Gütersloh und Rschew: Freundschaft über historischen Gräben

Rschew und Gütersloh sind seit März 2009 Partnerstädte.

Rschew und Gütersloh sind seit März 2009 Partnerstädte.

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Die Städtepartnerschaft zwischen Gütersloh und Rschew ist gerade einmal acht Jahre alt. Doch ihre Bedeutung für die deutsch-russische Freundschaft ist kaum zu überschätzen: Sie ist Höhepunkt eines Prozesses, der auf ganz persönlicher Ebene begann und bis zur historischen Aufarbeitung führte.

Ein weites Feld am Rande der russischen Kleinstadt Rschew im Gebiet Twer, rund 200 Kilometer nordwestlich von Moskau. Hier wird – übersichtlich und genau dokumentiert – deutsch-russische Geschichte bewahrt. Der sogenannte „Friedenspark“ Rschew besteht aus mehreren Denkmälern für verschiedene Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs und vor allem einem doppelten Soldatenfriedhof: Über 50 000 Menschen liegen hier begraben – etwa 14 000 Rotarmisten und 38 000 Wehrmachtssoldaten nebeneinander, ein Konzept, wie es es sonst in Russland nur noch in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, gibt.

Rschew, die „erste Stadt an der Wolga“, galt als „Sprungbrett“ nach Moskau, darum wurde es zwei Jahre lang, zwischen 1941 und 1943, aufs Brutalste umkämpft. Die Verluste aufseiten der Sowjetunion beliefen sich auf bis zu zwei Millionen Menschen, bei den Deutschen waren es kaum weniger. Von 20 000 Rschewern überlebten die Okkupation durch die Wehrmacht nur etwa 150, von über 5 000 Wohnhäusern blieben keine 300 übrig. 90 Prozent der Stadt wurden damals zerstört. Der heute offen zugängliche „Friedenspark“ ist ein Resultat zivilgesellschaftlichen Engagements. Ein anderes ist die – wenn auch noch junge – Städtepartnerschaft mit dem nordrhein-westfälischen Gütersloh.

Zwei Deutsche reichten die Hand

Alles begann 1992, als der Veteranenverein des ehemaligen Bielefelder Infanterie-Regiments 18 das Gespräch mit den ehemaligen Gegnern suchte. Kriegsveteran Ernst-Martin Rhein (1917-2016) leitete die Gemeinschaft. Sein Weggefährte Erich Vornholt (1915-2013) hatte 1991 nach einer europäischen Friedenswanderung des Verler Droste-Hauses bereits spontan einen Brief an die Veteranen der Stadt Rschew geschrieben. Beide sahen es als ihr Hauptziel an, die Verständigung mit dem ehemaligen sowjetischen Gegner zu suchen und die entstandenen historischen Gräben zu überwinden. Rhein war überzeugt, dass in Ausübung ihrer Pflicht gefallene sowjetische Soldaten in gleicher Weise zu ehren seien, wie es bei Gefallenen der Westalliierten selbstverständlich war.

Deutsche Kriegsgr&auml;berst&auml;tte in Rschew.\nPeggy Lohse<p>Deutsche Kriegsgr&auml;berst&auml;tte in Rschew.</p>\n
Plan des Deutschen Soldatenfriedhofs in Rschew.\nPeggy Lohse<p>Plan des Deutschen Soldatenfriedhofs in Rschew.</p>\n
 
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Dafür wurde das Kuratorium Rschew gegründet, das seitdem regelmäßig Delegationen in die Wolgastadt holte. Durch Begegnungen sollten das gegenseitige Verstehen und Vertrauen wachsen und Hass und Vorurteile abgebaut werden. Dafür besuchen bis heute jedes Jahr ehemalige deutsche Soldaten und Angehörige von Gefallenen Rschew; dortige Kriegsveteranen, Deutschlehrer, Schüler, Ärzte, Historiker und Journalisten reisen regelmäßig nach Deutschland. Im Erholungszentrum „Sarnitza“ nahe Rschew an der Wolga werden Jugendaustausche unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern“ veranstaltet. Diese unterstützt und realisiert vor allem der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK), der – wie bereits von Kuratoriumschef Rhein gefordert – die Idee eines gemeinsamen deutsch-russischen Soldatenfriedhofs vorantrieb. 2002 wurde dieser dann eröffnet. Bis heute werden hier Gefallene identifiziert, Gräber beschriftet, Angehörige gesucht und informiert.

Für Versöhnung und Frieden

In dem kleinen „Friedenspark“-Museum lagern neben allerlei Kriegsutensilien wie Aspirinschachteln und Identifikationskapseln der Soldaten auch die sogenannten Namensbücher des VDK. Dank der „deutschen Gründlichkeit“, den geografischen Gefallenen-Karten und der damaligen Soldatenpflicht, die Erkennungsmarke in keinem Fall abzulegen, seien bereits 99 Prozent der Tausenden in Rschew beigesetzten Wehrmachtssoldaten identifiziert worden, erläutert Museumsdirektorin Natalja Dranowa.

Die Kriegsutensilien im Friedenspark-Museum.\nPeggy Lohse<p>Die Kriegsutensilien im Friedenspark-Museum.</p>\n
Die Kriegsutensilien im Friedenspark-Museum.\nPeggy Lohse<p>Die Kriegsutensilien im Friedenspark-Museum.</p>\n
Deutsche Agitationsschriften\nPeggy Lohse<p>Deutsche Agitationsschriften</p>\n
 
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In den fünf dicken Namensbüchern, dem Resultat von 15 Jahren akribischer Arbeit, können Angehörige nach ihren Verwandten suchen. Von den sowjetischen Soldaten am Ort seien bislang aber gerade einmal 500 identifiziert worden, sagt Dranowa. Selbst wenn sie ihre Identifikationskapsel bei sich getragen hätten, so sei die Beschriftung des Papiers entweder mittlerweile unleserlich, besonders wenn der Körper jahrzehntelang im Moor gelegen hatte. Oder der Name war gar nicht ausgefüllt worden.

All diese Versöhnungsinitiativen und die bereits bestehenden regelmäßigen Projekte rund um den „Friedenspark“ wurden im März 2009 offiziell gekrönt: Rschew und Gütersloh sind seitdem Partnerstädte. In der Urkunde heißt es: „Im Bewusstsein der leidvollen Geschichte des russischen und des deutschen Volkes, in dem Willen, eine gemeinsame friedliche Zukunft zu gestalten, und in der Hoffnung, Freundschaft und gegenseitiges Verständnis zu vertiefen, haben die Städte Rschew und Gütersloh eine Städtepartnerschaft beschlossen. (...) Sie wollen durch ihre Partnerschaft mit dazu beitragen, dass der Weg bereitet wird für Versöhnung, Frieden und Verständigung zwischen allen Völkern und Menschen.“

In diesem Sinne werden all die in den neunziger Jahren angestoßenen Projekte bis heute durchgeführt. Beim VDK hieß es noch im letzten Jahr, dass die Bewerberzahlen aktuell steigen würden, erstmals habe man nicht alle Interessenten mitnehmen können. 2017 feiert das Austauschprojekt bereits 20. Geburtstag.