„Paradies“ von Kontschalowski: Warum Tschechows Gewehre nicht schießen

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In Berlin feierte das russisch-deutsche Holocaust-Drama Deutschland-Premiere – Monate vor dem offiziellen Europa-Start. Der Film überzeugte zwar nicht als zeithistorisches Dokument, aber umso mehr als eine beeindruckend verfilmte Metapher.

In einem Berliner Kino feierte am Mittwoch das Holocaust-Drama “Paradies” von Andrej Kontschalowski Deutschland-Premiere. Am Vorabend der Berlinale und Monate vor dem offiziellen deutschen Kinostart im April präsentierte das Deutsch-Russische Forum die preisgekrönte russisch-deutsche Produktion vor allem Fachpublikum, das sich so eine eigene Meinung über den viel diskutierten Film bilden konnte. Das Vorhaben war ein Erfolg: Der langatmige Schwarzweißfilm kam gut an, niemand verließ den Saal bevor der Abspann nicht vollständig gelaufen war. Das sonst laute und verwöhnte Berliner Publikum schwieg nach dem dramatischen Finale für mehrere Minuten.

Was hatte das Publikum gesehen? Gewiss war es großes Kino. Drei Erzähler schildern ihr Leben: Die in Paris lebende russische Gräfin Olga, der deutsche Aristokrat und überzeugte Nazi Helmut und ein unglücklicher französischer Polizeikommissar, der mit den Nazis kollaborierte, befinden sich inmitten eines Vorstellungsgesprächs, vielleicht gar einem Verhör, bei Gott höchstpersönlich. Auf dem Spiel steht der Zugang ins Paradies, alle drei müssen ihr Leben erklären. Helmut und Olga hatten eine Urlaubsaffäre, nun ist sie eine Gefangene in einem Vernichtungslager. Er ist wiederum ein Inspekteur, der in dem Lager Korruptionsvorwürfe untersuchen soll. Während Olga ums Überleben kämpft, verfällt Helmut immer tiefer in seine Übermensch-Fantasien und verliert den Bezug zur Realität. Wer darf später ins Paradies? Die Antwort, die Kontschalowski gibt, wird den Zuschauer kaum überraschen. Doch darum geht es eigentlich nicht.

Die größte Überraschung des Filmes ist wohl Kontschalowski selbst. Der 79-Jährige zeigt sich in diesem Film so mutig, experimentfreudig und unkonventionell, als wäre er erst 25. Da, wo früher technische Perfektion herrschte, ist jetzt Platz für Improvisation: Längere Filmabschnitte wurden in Improvisationsübungen geboren, die Schauspieler durften ihren Text selber schreiben. Der Regisseur spielt mit dem Dokumentarfilmformat und wechselt zwischenzeitlich ins Mystische: In einer Szene trifft Helmut im Wald auf Geister. Es ist eine Freude, zu betrachten, wie leicht er verschiedene Genres und geographische Grenzen vermischt und überschreitet.

Mehr Metapher als historisches Drama

Die Handlung spielt in Frankreich, Deutschland, Italien und einem nicht näher benannten Vernichtungslager. Ein Deutscher, eine Russin und ein Franzose sind durch das gesamteuropäische Schicksal miteinander verbunden. Es ist ein Schicksal, das Menschen herausfordert und sie entweder zu Monstern oder zu Heiligen werden lässt. Zwischenspiele gibt es nicht. Kontschalowski hat ein eigenes Konzept von Europa, eine eigene Vision von jenem Kontinent, auf dem er sich daheim fühlen kann. Er ist ein lupenreiner Europäer und ist absolut überzeugt, dass Europa ohne Russland nicht funktionieren könne. Emotionen und Botschaften sind für ihn wichtiger als historische Fakten: “Paradies” ist kein zeitgeschichtliches Dokument, es ist eine Metapher – mit einer starken Geschichte.

Eine deutsche Frau, die neben mir saß, reagierte sehr emotional auf unerwartete Wendungen in der Handlung: Diese Momente wurden stets von ihren Zwischenrufen begleitet. Kontschalowski hätte es sicherlich gefreut. In seinem Interview mit RBTH äußerte er Zweifel, ob das deutsche Publikum Zugang zu dem Film finden können würde. Es konnte: Der Film habe berührt, sagt ein Besucher nach der Vorführung. Ein anderer schlug vor, ihn im Bundestag zu zeigen. „Im Film wurde viel zu oft über Tschechow gesprochen. Dabei schießen dort längst nicht alle Gewehre”, bemerkte ein Zuschauer, der damit auf einen berühmten Satz Tschechows verwies: „Wenn am Anfang eines Dramas ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im letzten Akt schießen”. Kontschalowskis Figuren sind anders: Manchmal lassen sie die Gewehre hängen, um sich selbst freiwillig zu opfern. Das „Paradies”, die himmlische Belohnung, ist für sie wichtiger als aktiver Widerstand.

„Paradies” ist nicht nur Kontschalowski, es ist vor allem die große schauspielerische Leistung der russischen Star-Schauspielerin Julia Wysotskaja und dem eher unbekannten Theaterschauspieler Christian Clauss aus Dresden. Man kann schwer von einem Duo sprechen, zwischen den beiden will keine „Chemie“ entstehen. Doch ihre Sololeistungen überzeugen vollkommen. Eine echte Überraschung stellte der berühmte russische Schauspieler Wiktor Suchorukow in der Rolle Heinrich Himmlers dar. Doch wir wissen genug von Kontschalowski, um feststellen zu können: Grenzen und Nationalitäten spielen für ihn keine Rolle. Das „Paradies” ist offen für alle, aber es ist schwer, einen Weg dorthin zu finden.

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