Investitionen aus Österreich: Ein Mittel gegen die Währungskrise?

16. August 2016 Tamara Wojewodina
Österreichische Unternehmen entdecken Russland wieder als Produktionsstandort. Der schwache Rubel macht das Geschäft lukrativ. Die Investitionen werden in der russischen Wirtschaft dringend gebraucht. Sollte sich diese allerdings nicht bald deutlich erholen, könnte es mit der Freude schnell wieder vorbei sein.
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Eine Produktionsanlage von Alvarus, einer Backaldrin-Tochter, soll bereits im Frühjahr 2017 in Russland in Betrieb gehen. Quelle:backaldrin The Kornspitz Company GmbH

Noch sind es zwei russische Fräulein, mit bodenlangen roten Kleidern und altrussischem Kopfschmuck, die dem Österreicher Peter Augendopler im nagelneuen Gewerbegebiet in Stupino bei Moskau das Brot und Salz reichen. Es ist eine traditionelle Willkommensgeste in Russland. Doch schon bald will der Chef des österreichischen Brotherstellers Backaldrin selbst das Riesenland zwischen Kaliningrad und Wladiwostok von Stupino aus mit Backwaren versorgen. Denn die russische Brot-Begrüßung galt der Grundsteinlegung einer neuen Produktionsanlage von Alvarus, einer Backaldrin-Tochter, die bereits im Frühjahr 2017 in Betrieb gehen soll. Hunderttausende „Kornspitze“ zu backen, nicht mehr und nicht weniger wünschte der österreichische Sonderbotschafter Emil Brix seinem Landsmann während der Zeremonie. Augendopler seinerseits schwärmte vor seinen russischen Gastgebern: „Eine eigene Produktionsstätte ist ein Zeichen des Vertrauens in die Zukunft dieses tollen und großartigen Landes.“

Für einen Moment schien die triste Wirtschaftslage Russlands vergessen, bis sie der österreichische Unternehmer selbst wieder in Erinnerung rief. Die Investition, so Augendopler, sei eine mutige Entscheidung. Mutig, weil die Aussichten auf ein Ende der bald zwei Jahre andauernden Rezession noch immer trüb sind. Aber auch notgedrungen, denn schließlich sagte der Backaldrin-Chef noch vor einem Jahr, dass seine Produkte für russische Abnehmer wegen der Rubelabwertung „wahnsinnig teuer“ geworden seien. Tatsächlich lässt die schwache Währung die russischen Importe schrumpfen. Im ersten Halbjahr sank die Einfuhr um 6,6 Prozent auf etwa 80 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr, in die der Löwenanteil der Rubelabwertung fiel, lag das Minus bei knapp 40 Prozent.

Exporte aus Russland werden attraktiv

Unter diesen Umständen scheinen viele Unternehmen eine Verlagerung ihrer Produktion nach Russland als Schutz vor solchen Währungseffekten zu sehen. Und auch als eine Wette auf die Zukunft des Marktes. „Vor dem Hintergrund der starken Rubelabwertung in den letzten zwei Jahren hat das flächenmäßig größte Land der Erde als Exportmarkt für die EU an Wichtigkeit eingebüßt, allerdings als kostengünstiger Produktionsstandort zunehmend an Attraktivität gewonnen“, heißt es etwa beim österreichischen AußenwirtschaftsCenter in Moskau. Um die gut ausgebildeten und vergleichsweise günstigen Arbeitskräfte in Russland zu nutzen und den durch Importsubstitutions- und Lokalisierungsvorschriften geschützten Markt zu erobern, überlegten derzeit viele westliche Unternehmen, eine Produktionsstätte in Russland zu eröffnen.

Der bisher größte Investor der letzten Monate ist die Holzverarbeitungsfirma Kronospan, die insgesamt 600 Millionen Euro in seine Produktionsanlagen in Russland investieren will. So ist etwa noch im laufenden Jahr der Bau eines 200 Millionen Euro teuren Spanplattenwerks geplant. Eine weitere Fabrik im Gebiet Kaliningrad soll sich vor allem auf den Export nach Europa spezialisieren. Bisher haben westliche Firmen die Exportoption vor allem genutzt, um die Auslastung ihrer Anlagen in Russland angesichts der Konsumflaute im Land zu erhöhen. So begann der Haushaltsgerätehersteller BSH mit dem Export von Waschmaschinen aus Russland, während der deutsche Reifenhersteller Continental, genauso wie Automobilhersteller Hyundai und Kia ihre in Russland produzierten Waren nun auch im Ausland verkaufen wollen.

Fertigungsanlage für Holzfaserplatten von Egger in der Stadt Schuja, etwa 300 km nordöstlich von Moskau. Foto: Vladimir Smirnov / TASSFertigungsanlage für Holzfaserplatten von Egger in der Stadt Schuja, etwa 300 km nordöstlich von Moskau. Foto: Vladimir Smirnov / TASS

Auch Kronospans österreichischer Konkurrent Egger will 150 Millionen Euro in eine Fertigungsanlage für Holzfaserplatten investieren. Bisher beschäftigt Egger bereits etwa 900 Mitarbeiter in zwei eigenen Fabriken in Russland.

Das Investitionsklima bleibt angespannt

Nach Ansicht des österreichischen Botschafters Emil Brix hätten österreichische Geschäftsleute den Eindruck, dass die wirtschaftliche Talsohle im vergangenen Herbst erreicht worden sei und es wieder Sinn ergebe, in Russland tätig zu werden. Einige Unternehmen erzählten derzeit von der Chance auf hohe Gewinnmargen.

Ob es sich jedoch tatsächlich um eine Trendwende handelt, bleibt vorerst unklar. Zu deutlich war der Einbruch der österreichischen Direktinvestitionen in die russische Wirtschaft in den vergangenen Jahren. So ist der Wert der österreichischen Bestandsinvestitionen von seinem Höchststand bei 8,5 Milliarden Euro im Jahr 2012 auf gut fünf Milliarden Euro im Jahr 2015 gesunken. Zwar meldete vor Kurzem auch die deutsche Bundesbank einen stärker werdenden Zufluss an Investitionen nach Russland, doch auch mit den aktuell positiven Meldungen wird es noch Jahre dauern, bis die alten Werte wieder erreicht werden. Insbesondere da sich die durch den schwachen Rubel und etwaige Importbeschränkungen geöffneten Nischen bald gefüllt haben dürften. Doch wenn die Gesamtwirtschaft nicht wieder in die Wachstumszone klettert, werden auch die Investitionen wieder versiegen.

Für etwas Hoffnung sorgen diesbezüglich jüngste Analysen der Agentur Bloomberg. So sei die Wirtschaft im vergangenen Quartal mit 0,6 Prozent so langsam geschrumpft wie schon seit anderthalb Jahren nicht mehr. Und die steigenden Frühindikatoren, wie etwa die steigende Stromproduktion und der zunehmende Güterverkehr deuteten auf den Beginn einer baldigen Erholung hin.

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