuert“, erklärt Sergej Nedorosljew, Vorstandsmitglied des Maschinenbauerverbands Russlands.

Die Ursache liegt im Anlagenbau, der in den Neunzigern infolge mangelnder Nachfrage einen Einbruch erlebte. Damals hätten Hersteller nicht investiert. „Als die Industrie vor zehn Jahren begann, sich zu modernisieren, war der Markt von Importeuren besetzt – die russischen Maschinenbauer kamen nicht zum Zug.“ Inzwischen sei der Ausbau der Industrie Chefsache, bemerkt Nedo
rosljew.

Doch das größte Problem für russische Produzenten sind bezahlbare Kredite: Für Unternehmen mit langem Fertigungszyklus sind Darlehen mit ihren gegenwärtigen 20 Prozent kaum erschwinglich.

Wegen des schrumpfenden Marktes und des Rubelverfalls lässt sich der Erfolg der Importsubstitution nicht eindeutig benennen. In vielen Branchen steige der Marktanteil russischer Produkte nur wegen des Importrückgangs, nicht aber dank des Wachstums im Inland, besserer Produkte oder einer größeren Lokalisierung, sagt Wladimir Salnikow, Chef der Abteilung Realwirtschaft des Zentrums für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen. „Die Importsubstitution ist eher eine Pseudo-Substitution“, meint er.

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