Sowjetische Autos im Westen

Der klassische Schiguli am Vorobjevy Gory in Moskau. Im Hintergrund ist das Gebäude der Moskauer Lomonossow-Universität. Foto: RIA Novosti.

Der klassische Schiguli am Vorobjevy Gory in Moskau. Im Hintergrund ist das Gebäude der Moskauer Lomonossow-Universität. Foto: RIA Novosti.

Autoliebhaber aus dem Westen erfreuen sich an alten sowjetischen Automodellen. Wir stellen ein paar kuriose Geschichten vor.

Der Lada in Großbritannien

„Als ich 1984 meinen Führerschein erhielt, standen mir für den Kauf meines ersten Autos lediglich 100 Pfund zur Verfügung. Ich studierte die Inserate in der Bristol Evening Post und fand dort einen Lada 1200 aus dem Jahre 1973, den ich mir für diesen Betrag gerade so leisten konnte". So erinnert sich der Brite Stephen Floyd auf seiner Internetseite an den Kauf.

Später kaufte er sich noch ein etwas moderneres Modell – den Lada 1600ES, Baujahr 1979. Der Wagen stand zehn Jahre lang in einer Garage. Stephen entschied sich ohne Zögern für den Kauf und bot dem Verkäufer 200 Pfund an, was durchaus dem Marktwert entsprach. Er restaurierte das Auto bis zur letzten Schraube mit viel Enthusiasmus. Am Ende sah der Lada besser aus als ein fabrikneues Fahrzeug und nahm an diversen Veranstaltungen des Lada Owners Club of Great Britain teil.

Der WAS in Frankreich

Lada Niva, der alte russische Geländewagen. Foto: Flickr, dave_7

Der Franzose Jean-Jacques Poch war der offizielle und einzige Exporteur von Fahrzeugen des Kombinats AutoWAS in Frankreich. Von dem seit 1977 produzierten Niva war er begeistert, war er doch der erste richtige Geländewagen auf der Welt, der preiswert und sehr widerstandsfähig war. Poch war einer der Ersten, die den sowjetischen Jeep in einen Cabriolet umbauten.

Außerdem pimpte Poch 1978 auch zwei Nivas für die Teilnahme an der Rallye Paris - Dakar auf. 1982 lernte Poch Marcel Morel – den Eigentümer der Firma Maurelec – kennen. Dieser schlug ihm vor, in den Niva einen V6-Motor einzubauen, und zwar zwischen die Vordersitze. Bei der Rallye Alger belegte das Auto den dritten Platz.

„Taigatrommel" in der DDR

Ein Saporoschez-968М gab es 2012 in Deutschland für 2500 Euro zu kaufen. Foto: Torsten Maue / flickr.com

„Saporoschez wird Ihnen ein Freund und Helfer sein" – suggerierte das deutsche Werbeprospekt von AutoExport den Kunden. Die Deutschen selbst nannten dieses Auto „Taigatrommel" oder „Т-34 de luxe". Aber für den einfachen Elektrotechnik-Meister Jürgen Neugebauer aus der DDR war dies die einzige Chance, relativ schnell zum Autobesitzer zu werden.

In den Siebzigerjahren musste man etliche Jahre auf einen neuen Trabant oder Wartburg warten, wenn man nicht über das im Sozialismus so wichtige „Vitamin B" verfügte. Ein neuer Saporoschez-968М in kostete 1977 12 000 Mark, die Jürgen zusammen mit seiner Frau über mehrere Jahre zusammengespart hatte. Nur ein Jahr später führte der Angestellte des Autohandels in Brandenburg die Neugebauers zu ihrem bananengelben Saporoschez und händigte ihnen den Autoschlüssel aus – sein Auto in der Wunschfarbe auszuwählen kam im real existierenden Sozialismus niemanden wirklich in den Sinn.

Seit diesem Tag ist der „Sapo", wie das Automobil liebevoll genannt wird, in Familienbesitz. Während dieser Zeit wurde er mehrfach generalüberholt und nach einem Unfall wurde die Karosserie komplett erneuert.

Der Pobjeda in den USA

Der russische Pobjeda, oder das GAZ M-20-B. Foto: Sergej Michejew/Rossijskaja Gaseta

Im Jahre 1952 erschien in der amerikanischen Zeitschrift Motor Trend ein Artikel darüber, wie ein gewisser Stanley F. Slotkin ein sowjetisches Automobil der Marke Pobjeda aus Finnland in die USA einführte. Er erzählte, wie er auf Dienstreise in Helsinki war und ein Taxi anhielt. Vom Modell des Taxis, ein russischer Pobjeda, war er so begeistert, dass er sogleich beschloss, sich genau so ein Auto zu besorgen. Es erwies sich als unmöglich, dieses Modell zu kaufen und in die USA einzuführen. Um seinen Traum zu verwirklichen musste Slotkin zum Schmuggler werden.

Der Amerikaner war zuerst lange und ergebnislos auf der Suche nach dem Objekt der Begierde, schaffte es letztendlich aber doch, irgendwo einen gestohlenen Pobjeda zu erwerben und zerlegte ihn in Einzelteile. Diese packte er in einen Container, um die Fracht dann mit klopfendem Herzen und Schweiß auf der Stirn in den USA zu entzollen.

Der Wolga in Deutschland

Leberecht Minuth am Steuer des Gaz-21 (Wolga) beim Oldtimer-Herbst-Treffen 2013 in Augustusburg. Foto: AP

Horst Jesche, erfolgreicher Angestellter einer Finanzgesellschaft aus Frankfurt, erblickte im Herbst 2002 zum ersten Mal in seinem Leben einen Wolga GAZ-3111, und in seinem Kopf entwickelte sich sogleich eine Geschäftsidee. Er fasste den Beschluss, Wolgas an Enthusiasten zu verkaufen, die bereits andere Autos – Mercedes-Benz, BMW etc. – besitzen und die „einfach nur Spaß daran haben, die Spießbürger ein wenig mit dem ‚russischen Panzer' zu schockieren." Der Wolga beeindruckte Jesche durch seine russische Schlichtheit.

Trotzdem wurden Stoßdämpfer sowie eine Reihe von Zubehörteilen eingebaut. Horst Jesche gab Interviews, erzählte über sein Projekt und belehrte dabei die Manager des Gorkier Automobilwerkes: „Man muss keine Autos verkaufen, sondern ein Lebensgefühl, das Gefühl, das man verspürt, wenn man in diesem Auto sitzt. Man muss ein Image verkaufen und daran arbeiten, dass das Auto diesem auch entspricht!"

Aus unbestätigten Quellen heißt es, dass es bis 2007 gelungen sei, insgesamt sieben deutsche Wolgas zusammenzubauen, und zwar in einer kleinen Werkstatt in Saarbrücken. Allerdings lässt sich diese Information heute sowieso nicht mehr überprüfen, da die letzten Neuigkeiten von Horst Jesche gerade eben aus einem Jahr stammen, als das Modell schon seit mehreren Jahren nicht mehr produziert wurde. Auf die Frage, warum es denn nicht gelungen sei, das Projekt in Russland zu realisieren, antwortete der Enthusiast mit einem Wort: „Sauwirtschaft!"

Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin "Awtopilot".

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