IS rekrutiert russische Muslime

Anti-Terror-Übung in südrussischem Nowotscherkassk.

Anti-Terror-Übung in südrussischem Nowotscherkassk.

Waleri Matyzin/TASS
Schon seit Langem gilt die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in Russland als reale Bedrohung. Bislang ging der Staat gegen Extremisten mit harter Gewalt vor. Nun wird erstmals eine Beratungs-Hotline für besorgte Angehörige von mutmaßlichen Islamisten eingerichtet – doch das kann nur ein Anfang sein.

Mehr als 2 000 Russen haben sich bislang der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen, folgt man den Angaben des russischen Außenministers Sergej Lawrow. Zuletzt sorgte die 19-jährige Studentin Warwara Karaulowa aus Moskau für Schlagzeilen, die auf ihrem Weg in den Dschihad Ende Juni an der türkisch-syrischen Grenze festgenommen wurde.

Nun hat die Gesellschaftskammer Russlands (GK) reagiert: Sie richtet ab dem 1. August eine Beratungs-Hotline ein für besorgte Angehörige von Menschen, die in den gewaltbereiten Islamismus abgedriftet sind oder kurz davorstehen. Die Hotline sei „dringend notwendig“ gewesen, heißt es in der Gesellschaftskammer, ein vom Staat gegründetes Gremium von zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Jelena Sutormina, Vorsitzende des Ausschusses für die Entwicklung der gesellschaftlichen Zusammenarbeit und Unterstützung von Landsleuten im Ausland der Gesellschaftskammer, unterstreicht, man müsse endlich handeln. Russland sei als multikulturelles und multikonfessionelles Land für die Anwerber des IS sehr attraktiv.

 

Weniger Terroranschläge im Kaukasus

Die Bedrohung durch den IS stand in den vergangenen Monaten verstärkt im Fokus der russischen Medien. Neben Meldungen, der IS sei bereits an Russlands Grenzen angekommen, gab es auch Berichte über konkrete Rekrutierungsversuche junger Muslime und Russen mit Migrationshintergrund in den Regionen. Angeblich wird ihnen für einen Einsatz im IS eine monatliche Bezahlung von 50 000 Rubel (etwa 760 Euro) angeboten.  

Große Besorgnis löste auch ein Video aus, das Ende Juni im Netz auftauchte. Darin heißt es, die nordkaukasischen Untergrundkämpfer hätten dem IS Treue geschworen. „Für Panik ist es aber noch zu früh“, beschwichtigt Witalij Naumkin, Direktor des Ostkundeinstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften. Im Gespräch mit RBTH sagte er, ein „Treueschwur“ im Internet bedeute noch nicht, dass „alle Gruppierungen des Nordkaukasus nun von einer Zentrale aus gesteuert würden“.

Die Zahl der Opfer und der Kampfhandlungen im Nordkaukasus ist indes in der letzten Zeit deutlich zurückgegangen. So wurden nach Schätzungen des Online-Magazins „Kawkasskij usel“ (zu Deutsch „Kaukasischer Knoten“) 2013 im Nordkaukasus 1 149 Personen getötet oder verletzt, im Jahr 2014 waren es nur noch 525 und im zweiten Quartal 2015 44 Personen.

Dieser Rückgang habe zwei konkrete Gründe, sagt Warwara Pachomenko, Beraterin der International Crisis Group und Kaukasusexpertin: „Zum einen sind sehr viele Kämpfer und radikale Islamisten nach Syrien ausgereist. Und zum anderen wurden sehr viele Extremisten oder potenzielle Kämpfer entweder getötet, aus dem Land gejagt oder im Vorfeld der Olympischen Spiele in Sotschi verhaftet.“

 

Präventionsarbeit im Fokus

Bislang war für die Bekämpfung von Extremismus im Land allein die Polizei verantwortlich. Doch nur die harte Linie zu fahren, sei wenig effektiv, meint Sergej Markedonow, Dozent an der Fakultät für Ausländische Regionenkunde und Außenpolitik der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) sowie Trans- und Nordkaukasusexperte.

 

„Zwar verschwinden Extremisten auch wieder, aber nach nur drei bis vier Jahren sind neue da, weil das Milieu, das sie hervorbringt, nicht beseitigt wird. Es muss mehr Prävention geben“, fordert der Experte. Er findet eine Auseinandersetzung der jungen Menschen mit dem Islam wichtig. Projekte sollten initiiert werden, die eine attraktive Alternative für junge Menschen, für ihre Karriere und Zukunft darstellen.

In den muslimischen Gemeinden findet Präventionsarbeit bereits statt. „Wir suchen nicht gezielt nach Anwerbern, unser Kampf ist die Aufklärung. Das Auffinden und Verhaften von Extremisten ist die Aufgabe von Sondereinsatzkommandos der Polizei“, sagt Ruschan Abbjasow, der erste Vizevorsitzende des Muftirats in Russland, im Gespräch mit RBTH. Anwerber träfen sie meist nicht, weil diese verstehen würden, dass ihre Ansichten hier nicht erwünscht seien, erklärt er. Aufklärenden Religionsunterricht, wie Sergej Markedonow es im Sinn hat, gebe es noch nicht. Die Gemeinden seien auf das Lesen von Gebetstexten fokussiert, berichtet Abbjasow, fügt aber hinzu: „Die Menschen lassen allmählich ihr Schwarz-Weiß-Denken hinter sich.“

 

Rückkehrer brauchen Vertrauen  

Vor einigen Jahren gab es bereits einmal Maßnahmen, Rückkehrer aus Kampfgebieten in die Gesellschaft wiedereinzugliedern, erzählt Warwara Pachomenko. 2010 wurde dafür in Dagestan der Ausschuss zur Rehabilitation von Aussteigern gegründet. „Viele der Kämpfer, die zurückgekehrt waren, konnten in der kurzen Zeit im Kriegsgebiet gar keine größeren Verbrechen begehen. Sie hatten einen Fehltritt gemacht und erhielten eine Chance, zu einem friedlichen Leben zurückzufinden“, berichtet die Krisenexpertin. „Die Möglichkeit zur Rückkehr ist enorm wichtig“, unterstreicht Pachomenko.

Doch mit den Vorbereitungen auf die Olympiade in Sotschi war Schluss mit dem Dialog, der Ausschuss stellte seine Arbeit ein. Die Rückkehr zu einem rigorosen Vorgehen gegen Extremisten verhärtete die Fronten. Das Ergebnis: Dagestan und Tschetschenien sind heute die Regionen in Russland mit der höchsten Zahl an Islamisten, die in den Dschihad nach Syrien fahren.

Mittlerweile hat der Ausschuss seine Arbeit wieder aufgenommen, allerdings nur in Inguschetien. „Wir sehen, dass es Menschen in der Regierung gibt, die die Notwendigkeit solcher Maßnahmen verstehen“, freut sich Pachomenko. Doch die Probleme sind dadurch nicht gelöst – das Wichtigste ist, Vertrauen aufzubauen: „Die Menschen müssen überzeugt werden, dass eine Kooperation möglich ist, wenn sie sich ergeben. Aber dazu müssen sie das sichere Gefühl haben, nicht betrogen zu werden.“

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