Das Volk der Setukesen: Leben an der russisch-estnischen Grenze

15. Juni 2017 Julia Kortschjagina
Bis zum Untergang der Sowjetunion lebten die Setukesen auch auf russischem Boden nach ihren Traditionen, die größtenteils im 19. Jahrhundert geformt wurden. Seit ihr Gebiet aber durch die russisch-estnische Grenze zerschnitten wird, ist der Erhalt ihrer Kultur ungleich schwieriger geworden. Nahezu alle Setukesen wanderten nach Estland aus. Ein kleines Museum im Dorf Sigowo zeigt jedoch noch heute eindrucksvoll, wie das Volk auch in Russland zu leben pflegte.

Frauen in "Suur Solg" / YouTube / Visit Setomaa Frauen in "Suur Solg" / YouTube / Visit Setomaa

Die Häuser des Dorfes Sigowo sind kaum zu bemerken hinter dem üppigen Grün der Bäume und Gärten. Die Stille wird nur vom Bellen der Hunde durchbrochen. Im Sommer kommen Besucher hierher, und an besonderen Tagen auch Vertreter des indigenen Volkes der Setukesen aus Estland. Sie besuchen die Gräber ihrer Vorfahren und die elterlichen Häuser.

„Sigowo ist das einzige Dorf in Russland, das ein Siedlungsschwerpunkt für die Setukesen war“, erzählt Tatjana Ogarjowa. Sie ist Direktorin des Museums der Setukesen. „Ich war begeistert, als ich in den 1980er-Jahren erstmals hierher kam. Die Setukesen lebten wie im 19. Jahrhundert, waren landwirtschaftlich tätig und produzierten alles selbst, von der Kleidung bis zu Werkzeugen. Russisch sprach kaum jemand.“

Tatjana erzählt auch, wann die Setukesen aus dem Ort verschwanden. „Das passierte, als man die Grenze zwischen Russland und Estland in den 1990er-Jahren errichtet hatte. Bevor die Menschen weggingen, malte die Künstlerin Maria Tjurina aus Sankt Petersburg jeden der 21 Einwohner des Dorfes. Deshalb sind nun im Museum Puppen mit Gesichtern der letzten Setukesen zu sehen.“ Touristen reagierten unterschiedlich auf die Puppen, sagt Tatjana: „Manche erschrecken oder bekommen Angst, andere sind so beeindruckt, dass sie später wiederkommen.“

Eine Sammlung der eigenen Tradition

 / Polina Kochetkova / Polina Kochetkova

Als die Setukesen Sigowo verließen, beschlossen sie, die Erinnerung an ihr Leben im Dorf zu bewahren. Deshalb begannen sie, die verschiedensten Sachen aus ihren Häusern zu sammeln. Diese sind nun im Museum ausgestellt. Jeder Gegenstand, der hier zu sehen ist, wurde in Handarbeit gefertigt. So sei das erste Museum dieser Art auch zu seinem Namen „Die Verfasser-Sammlung“ gekommen, berichtet Tatjana.

Die kleine, grauhaarige und doch sehr lebhafte Direktorin des Museums verlässt das Dorf nur dann, wenn es unbedingt notwendig ist. Sigowo ist nicht einfach zu erreichen: Zunächst muss man mit Zug oder Bus von Sankt Petersburg nach Pskow reisen, von dort mit einem weiteren Bus bis nach Petschory. Dann müssen weitere acht Kilometer mit dem Auto oder zu Fuß bewältigt werden. Ogarjowa wohnt das ganze Jahr im Dorf: Im Sommer sind viele Touristen vor Ort und damit auch viel Arbeit, im Winter aber lebt sie in der ständigen Angst, das Dach des Museums könne unter der Last des Schnees zusammenbrechen. Alles steht und fällt mit Tatjana, die bereits 80 Jahre alt ist.

Am Tor des Holzhauses hängt ein Schild: „Museum des Volkes der Setukesen“ steht darauf geschrieben. Hühner laufen auf dem Gelände umher, im Garten stehen Apfelbäume. Tatjana öffnet die Tür zu einer unauffälligen Scheune. In ihr lagern die Relikte der Setukesen: Trachten, Webstühle und „Goldhandtücher“, die eigentlich lange weiße Leinenbahnen mit rotem Ornament sind und zur Schmückung von Ikonen genutzt wurden. Als die Einwohner das Dorf verließen, mussten sie viel zurücklassen. Viele taten dies aus der Not heraus, andere sahen keinen Wert in ihrer Tradition und trennten sich gerne davon.

