Wie Nikita Chruschtschow eine Epoche prägte

Nikita Chruschtschow war eine vielschichtige Persönlichkeit, ein schillernder Staatschef. Manche hassten ihn, einige haben ihn belächelt, viele geliebt. Foto: ITAR-TASS

Nikita Chruschtschow war eine vielschichtige Persönlichkeit, ein schillernder Staatschef. Manche hassten ihn, einige haben ihn belächelt, viele geliebt. Foto: ITAR-TASS

Nikita Chruschtschow, von 1953 bis 1964 Generalsekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der UdSSR, ist durch sein Auftreten legendär geworden. Oft widersetzte er sich diplomatischen Konventionen – das Volk liebte ihn für seine direkte Art.

Nikita Chruschtschow, von 1953 bis 1964 Generalsekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der UdSSR, ist eine Legende. Eng mit ihm verbunden ist eine ganze Epoche der Sowjetgeschichte – die so genannte Tauwetterperiode. In diese Periode fielen solche Ereignisse wir die Entstalinisierung, Gagarins Flug in den Weltraum, der Bau der „Chruschtschowkas", die Blütezeit der sowjetischen Literatur und des Kino, das Dissidententum oder die Kubakrise. Er war als Mensch genauso widersprüchlich wie die Zeit, in der er wirkte.

Dabei hatte er eine für einen sowjetischen Staatsmann durchaus übliche Biografie. Geboren wurde er in einem Dorf in der Nähe von Kursk. In den Zeiten von Stalins Repressionen war er erster Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Ukraine. Dabei zeigte er keine Spur wenig Barmherzigkeit. Ganz im Gegenteil – mit den so genannten „Volksfeinden" machte er kurzen Prozess. Überhaupt stimmte er Stalin, solange dieser am Leben war, in allem zu. Man erzählt sich sogar, dass Stalin ihn bei Trinkgelagen im Kreml dazu zwang, in einem Trachtenhemd den ukrainischen Volkstanz Hopak aufzuführen. Wer weiß, ganz so unwahrscheinlich ist dies nicht.

Als Stalin 1953 starb, nahm Chruschtschow die Macht in seine Hände. Er leitet die Rehabilitation politischer Gefangener ein. Die Kolchosbauern, die unter Stalin keine Freizügigkeit genossen, erhielten unter ihm einen Pass. Alles in allem dachte Chruschtschow jedoch mehr an die Zukunft als an die Gegenwart. Er war es, der die Losung „Amerika ein- und überholen!" ausgab. Er war es, der der sowjetischen Bevölkerung versprach, dass sie bald im Kommunismus leben werde und dieser spätestens 1980 Einzug hält. Später wurde darüber gescherzt, dass man 1980 statt des Kommunismus die Olympiade bekam.

 

Schillernd, nie um einen Spruch verlegen

Chruschtschow war für viele Zeitgenossen eine sehr glanzvolle Figur, ein schillernder Staatschef. Später, unter Breschnew, wurde ihm dahingehend vorgeworfen, dass sein Wille größer war als sein Verstand. Aber genau so jemand sei damals nötig gewesen, um das Land aus der Schockstarre zu führen – sie die Meinung vieler Russen. Die Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus. So rief er zur Neuland-Erschließung auf und kritisierte während der berühmten Ausstellung in der Manege abstrakte Künstler. Eines der ausgestellten Bilder kommentierte er mit den Worten „Da malt ein Esel mit dem Schwanz besser!". Und schließlich gab er die Anweisung, das ganze Land mit Mais zu bepflanzen. Diese Idee trug zuweilen seltsame Blüten. Selbst im hohen Norden Kareliens versuchte man, Mais anzubauen, da wo er offensichtlich nun wirklich nicht gedeihen konnte. England und Frankreich drohte er mit Krieg.

Bei ihm musste man auf alles gefasst sein. Auf der einen Seite wurden politische Gefangene freigelassen, auf der anderen Seite der Ungarische Volksaufstand mit Panzern niedergeschlagen. Einerseits ließ er die Werke des Dissidenten Solschenizyn drucken, andererseits in Nowotscherkassk auf friedlich demonstrierende Arbeiter schießen.

 

Chruschtschow scherte sich wenig um diplomatische Gepflogenheiten

Chruschtschow hatte eine ganz eigene Art, sich auszudrücken. Dabei schreckte er auch vor deftigen Ausdrücken nicht zurück. Dabei hatte er keinerlei Hemmungen, amerikanischen Diplomaten zu sagen: „Wir bringen euch unter die Erde! Zwischen uns und euch gibt es in der Landfrage nur

einen Streit, nämlich wer wen darin verscharrt". Dem US-Präsidenten Nixon drohte er, er werde ihm eine Lektion erteilen, was er mit der russischen Redewendung „Wir werden euch Kusmas Mutter zeigen!" zum Ausdruck brachte. Die Amerikaner rätselten noch lange, was es mit dieser „Mutter von Kusma" auf sich hat. Womit droht er da eigentlich? Bei der UNO hämmerte er während einer Debatte über die Ungarn-Krise mit dem Schuh auf den Tisch. Dies blieb im Gedächtnis. So etwas konnte sich kein US-Präsident erlauben. Chruschtschow war ein leidenschaftlicher Mensch, emotional und ohne jede Hemmungen. Mao Tse-tung nannte er einen alten, schlachtreifen Gaul. Dem Vertreter der USA bei der UNO gegenüber sagte er sinngemäß: „Gerade Ihr habt es nötig, so herumzublöken!"

Gegenüber dem Bürgermeister von New York Robert Wagner sagte er: „Jetzt hätte ich Sie fast mit Robert Petrowitsch angesprochen. Als ich in jungen Jahren in einem Betrieb gearbeitet habe, war unser Betriebsleiter ein Ingenieur namens Robert Petrowitsch Wagner." Dies strahlte Wärme und Menschlichkeit aus.

Chruschtschow war als Mensch bei weitem nicht so unnahbar wie Stalin. Er hatte ein einfaches Gemüt, war sogar etwas grobschlächtig. Dazu sehr

wendig, kugelrund und kahl. Mit Stupsnase und Segelohren. Dem Äußeren nach hätte er genauso gut ein Bauer oder ein Arbeiter am Ladentisch eines Weingeschäfts sein können. Chruschtschow war er immer am Gestikulieren. Bei Empfängen fuchtelte er derart herum, dass der Cognac aus dem Glas spritzte.

Überhaupt hatte Chruschtschow viele kindliche Züge. Nach dem Mittagessen, beim Spaziergang im Park, trug er einen kleinen Radioempfänger vor der Brust, den man ihm in Amerika geschenkt hatte. Es heißt, man habe zu dieser Zeit speziell für ihn ländliche Melodien übertragen, die er so sehr liebte. Für das Radio konnte er sich begeistern. Genauso wie für „Kriegsspielzeug", wie Bomben oder Flugzeuge.

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