Simone Baumann: „Man merkt schon eine Zensur im russischen Kino“

"Ein Kinobesuch für 350 Rubel, umgerechnet fünf Euro, ist heute für Menschen in Russland teuer", merkt die Osteuropabeauftragte von German Films.

"Ein Kinobesuch für 350 Rubel, umgerechnet fünf Euro, ist heute für Menschen in Russland teuer", merkt die Osteuropabeauftragte von German Films.

Peggy Lohse
Simone Baumann organisiert seit mittlerweile 15 Jahren das Festival des deutschen Films in Moskau. Sie kennt die Eigenheiten des russischen Marktes ganz genau und erklärt im Interview, was das russische Kino zwischen Wirtschaftskrise und Zensur heute ausmacht.

RBTH: Frau Baumann, schon seit 15 Jahren veranstalten Sie das Festival des deutschen Films in Russland. Wie kam man damals auf die Idee dazu?

Simone Baumann: Einer der Veranstalter dieses Festivals, German Films, hat die Aufgabe, deutsche Filme im Ausland zu präsentieren. Die Firma existiert schon seit Langem, es gab aber bis ins Jahr 2000 keine Veranstaltungen in Osteuropa. Russland ist ein sehr großer Markt und liegt Deutschland kulturell sehr nah. So entstand dann die Idee. Ich hatte damals kaum Ahnung davon, wie man solche Festivals organisiert, aber als das Angebot kam, dachte ich mir: Ok, man kann das probieren. So kam das Festival ein Jahr später neben Polen auch nach Moskau.  

Als Vertreterin von German Films sind Sie für Osteuropa zuständig. Was gehört zu Ihren Aufgaben?

Meine Aufgabe ist es, Festivals in dieser Region zu betreuen, Regisseure mitzubringen, Schauspieler einzuladen. Aber ich beobachte auch den Markt in jenen Ländern, in die wir mit unseren Festivals kommen. Welche Art von Kino wird da gern gesehen, wer sind die wichtigsten Regisseure und Studios, wie sieht es generell mit Kino und dem Fernsehen aus.

Unterscheidet sich das Programm des Festivals in verschiedenen Ländern?

Ja, ein bisschen, weil wir die Auswahl der Filme immer den Leuten vor Ort überlassen. Unsere Jury besteht meist aus Filmkritikern, Veranstaltern des Festivals, Produzenten oder Leuten vom russischen Verleih. Diese müssen die Filme mit Blick auf das Publikum in Russland aussuchen. Jedes Jahr gibt es dann fünf bis sechs universelle Filme, die alle Länder auswählen. Alle anderen Filme werden nur auf dem jeweiligen Festival gezeigt.

Welche Filme werden in Russland ausgesucht?

In Russland sind vor allem Komödien populär, und Filme, die man hier „Dobroe kino“ (zu Deutsch: „Gutherziges Kino“, Anm. d. Red.) nennt. Zu diesen zählt auch „Ich bin dann mal weg“, der in diesem Jahr zur Eröffnung des Festivals gezeigt wurde. Wir merken, dass die Menschen ein Bedürfnis danach haben und begeistert davon sind. Dramen hingegen kommen hier schlechter an. Sie haben auch ihre Zielgruppe, die aber deutlich kleiner ist.

Hat sich das Programm für Russland in den vergangenen 15 Jahren irgendwie verändert? Haben Sie es an das Publikum angepasst?

Ja, in den letzten zwei bis drei Jahren zeigen wir mehr Filme, die aus dem Mainstream sind, und versuchen damit auch das jüngere Publikum anzulocken.

Bei der Eröffnung des Festivals sagten Sie, dass russische Zuschauer deutsche Filme immer sehr gemocht haben. Hat sich ihr Interesse daran mit der Zeit entwickelt?

Ganz am Anfang hatten wir weniger Zuschauer und es waren vor allem die älteren Leute, die kamen. Das waren Menschen, die noch die Defa-Filme aus der DDR, Fassbinder oder Werner Herzog kannten. Sie haben dann auch ein solches Programm erwartet und waren ein bisschen irritiert, als wir mit dem neuen deutschen Kino erschienen sind.

In den letzten zwei Jahren erleben Deutschland und Russland eine tiefe Krise. Spürt man das im Festival-Alltag?

Für unser Festival spielt es keine Rolle, weil wir unser Programm unabhängig davon machen. Es ist auch kein Thema für die Regisseure, die wir nach Moskau bringen, weil sie offen sind für die Kultur des Landes. Aber man merkt die Folgen der Wirtschaftskrise. Wir sehen, dass die Leute weniger Geld haben und ein Kinobesuch für 350 Rubel, umgerechnet fünf Euro, für sie teuer ist.

In einem Interview sprachen Sie davon, dass Sie sich als Produzentin mehr für Dokumentationen interessieren. In den letzten fünf Jahren haben Sie bekannte und hochaktuelle Dokus wie „Putin Games“ über die Olympischen Spiele in Sotschi oder „Familienbande“ über eine Familie, die nach dem Zerfall der Sowjetunion zwischen Russland und der Ukraine zerstreut wird und nach der Ukraine-Krise keine gemeinsame Sprache mehr finden kann, produziert. Was wäre Ihr nächstes Thema mit Bezug zu Russland?

Für uns wären nicht die historischen Themen interessant, sondern was jüngere Leute hier heute denken, was sie für Träume haben, wie sie die Welt sehen. Anfang 2018 sind in Russland ja wieder Präsidentschaftswahlen. In diesem Kontext interessiert uns schon, wie es weitergeht zwischen Europa und Russland. Denn jetzt haben wir so ein Gefühl, dass sich das Land von der ganzen Welt abgrenzt.

Verfolgen Sie, was in der russischen Filmszene passiert?

Natürlich. Einerseits merke ich, dass sich das russische Kino im kommerziellen Bereich immer mehr professionalisiert. Andererseits sehe ich einen gewissen Stillstand im Art-House- und Festival-Kino-Bereich. Man merkt schon eine Zensur bei der Förderung des Kinos, weil nur bestimmte Themen vom Staat unterstützt werden. Am Ende sieht man leider weniger Filme bei internationalen Festivals als das früher der Fall war.

Wenn man auf das russische oder sowjetische Kino zurückblickt: Gibt es da einen Lieblingsfilm für Sie?

Das war immer Leonid Gaidais „Brilliantowaja Ruka“, „The Diamond Arm“, von 1969. Ich fand den Humor und die Situationskomik in diesem Film immer toll. Auch Eldar Rjazanow als Regisseur habe ich immer sehr gemocht. Als zweiten Film nenne ich daher „Bahnhof für zwei“ von 1983. Ich liebe die sowjetische Klassik. Heute liegt mir besonders Andrej Swjaginzew am Herzen. Ich weiß, dass er gerade einen neuen Film dreht, und warte schon darauf.  

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