Das Museumsgebäude ist ein klassisches Beispiel des Baustils der Setukesen. Ein Teil des Hauses mit seiner hohen Decke wurde als Stall genutzt, ein weiterer als Wohnstätte. Den dritten Teil nutzte man als Heuboden. Erbaut wurde es von der Familie Külaots, irgendwann zwischen dem Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Setukesen verbrachten ihr ganzes Leben in solchen Bauwerken.

Dort, wo sich Grenzen treffen

 / Polina Kochetkova / Polina Kochetkova

Schriftlich erwähnt wurden die Setukesen erstmals vom deutschen Reisenden Christen Nest Schlegel. Das war im Jahr 1815. Selbst ihr heutiger Name entstand erst im 19. Jahrhundert, davor nannte man das Volk einfach die „Pskow-Tschuden“. Das Volk lebte mehr als 500 Jahre in der Region Pskow-Petschory, friedlich neben Russen und Esten. Ihre Siedlungen befanden sich praktisch Tür an Tür.

Die Setukesen lebten immer im Grenzgebiet mehrerer Kulturen, darum übernahmen sie auch Traditionen der Wolga-Finnen, der Baltikum-Finnen und der Slawen. Das Museum in Sigowo ist das einzige Museum des Volkes in Russland und dieser einzigartigen gemischten Kultur.

Früher waren in Setumaa, wie die Einheimischen ihre Region selbst nannten, sowohl die Idee des privaten Eigentums als auch das Handwerk sehr gut entwickelt. Die Bauern erhielten ein Grundeinkommen aus dem Verkauf von Flachs und jeder versuchte, mit den Einnahmen so viel Land wie möglich zu kaufen, um weitere Rohstoffe anzubauen und zu verarbeiten.

Die Setukesen selbst nähten sich aus dem Flachs Kleider. Gleichzeitig erfreuten sich die bearbeiteten Stoffe aber selbst im Ausland großer Beliebtheit. Besonders die Briten kauften sie gerne, um daraus Segel und Seile für ihre Schiffe herzustellen.

Die Frauen und Männer des Volkes der Setukesen waren dabei in jeder Hinsicht Alleskönner: sie pflügten und bauten, flickten und bastelten. Im Museum sind dementsprechend auch viele alte Kleidungsstücke zu sehen. Darunter befinden sich Lederschuhe, die mit kleinen hölzernen Nägeln gefertigt wurden – und so die hohe Qualität des setukesischen Handwerks belegen.

Mit dem Ende der Sowjetunion wurden die Ländereien der Setukesen durch die russisch-estnische Grenze zerschnitten. Auf russischer Seite lebten vor allem ältere Menschen, die ihre Häuser und Gräber ihrer Vorfahren nicht verlassen konnten. Auf estnischer Seite lebten die Kinder und jüngere Angehörige.

Setukesen aus verschiedenen Dörfern treffen sich bis heute an wichtigen Feiertagen wie dem Tag der Geister, den man am 51. Tag nach Ostern begeht, oder während der Familienfeier Setumaa, die jedes Jahr vom 27. bis 29. August stattfindet. Zu diesen Feierlichkeiten kommen dann auch Gäste aus Estland nach Sigowo.

Die Kultur der Setukesen lebt weiter

 / Polina Kochetkova / Polina Kochetkova

An Feiertagen wird im Museum der Setukesen traditionelle Musik gespielt, man singt traditionelle Lieder und tanzt traditionelle Tänze. Auch das Volksfest Kirmasch wird hier gefeiert. Man spricht Russisch und Estnisch, die den Setukesen eigene Sprache beherrschen nur noch wenige Menschen, vor allem aus den älteren Generationen.  

Die Frauen tragen festliche weiße Hemden, rote Sommerkleider und einen breiten Gürtel, den man „Woo“ nennt. Sie binden sich Tücher um den Kopf und schmücken ihre Hälse mit viel Silber und dem Brustlatz „Suur Solg“. Die Männer tragen nach den alten Bräuchen Hemden mit weiten Ärmeln und einem fallenden Schnitt links oder in der Mitte, schwarze Hosen und ebenfalls einen Gürtel.

Seit es soziale Netzwerke gibt, können sich Setukesen aus Estland und Russland und selbst Angehörige des Volkes aus Sibirien treffen. Zusammen erinnern sie an das Leben ihrer Vorfahren an diesen Orten. „Unsere Kultur lebt weiter“, bestätigt der Kulturminister der Setukesen Aare Chyrn, der nach alten setukesischen Bräuchen gekleidet ist. „Leider erinnert sich kaum jemand an die Sprache; unsere Kinder sprechen meist Estnisch oder Englisch. Aber für Geburtstage und andere Feiertage singen sie setukesische Lieder. Das ist erstaunlich!“

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